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TV für Kids wichtiger als Computer: Kinder wollen auch beim Fernsehen ihren Wissensdurst stillenMainz (20.09.2000) - Keine Freizeitbeschäftigung außer Freunde zu treffen ist bei Kindern beliebter als das Fernsehen. Etwa eineinhalb Stunden verbringt jedes Kind im Alter zwischen drei und 13 Jahren im Bundesdurchschnitt täglich vor der Glotze. In der bunten Fernsehwelt bieten ihnen fast alle Sender viel Spaß und Spannung, Unterhaltung und Abenteuer. Woran es aber offenbar trotz des wachsenden Angebots mangelt, sind Informationssendungen für Kinder, bedauerten Medienexperten bei der heute zu Ende gegangenen medienpädagogischen Tagung in Mainz mit dem Titel "Reiche Kindheit aus zweiter Hand?"."Ein wichtiges Grundbedürfnis im Kindesalter wird nur durch ganz wenige Sendungen abgedeckt; das ist, den Wissensdurst stillen und verstehen lernen, wie die Welt funktioniert", stellte die Psychologin Brigitte Melzer-Lena vom Institut iconkids & youth (München) fest. Kinder seien von Natur aus neugierig und wollten die Welt auf möglichst unterhaltsame Art verstehen lernen. Nach Darstellung der ZDF-Medienforscherin Susanne Kayser interessieren sich Kinder zwar hauptsächlich für fiktionale Programme. Nachrichten, Ratgeber oder Talkshows folgten aber bei der TV-Nutzung an zweiter Stelle vor Werbung und Sport. Derzeit werden laut einer Studie des Instituts für Medienpädagogik in Forschung und Praxis (JFF/München) 18 Sendungen im Kinderprogramm und zwölf Sendungen im Erwachsenenprogramm angeboten, auf die der Begriff Wissenssendung passt. Die bekannteste und bei weitem beliebteste Sendung bei den Sieben- bis Zwölfjährigen ist demnach der ZDF-Klassiker "Löwenzahn" vor "Phillips Tierstunde" (ARD und KIKA) und dem Erwachsenen-Magazin "Welt der Wunder" (ProSieben). Eine Achtjährige meinte bei der JFF-Befragung: "Man hat nicht nur die Schule zum Lernen, sondern auch Löwenzahn." An eine Sendung zur Wissensvermittlung stellen die Kinder nach Erkenntnissen der Medienforscher höchste Anforderungen: Die ideale Sendung soll von der Thematik vielfältig sein, immer etwas Neues bieten, Vergnügen bereiten, von sympathischen und kompetenten Moderatoren wie Peter Lustig (Löwenzahn) - den sich der ZDF-Nachrichtenmann Wolf von Lojewski als Idealtyp sogar für das "heute-journal" wünscht - in kindgerechter Sprache präsentiert werden und Kinder einbeziehen. "Ein fiktionales Informationsprogramm zu machen, ist das schwierigste, was es gibt", meint Albert Schäfer von der studio-tv-film GmbH (Berlin), die unter anderem "Löwenzahn" und "Siebenstein" produziert. Da die Produktion solcher Sendungen teuer ist, hätten die Privatsender in diesem Bereich kein eigenes Angebot für Kinder. "Die kaufen lieber ein, um Quote zu machen", sagte Schäfer, der von 1997 bis Juni 2000 Geschäftsführer des Kinderkanals von ARD und ZDF war. Auch die Direktorin von JFF, Helga Theunert, wünscht sich mehr Geld für Wissenssendungen für Kinder. "Für Programme, die das Lernbedürfnis zu erfüllen, sollte die Gesellschaft materiell und ideell einiges springen lassen", forderte sie. Margrit Lenssen von der Redaktion "Löwenzahn" zeigte aber die Grenzen des Lernens aus noch so guten Informations- und Unterhaltungsprogrammen für Kinder auf: "Es geht nicht ohne die emotionale und personale Unterstützung der Eltern." Bei der Mediennutzung von Kindern spielt das Fernsehen auch im Computerzeitalter eine überragende Rolle. Laut einer Studie des Leipziger Medienwissenschaftlers Bernd Schorb, die er am Dienstag bei einer medienpädagogischen Tagung des ZDF in Mainz vorstellte, nutzen nur 16 Prozent der Sechs- bis 13-jährigen täglich den Computer vor allem für Spiele. Am Computer sitzen gehört nur für neun Prozent der Kinder zur liebsten Freizeitbeschäftigung, das Fernsehen gaben 37 Prozent der Kinder an. "Trotz immer neuer Medien steht das Fernsehen immer noch an erster Stelle", sagte Schorb. Kinder hätten kein Problem, ständig neue Medien anzunehmen. Der Fernsehkonsum von durchschnittlich 97 Minuten Sehdauer pro Tag nehme aber deshalb nicht ab. Vielmehr würden die neuen Medien dazu addiert. "Die Mediennutzung ist selbstverständlich in den Alltag integriert", stellte Schorb fest. Die heutige Kindergeneration werde eine neue Mediengeneration sein. Neben der Unterhaltung würden Kinder beim Fernsehen vor allem Hilfestellungen für die Bewältigung ihrer Probleme und Orientierungen suchen. Deshalb sei es wichtig, weiter gutes Fernsehen für Kinder zu machen, sagte Schorb. Die Medienwissenschaftlerin Maya Götz vom Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) beim Bayerischen Rundfunk plädierte dafür, die Fernsehbedürfnisse von Kindern ernst zu nehmen. "Kinder machen nichts anderes als die Erwachsenen, sie nutzen Fernsehen zur Information, Unterhaltung, zur Gestaltung sozialer Situationen oder um aus dem Alltag in die Welt der Fantasie abzutauchen", sagte Götz. Eltern und Pädagogen müssten den Kindern aber die notwendige Fernseh- und Konsumkompetenz vermitteln. Gleichzeitig seien vielfältige Angebote von Information, Entertainment bis zu Kinderserien und Serien erforderlich. ZDF-Programmdirektor Markus Schächter hob die Qualität des Kinderfernsehens in Deutschland hervor. "Das deutsche Kinderprogramm von ZDF und ARD ist auf einer bemerkenswerten Höhe", sagte Schächter. Der Spagat zwischen verantworteten und attraktiven Programmofferten sei "ohne jeden Krampf" gelungen. "Wir senden heute auf breiter Fläche ein Kinderprogramm, das Kindern Spaß macht und den Eltern hoch willkommen sein kann", betonte Schächter. Die digitale Revolution und der Wertewandel einer stark auf Spaß ausgerichteten Gesellschaft seien aber eine Bedrohung. Der Kinderpsychiater Michael Millner appellierte an die Eltern, ihren Kindern auch beim Fernsehkonsum ein Vorbild zu sein. Eltern und Erzieher hätten eine wichtige Selektionsaufgabe. "Kinder nehmen Brocken wahr, die aber oft unverdaut bleiben und Schwierigkeiten machen", sagte Millner von der Universitätsklinik für Kinderheilkunde in Graz. Die Redakteurin der Wochenzeitung "Die Zeit", Susanne Gaschke, wandte sich gegen stundenlanges Glotzen. Sie wünsche sich ein gesellschaftliches Klima, das Fernsehen wie das Rauchen behandele. [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 20. September 2000] Zum Thema
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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