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Psychotherapie
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Wenn Kinder und Jugendliche Abschied nehmen - Ohne zu klammern bei Tod und in der Trauer für sie da seinJena/Tübingen/Bergisch-Gladbach (01.11.2000) - Das verlassene Zimmer des kleinen Bruders; das nicht mehr benutzte Fahrrad der Schwester hinten im Schuppen; ein Foto von der besten Freundin auf ihrem letzten Schulfest - nach dem Tod eines nahe stehenden Menschen ruft jedes Erinnerungsstück immer wieder neue Schmerzen hervor und reißt gerade verheilte Wunden wieder auf. Für Jugendliche, die ohnehin bereits oft mit Identitätskrisen und Selbstzweifeln zu kämpfen haben, ist ein Todesfall besonders schwer zu verkraften. Viele kapseln sich ab und wollen ihre Schmerzen und inneren Konflikte vor ihrer Umgebung verbergen.In der Pubertät versuchen Jugendliche sich von ihren Eltern zu lösen und ihren eigenen Weg zu finden. Stirbt aber zum Beispiel ein Geschwisterkind, ist ein Rückfall in alte Verhaltensmuster möglich: Angesichts der mit ihrem Schmerz kämpfenden Eltern verspüren viele Teenager den Druck, in ihrer Nähe bleiben zu müssen. "Aber ihr innerer Entwicklungsauftrag spricht dagegen. Jugendliche wollen weg von zu Hause, nicht nur als Flucht aus der Trauer", sagt Gabriele Knöll, Psychotherapeutin und Geschäftsführerin der Bundesstelle des Vereins "Verwaiste Eltern" in Reppenstedt (Niedersachsen). "Eltern neigen in dieser Situation oft zum Klammern", beobachtet die erfahrene Trauerbegleiterin immer wieder. Dieses Festhalten an den verbliebenen Kindern müsse nicht unbedingt ausgesprochen werden: Oft reiche schon der Blick, wenn das Kind aus der Haustür geht, um diesem ein schlechtes Gewissen zu machen. Solche stillen Vorwürfe machen Jugendlichen das Leben unnötig noch schwerer. Eltern oder andere Erwachsene sollten ihnen zwar zur Seite stehen und Hilfe anbieten, "aber nicht enttäuscht sein, wenn sie zurückgewiesen werden", sagt Professor Bernhard Blanz von der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitätsklinik in Jena. Teenagern in einer solchen Trauer-Situation Hilfe zu geben, ist extrem schwierig, meint auch Helga Käsler-Heide, Psychotherapeutin aus Tübingen. Vor allem Jungen seien nicht dazu bereit, über ihre Probleme zu sprechen: "Sie ziehen sich zurück, als Erwachsener hat man kaum eine Chance, an sie heranzukommen." Die Umwelt muss einen regelrechten Balance-Akt vollbringen: immer da sein für den Jugendlichen, ohne sich aufzudrängen. Loslassen zu können sei schwer, aber wichtig, denn trauernde Jugendliche neigten dazu, "diese Dinge mit sich selbst abzumachen", so Bernhard Blanz. Ein wesentlicher Teil der Trauerarbeit wird seiner Erfahrung nach in der Clique bewältigt. Allerdings reagierten auch die Freunde häufig überfordert, wenn sie mit dem Thema Tod und Trauer konfrontiert werden, weiß Helga Käsler-Heide. "Die Freunde sind zunächst schockiert. Plötzlich kommen eigene Ängste hoch, dass einem selbst ja auch so etwas passieren könnte", so die Psychotherapeutin. "Aber das hält meist nur kurze Zeit an, dann soll das Leben wieder normal weitergehen." Alles läuft schnell wieder normal - Außenstehende haben manchmal den Eindruck, dass Jugendliche den Tod eines nahe stehenden Menschen erstaunlich schnell bewältigen und zur Tagesordnung übergehen. Schiefe Blicke und Getuschel folgen ihnen, wenn sie ein paar Wochen nach dem Tod der kleinen Schwester auf eine Party gehen. Damit wird ihnen Unrecht getan, sagt Gabriele Knöll: Die Musik besonders laut aufzudrehen oder in die Disko zu verschwinden, seien meist einfach Versuche, einmal den Schmerz über den Verlust vergessen zu wollen. Auch wenn ihnen dieses Verhalten Probleme verursacht, sollten es weder Eltern noch Verwandte oder Nachbarn negativ bewerten. Das erschwere den Jugendlichen nur die Verarbeitung des Geschehenen. "Man kann ihnen sagen, dass es einem selbst Schwierigkeiten bereitet und um Rücksicht auf die eigenen Gefühle bitten, muss es letztlich aber hinnehmen", rät Gabriele Knöll. Neben Trauer plagen Jugendliche oft auch Wut, Ärger und Schuldgefühle - etwa weil das Verhältnis zum verstorbenen Bruder oder der Schwester nicht ganz ungetrübt war und der geschwisterlichen Nervensäge das eine oder andere Böse an den Hals gewünscht wurde. Um diesen Selbstvorwürfen die Kraft zu nehmen, muss Kindern und Jugendlichen Mut zugesprochen werden. Eltern sollten ihren trauernden Kindern an konkreten Beispielen zeigen, was für eine Bereicherung sie für das Leben des toten Kindes waren, empfiehlt Gabriele Knöll. Auf keinen Fall sollten Jugendliche von der Trauer der Erwachsenen ausgeschlossen werden. "Kinder und Jugendliche haben sehr feine Antennen für Gefühle und merken sofort, dass etwas vor sich geht", sagt Bernhard Blanz. Auch für Helga Käsler-Heide ist das Einbeziehen in die gemeinsame Trauer eine wichtige Möglichkeit, Abschied zu nehmen: "Jugendliche müssen lernen, dass der Tod zum Leben gehört. Deshalb ist es nicht sinnvoll, sie schützen oder schonen zu wollen". "In unserer Gesellschaft lassen wir uns die Toten stehlen", sagt der 51-jährige Fritz Roth. Der ehemalige Unternehmensberater hat aus seinem Bestattungshaus ein Institution gemacht, die eine Alternative zum eingefahrenen Umgang mit Tod und Trauer anbieten will. "Der Tod beendet die Liebe nicht", sagt Roth. Oft genug verhinderten ein enges gesetzliches Regelwerk und gesellschaftliche Konventionen einen Abschied, aus dem die Angehörigen Kraft für einen neuen Anfang schöpfen könnten. "Wenn Menschen ihre Trauer ausleben könnten, würde das Gesundheitssystem Milliarden sparen," ist Roth überzeugt. Kosten, die entstehen, weil Menschen durch unbewältigte Trauer in Depressionen oder andere seelische bedingte Krankheiten getrieben werden. Kurz nachdem der Totenschein unterschrieben ist, holt der Bestatter den Verstorbenen ab, ein paar Tage später kommt der Abschied auf dem Friedhof. Und nach einer halben Stunde werden die Angehörigen mit ihrer Trauer nach Hause geschickt. Das muss nicht sein, findet Roth. In seinem "Haus der menschlichen Begleitung" stehen die Wünsche und Bedürfnisse der Angehörigen im Mittelpunkt, auch wenn sie nicht den einschlägigen Vorschriften und Ritualen entsprechen. Hier können die Angehörigen ihren Toten selbst anzuziehen und versuchen, einen Abschied zu finden, der dem Verstorbenen und den eigenen Gefühlen gerecht wird. Da wandert auch schon mal eine Flasche Hochprozentiger und einige Schachteln Zigaretten mit in den Sarg, aber auch Angelruten und Modelleisenbahnen werden den Verstorbenen mitgegeben. Hier kann eine Künstlerin über Tage ihre tote Mutter skizzieren und eine Schulklasse mit Chorgesang ihre Mitschülerin verabschieden. Paul, gestorben am plötzlichen Kindstod, war ein ausgesprochen zufriedenes Baby gewesen. "Buddha" war der Kosename der Eltern für den Säugling gewesen und friedlich wie Buddha lag Paul auch im offenen Sarg. Er trug den Strampelanzug, den seine Mutter ihm gestrickt hatte. Seine dreijährige Schwester spielte im gleichen Raum, hier malte sie das Bild, das sie ihrem Bruder mit in den Sarg gab. Und hier konnte der Vater seinen toten Sohn stundenlang in den Armen halten und so von ihm Abschied nehmen. Möglich wurde dies im "Haus der menschlichen Begleitung" in Bergisch-Gladbach. Das helle, großzügige Anwesen auf einem Hügel vor den Toren Kölns hat nichts von einem konventionellen Bestattungshaus, es erinnert vielmehr an ein gutbürgerliches, familiäres Landhotel. In "Abschiedszimmern" sind die Verstorbenen aufgebahrt, auf Wunsch der Angehörigen auch im offenen Sarg, in den Kleidern, in denen sie sich zu Lebzeiten am wohlsten gefühlt haben. Die Zimmer sind in warmen Holztönen eingerichtet, gemütliche Möbel laden zum Sitzen und Verweilen ein. Rund um die Uhr sind diese Räume für Familie und Freunde geöffnet. Hier wird geweint und gebetet, manchmal aber auch gelacht, gesungen und gefeiert. "Trauer braucht eine Heimat, einen Ort, der die ganz persönliche Auseinandersetzung mit Tod und den Beginn der Trauer ermöglicht", ist das Credo von Fritz Roth. Roth weigert sich, die Toten kosmetisch zurecht zu machen. In den überwiegenden Fällen sei der Anblick der Leichen durchaus zumutbar: "Die Angehörigen sollen erkennen, dass hier der Teil eines Menschen gestorben ist, der vergänglich ist. Das, was die Verstorbenen wirklich ausgemacht hat, ihre Gedanken und Visionen, tragen wir in unseren Herzen weiter." Doch alleine mit der angemessenen, individuellen Begleitung bis zur Beisetzung sieht Roth seine Arbeit nicht getan. In seiner "Privaten Trauerakademie" bereitet er Menschen darauf vor, die eigene Sterblichkeit wieder zum bewussten Teil ihres Lebens zu machen. Regelmäßig lädt Roth Literaten, Künstler und Musiker in sein Haus, bundesweit Aufsehen erlangte seine Veranstaltungsreihe "Tod und Kabarett". Die Kirchen schicken ihre Jungpriester zu ihm, es kommen Schulklassen aller Altersstufen, aber auch Krankenpfleger und Theologen; Menschen, für die der Umgang mit Tod und Trauer Teil ihres Berufes ist. Auf diese Weise gehen jährlich 4.000 Menschen durch das "Haus der menschlichen Begleitung". Dazu kommen die Angehörigen der Verstorbenen, die auch nach der Beisetzung in Seminaren und Gesprächskreisen über ihren Verlust reden können, solange, wie es ihnen wichtig ist. Besondere Angebote hat Roth für Eltern, die ihre Kinder verloren haben und auch für Kinder, die mit Puppenstücken und Buntstiften den Verlust eines nahen Angehörigen verarbeiten können. [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 01. November 2000] Zum Thema
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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