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Psychotherapie
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Polizei tötet Behinderten mit 21 Schüssen - Bei Notruf einer Psychotherapeutin lässt sie sich dreiviertel Stunde ZeitUlm (22.09.2000) - Von Dietmar G. Luchmann. Gemütlich ist es bei der deutschen Polizei nicht. Die Aggressionen nehmen in der deutschen Lach- und Schießgesellschaft allenthalben zu und die Politiker haben mit ihrem "System der organisierten Verantwortungslosigkeit", wie der Staatsrechtsprofessor Hans Herbert von Arnim aus Speyer kritisiert, daran ihren Anteil. Der letzte Polizist, der vor geraumer Zeit in meiner Praxis auf "der Couch" saß, erklärte mir deprimiert, früher sei er dafür da gewesen, die Bürger zu schützen, inzwischen habe die Polizei jedoch "die da oben" vor dem Bürger zu schützen. Kein Wunder also, wenn deutsche Polizisten sich ständig bedroht fühlen.Nun ist ein Behinderter mit einem Spielzeuggewehr in der Hand von zwei Polizisten in einem Waldstück bei Ulm am Nachmittag des 19.09.2000 erschossen worden. Die beiden Beamten hätten das Spielzeuggewehr für echt gehalten und sich bedroht gefühlt. Mindestens 21 Schüsse haben sie auf den Mann abgefeuert und dabei ihre Waffen nachgeladen, teilte die Polizei am 20.09.2000 mit. Der 28-jährige Behinderte erlitt tödliche Verletzungen. Den Notarzt riefen die Polizeibeamten gegen 16.45 Uhr, ihr Opfer starb wenig später in einem Krankenhaus. Die Ulmer Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung gegen die Beamten. Nach ersten Untersuchungen war der geistig behinderte Mann von mindestens einer Kugel in die Leiste oder den Unterleib getroffen worden, sagte Oberstaatsanwalt Konrad Menz. Später verlautete, er sei von acht Schüssen getroffen worden. Sieben Mal getroffen wurde das rechte Bein. Tödlich war ein Schuss in die rechte Brust. Die Zahl von mindestens 21 Schüssen ergab sich nicht nur aus der Obduktion, sondern auch aus den aufgefundenen Patronenhülsen. Unklar blieb freilich, weshalb die Beamten mit so vielen Schüssen aus sieben bis zehn Metern Entfernung auf die vermeintliche Kalaschnikow des Behinderten reagiert haben. Wie eine Abbildung der Tübinger Landespolizei verdeutlichte, war das Plastikgewehr zwar der echten Waffe täuschend ähnlich, aber kleiner und sehr viel leichter. Die schwarz und holzfarbene Spielzeugwaffe ist in jedem Kaufhaus erhältlich. Der Behinderte, der seit sieben Jahren im Heim "Tannenhof" des Landeswohlfahrtsverbands in Wiblingen lebte, war vor einigen Jahren als Flüchtling aus Vietnam nach Deutschland gekommen, sagte Sprecher Stefan Wiegandt. Er soll sein Plastikgewehr geliebt haben wie Kinder ihren Teddybären. Er habe es vor Jahren von seinen Eltern geschenkt bekommen und immer griffbereit gehabt. Das Opfer war auf Grund einer Meningitis auf dem geistigen Stand eines Kindes stehen geblieben. Gegenüber anderen Heimbewohnern oder dem Personal sei er nie aggressiv gewesen. Um in das Waldstück zu gelangen, sei er über einen Zaun geklettert. "Es war bekannt, dass er die Tendenz hatte wegzulaufen", sagte Wiegandt. Der 28-jährige war zuvor von dem Behindertenheim als vermisst gemeldet worden. Im dem Wald hatten Spaziergänger den Mann beim Hantieren mit seinem Spielzeuggewehr beobachtet und die Polizei alarmiert. Die Ermittler gehen davon aus, dass es in dem Waldstück so diesig gewesen sei, dass die Beamten die Waffe nicht als Nachbildung erkannten. Vermutlich hatte ihr Opfer auf die Aufforderung stehen zu bleiben und die Waffe niederzulegen, nicht reagiert. Unklar ist aber, weshalb die Beamten dann mehr als elf Mal danebenschossen. Die Leiche des Opfers sollte am Mittwoch obduziert werden. Die Ermittlungen über die Hintergründe des Unglücks haben nach Polizeiangaben aus Gründen der Neutralität Beamte des Dezernats Sonderfälle bei der Tübinger Landespolizeidirektion übernommen. Die beiden betroffenen Beamten haben nach Angaben der Ulmer Polizei langjährige Diensterfahrung. Das dramatische "Gefecht" mit dem Behinderten habe die Beamten so mitgenommen, dass sie von Ärzten und Psychologen betreut werden mussten. Derzeit seien beide krankgeschrieben und hätten noch nicht einmal vernommen werden können. Der Umgang mit extremen Situationen wie der bei dem Unglück in Ulm ist nach Angaben eines Experten fester Bestandteil jeder Polizistenausbildung. Beim Schießtraining lernten die Beamten, gezielt auf Arme und Beine zu schießen, sagte der Leiter des Fachbereichs Einsatzmanagement der Freiburger Polizei-Akademie, Wilfried Schwab, am Freitag in einem dpa-Gespräch. "Sie können aber trainieren so viel sie wollen, es bleibt immer ein Restrisiko." Auch nach der Ausbildung besucht nach Worten von Schwab jeder Polizist regelmäßig Trainings. "Da werden solche Situationen nachgestellt." An der Freiburger Polizei-Akademie lernen die Polizisten zudem in Seminaren, wie Stress bewältigt werden kann. Dafür stünden spezielle Konflikthandhabungstrainer und mehrere Psychologen bereit. Sie vermittelten den Beamten unter anderem, wie Konflikte ohne die Benutzung von Waffen zu entschärfen seien. Trotzdem sei es für Polizisten sehr schwierig, im Ernstfall richtig zu reagieren. "Solche Situationen treten in der Regel vollkommen überraschend auf", sagte Schwab. Der betroffene Beamte habe nur Sekundenbruchteile zum Überlegen und Handeln. "Wenn sie in einer Extremsituation aus zehn Metern Entfernung eine Hand treffen wollen, ist die Chance, dass sie daneben schießen, allerdings sehr hoch." Außerdem seien die wenigsten Konfliktsituationen miteinander vergleichbar. Deshalb könnten in den Trainings keine Pauschalrezepte gelehrt werden. "Der Kollege muss letztlich jeweils aus der konkreten Situation heraus entscheiden, wie er sich verhält", sagte Schwab. Selbst wenig überraschende Ereignisse führen Polizisten mitunter zu Entscheidungen, die kaum nachvollziehbar sind. Als vor einiger Zeit eine psychotherapeutische Kollegin in ihrer Praxis unweit des Stuttgarter Regierungspräsidiums, in dessen Gebäude sich ein üppiges Polizeirevier befindet, an einem Freitag um 12.39 Uhr über den Polizeinotruf Hilfe anforderte, weil eine Patientin aus dem Fenster zu springen drohte, ließen die Beamten sich eine volle dreiviertel Stunde Zeit - trotz zwischenzeitlicher telefonischer Mahnung von der Psychotherapeutin. Die Erklärung der Beamten ist kaum glaublich: Freitag Mittag um eins sei Dienstübergabe und und und... Inzwischen war die Patientin entflohen und musste polizeilich gesucht werden. Dafür funktionieren polizeilicher Scharfsinn und Informationsübertragung in anderen Bereichen exzellent. Als Monate später das Praxisauto vor derselben Praxis - ein bescheidener Kleinwagen - versehentlich nicht rechtzeitig die Hauptuntersuchung absolvierte, bemerkte das scharfsichtige Auge der Polizisten die abgelaufene Plakette sofort. Nein, nicht dass sie an der psychotherapeutischen Praxis geklingelt hätten, um freundlich darauf aufmerksam zu machen: Sie kamen abwechselnd im Zwei-Tagesabstand mit Strafzetteln, die sie (klammheimlich?) hinter den Scheibenwischer klemmten. Waren sie fleißige Punktesammler oder fühlten sich die Polizisten von der Psychotherapeutin bedroht? Nun, seit dieser Geschichte habe auch ich in meiner Praxis keine Polizeibeamten mehr auf die Sessel gelassen: Man kann ja nie wissen, wann bei den Beamten ein Bedrohungsgefühl durchbricht. Und wenn dann die Polizei nicht kommt... [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 22. September 2000]
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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