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Der Dichter im Hölderlinturm nur auf der Suche nach Ruhe? "Scardanelli"-Filmuraufführung am Originalschauplatz in TübingenTübingen (12.10.2000) - Ein einzigartiges kulturhistorisches Spektakel zur Erinnerung an den Dichter Friedrich Hölderlin (1770-1843) steht an einem originalen Schauplatz bevor. Auf der Neckarinsel in Tübingen findet am 20. und 21. Oktober 2000 die Uraufführung von Harald Bergmanns Film "Scardanelli" statt. Der Streifen wird auf eine Großbildleinwand direkt neben dem Hölderlinturm projiziert. Dort fristete der berühmte Schriftsteller mit dem hoch gelobten Sprachstil sein Leben seit 1807 in geistiger Umnachtung. Dieser Zeit im Leben des hymnischen Lyrikers ist der Film vorrangig gewidmet."Ich baue meinem Herzen ein Grab, damit es ruhen möge; ich spinne mich ein, weil überall Winter ist; in sel'gen Erinnerungen hüll ich vor dem Sturme mich ein." "Es ist oft wünschenswerter, bloß mit der Oberfläche unseres Wesens beschäftigt zu sein, als immer seine ganze Seele, sei es in Liebe oder in Arbeit, der zerstörenden Wirklichkeit auszusetzen" - dies schrieb der in Lauffen am Neckar geborene Dichter Johann Christian Friedrich Hölderlin (1770-1843), dem ab 1802 nervliche Erregungs- und Erschöpfungszustände zusetzten. "Ich fürchte, das warme Leben in mir zu erkälten an der eiskalten Geschichte des Tags, und diese Furcht kommt daher, weil ich alles, was von Jugend auf Zerstörendes mich traf, empfindlicher als andre aufnahm." "Lass die Welt ihren Gang tun, wenn er nicht aufgehalten werden kann, wir gehn den unsern." Erzählt wird also die Geschichte des Dichters in der Zeit, die er in Kost und Aufsicht bei der Schreinerfamilie Zimmer im seinem am Neckar gelegenen Turm, dem ehemaligen umgebauten Stadtturm, verbrachte. Szenen, Dialoge und Zeugenaussagen im Drehbuch bedienen sich ausschließlich der zahlreichen überlieferten Dokumente und Gedichte, kein Wort entstammt pseudopoetischer Fantasie. "Es ist nichts so klein und wenig, woran man sich nicht begeistern könnte." Gleichwohl kann "Scardanelli" nicht als Dokumentarfilm gelten. Augenzeugen treten auf, die sich an ihre Bekanntschaft mit Hölderlin erinnern, aber die Schauspieler agieren ohne historische Kostüme vor zeitgenössischen Kulissen. "Einmal lebt ich wie Götter, und mehr bedarf's nicht." Die tragische Persönlichkeit des Klassikers ist in jüngster Zeit immer häufiger zum Filmthema geworden. Bisher allerdings standen stets seine jungen Jahre und die Liebesgeschichte mit der Frankfurter Bankiersgattin Susette Gontard im Mittelpunkt. Das galt zum Beispiel für Nina Grosses "Feuerreiter" (1998) und Herrmann Zschoches DEFA-Streifen "Hälfte des Lebens" (1985). Bergmann versuchte sich an der Biografie bereits mit den experimentellen "Hölderlin Comics" (1994) und dem Film "Das untergehende Vaterland" (1992). "So sehr mich mein Gemüt auch vorwärts treibt, so kann ich es doch nicht verleugnen, oft mit Dank und oft mit Sehnsucht an die Jugendtage zu denken, wo man noch mehr mit seinem Herzen als mit dem Verstande leben darf und sich und die Welt noch zu schön fühlt, als um seine Befriedigung einzig im Geschäft und im Fleiße suchen zu müssen." "Scardanelli" heißt das neue Werk, weil Hölderlin mit diesem Wahlnamen seine letzten Gedichte unterzeichnete. Als man ihm eine Ausgabe seiner früheren Gedichte ins Turmzimmer brachte, beschied der Schriftsteller dem Besucher: "Ja, die Gedichte sind echt, die sind von mir, aber der Namen ist gefälscht! Ich habe niemals Hölderlin geheißen, sondern Scardanelli...!" "In jüngeren Tagen war ich des Morgens froh, des Abends weint´ ich; jetzt, da ich älter bin, beginn` ich zweifelnd meinen Tag, doch heilig und heiter ist mir sein Ende." Psychiater konstatierten an späten Texten eine "katatonische Form der Verblödung". Andere Forscher haben hingegen gemeint, der Dichter, der in seinem Turm auch zeichnete und Klavier spielte, sei gar nicht "verrückt" im klassischen Sinne gewesen, sondern habe sich nur verstellt. Die im Film in fingierten Interviewsituationen von Zeitzeugen wie Christoph Theodor Schwab, Wilhelm Waiblinger und Lotte Zimmer berichtete Gewohnheit Hölderlins, Besucher mit "Eure Majestät" und "Eure Heiligkeit" anzureden, ist so wenig ein stichhaltiger Beweis für Irresein wie seine Art, Blumen zu pflücken, fein zu zerreißen und dann in die Tasche zu stecken. "Ich suche nur Ruhe." Die Hauptrolle in Bergmanns Film spielt Andre Wilms, die Gedichte spricht Walther Schmidinger. An der Produktion mit Schwerpunkt in den Babelsberger Studios beteiligten sich Filmfördergesellschaften mehrerer Bundesländer und der Südwestrundfunk. Der Streifen kann bei seiner Uraufführung von einer Tribüne mit 300 Sitzplätzen aus betrachtet werden. "Was kümmert mich der Schiffbruch der Welt, ich weiß von nichts als meiner seligen Insel." Immer wieder ist erörtert
worden, ob und inwieweit Hölderlin in seinem Turm überhaupt unter
einer Krankheit gelitten hat. Der Schweizer Schriftsteller Robert Walser
(1878-1956) hatte da so seine Zweifel: "Ich bin überzeugt, dass Hölderlin
die letzten dreißig Jahre seines Lebens gar nicht so unglücklich war,
wie es die Literaturprofessoren ausmalen. In einem bescheidenen Winkel
dahinträumen zu können, ohne beständig Ansprüche erfüllen zu müssen,
ist bestimmt kein Martyrium. Die Leute machen nur eins draus." [Zitierweise
dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 12. Oktober 2000]
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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