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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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42. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Jena - Deutsche Psychologie am Scheideweg

Jena (23.09.2000) - Von Dietmar G. Luchmann. Viele Psychologen und Psychotherapeuten in Deutschland sträuben sich  gegen den wissenschaftlichen Fortschritt, sind großenteils in unzähligen mehr oder weniger bedeutungslosen Verbänden provinziell und ideologisch versumpft und attackieren wütend und gehässig jeden, der diesen von Außenstehenden belächelten und für Patienten fatalen Zustand verändern will. Der von der Deutschen Gesellschaft für Psychologie mit dem "Preis für Wissenschaftspublizistik" ausgezeichnete Psychologie-Journalist Rolf Degen wurde von der noch immer mächtigen Kaste der Psychoanalytiker für sein vor wenigen Tagen im Eichborn-Verlag erschienenes "Lexikon der Psycho-Irrtümer" bereits übel verunglimpft (siehe PSYCHOTHERAPIE Report vom 22.09.2000).

Die deutschen Psychologen stehen nach Ansicht des Jenaer Entwicklungspsychologen Profossor Rainer K. Silbereisen an einem Scheideweg zwischen Weltoffenheit und wissenschaftlicher Bedeutungslosigkeit. "Wir müssen noch weltoffener werden und stärker mit anderen Fachrichtungen zusammenarbeiten", sagte der Wissenschaftler in einem Gespräch vor dem Beginn des 42. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Jena. Silbereisen leitet den Kongress, zu dem von diesem Sonntag an bis Donnerstag (24. bis 28. September) etwa 2.000 Wissenschaftler erwartet werden.

Für Weltoffenheit sei ein Austausch in beiden Richtungen nötig, quasi als "Zweiwegstraße", meinte Silbereisen. "Wir verlieren die besten deutschen Nachwuchspsychologen an das Ausland, doch wir wollen auch, dass die Besten aus aller Welt nach Deutschland kommen." Damit die deutsche Psychologie internationaler werde, müssten die Habilitation abgeschafft oder erleichtert und die Arbeiten in Englisch publiziert werden. Erforderlich seien mehr internationale Gremien für Zeitschriften von deutschen Herausgebern und die besondere Honorierung von internationalen Forschungsleistungen.

Der Kongresspräsident plädierte zugleich für mehr Kooperation, so mit den Neurowissenschaften und Wirtschaftswissenschaften, bei der Suche nach Lösungen für die wichtigen Fragen des neuen Jahrhunderts. Dazu zählte er die Globalisierung, die Genomfunktion, Migration und Multimedia. Dies gehe nur im internationalen Rahmen. "Das Fremde muss für uns Leitschnur sein, weil Psychologie die universelle Menschennatur zum Gegenstand hat", sagte der Wissenschaftler. "Auf diesem Kongress wird auch vorgetragen, dass ein wesentlicher Grund für die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland die mangelnde Vertrautheit mit dem Fremden ist."

Um Kontakte zwischen allen Teilnehmern zu entwickeln, haben Silbereisen und sein Organisationsteam für den Kongress in Jena besondere Formen geschaffen wie das so genannte Heimkehrer-Programm. "Wir haben zum Beispiel deutsche Psychologen eingeladen, die ins Ausland gegangen sind und dort ihr Glück gemacht haben." Das seien Emigranten ebenso wie junge Leute, die gleich ins Ausland berufen wurden.

Die beklagenswerte Situation der deutschen Psychologie und Psychotherapie ist auch eine Folge des Versagens der Wissenschaftspolitik und der ungenügenden Wissenschaftsförderung in der Bundesrepublik. Der baden-württembergische Wissenschaftsminister Klaus von Trotha (CDU) will deshalb den wissenschaftlichen Nachwuchs notfalls auch im Alleingang vorwärts bringen. "Begabte junge Menschen müssen von Staat und Gesellschaft gezielt gefördert werden", sagte von Trotha anlässlich des 24. Baden-Württemberg-Kolloquiums am 04.09.2000 in Stuttgart. Insbesondere bei der Förderung von jungen Wissenschaftlern mit abgeschlossenem Studium müsse zugelegt werden. Er hoffe, dass der Bundesgesetzgeber eine Reform der Personalstruktur an den Hochschulen umsetze. Ziele sind aus seiner Sicht, die Professorenschaft zu verjüngen, frühe eigenständige wissenschaftliche Tätigkeit zu forcieren und die Transparenz bei der Beurteilung von Nachwuchswissenschaftlern zu erhöhen.

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 23. September 2000]

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