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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Mehr psychische Erkrankungen unter Holocaust-Überlebenden - Trauma-Erfahrungen verstärken sich im Alter

Gießen/Heidelberg (08.09.2000) - Unter den Überlebenden des Holocaust nehmen die psychischen Erkrankungen zu. "Die Traumatisierung dieser Menschen in den Konzentrationslagern kommt jetzt im Alter zum Vorschein", sagte der Generaldirektor des Deutsch-Israelischen Vereins für Rehabilitation, Isack Kandel, am 07.09.2000 in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Gießen. Der Deutsch-Israelische Verein betreibt in Israel Altenwohnheime und versucht, vom Land Hessen eine Bürgschaft für ein weiteres Projekt zu erhalten.

Nach Darstellung des Psychologen Kandel leben noch rund 15.000 Holocaust-Überlebende mit einem durchschnittlichen Alter von 75 bis 80 Jahren in Israel. Jahrzehnte nach der Traumatisierung und einer langen Zeit ohne psychische Probleme, komme nun die Traumatisierung zurück. Bislang seien Psychologen davon ausgegangen, "die Zeit heilt alle Wunden".

Neben Angst, Alpträumen und Fantasien komme noch eine weitere Belastung auf die alten Menschen zu. "Viele haben Schuldgefühle", meinte Kandel. Ausgelöst werde dies von der jüngeren Generation. "Warum gerade mal 5.000 SS-Leute über drei Millionen Juden im Konzentrationslager der Deutschen in Auschwitz ermorden konnten, ist für viele der Jüngeren unbegreiflich", sagte Kandel. Es sei für die jungen Menschen schwer verständlich, dass sich die Masse der KZ- Insassen nicht habe auflehnen können: "Daraus resultieren Schuldgefühle und psychische Probleme der Älteren."

Auch der Heidelberger Gerontologe Andreas Kruse stellte fest: "Menschen, die im Dritten Reich von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, kämpfen im Alter oft um ihr psychisches Überleben". Der Forscher hat zusammen mit seinem Mitarbeiter Eric Schmitt in vier Ländern 248 jüdische Emigranten und Überlebende des Holocaust aufgespürt und befragt. Während ihrer 13-jährigen Forschungsarbeit fanden die beiden Gerontologen heraus, dass die Zeit gegen traumatische Erfahrungen kein Heilmittel ist. Im Gegenteil: Im Alter werden die Erinnerungen wieder intensiver, rücken ganz nah und lassen die Überlebenden oft nächtelang nicht schlafen.

Festgehalten sind die Forschungsergebnisse in dem Buch "Wir haben uns als Deutsche gefühlt", das im Darmstädter Steinkopf Verlag erschienen ist. Die beiden Forscher befragten einerseits 180 jüdische Emigranten, die vor den Nazis geflohen waren. Die Hälfte lebt bis heute in Argentinien, Israel oder den USA. Die andere Hälfte kehrte im Alter nach Deutschland zurück.

Zudem spürten die Wissenschaftler 68 Menschen auf, die in Vernichtungslagern interniert waren. Zwanzig davon blieben nach ihrer Befreiung in Deutschland, 48 wanderten nach Israel aus. In den Gesprächen erfuhren die beiden Forscher, in welchen Situationen die Erinnerungen an Ausgrenzung, Verfolgung und die erzwungene Emigration als besonders intensiv und bedrückend erlebt wird. Das Fazit: Im Alter sei die Erinnerung wieder genauso stark wie kurz nach dem Ende der Hitler-Diktatur.

So hätten sich die alten Menschen, die nach Deutschland zurückgekehrt seien, zumeist in der Bodensee-Region niedergelassen - um im Falle eines Falles in der Nähe einer Grenze zu sein. Im hohen Alter gingen die sozialen Verpflichtungen zurück, man werde eher mit dem Tod des Ehepartners und dem vieler Freunde konfrontiert. "Da wird die zeitliche Begrenztheit des Lebens deutlich erfahrbar", sagt Kruse. Die Intensität der Erinnerungen nehme zu.

Auch wenn ein Überlebender auf der Straße ein Nazi-Symbol oder eine altbekannte Parole entdecke, seien die Erlebnisse plötzlich noch einmal präsent - "als wäre es gerade eben erst passiert", sagt Schmitt. Die Folgen: Panikattacken, Angstzustände, Schlaflosigkeit oder über Wochen andauernde Niedergeschlagenheit.

Bei den ehemaligen Häftlingen seien die Erinnerungen noch stärker, weil sie sich in den Lagern täglich mit der Gefährdung ihrer Existenz auseinandersetzen mussten. Nach der Befreiung hätten viele Überlebende versucht, ein neues Leben anzufangen und hätten nie über die grauenhaften Erlebnisse gesprochen. Teilweise weigerten sich die Befragten, sich mit den Heidelberger Forschern auf Deutsch zu unterhalten.

Kruse und Schmitt fanden auch heraus, dass gesellschaftliches Engagement das Leben mit der Erinnerung erleichtert. Besonders in Israel sprächen viele der Befragten in Schulen über ihre Erlebnisse. So könne die jeweilige Gesellschaft zum psychischen Wohlbefinden der Überlebenden beitragen. In den Ländern, in denen offen mit dem Holocaust umgegangen werde, könnten die Menschen eher ein sinnerfülltes Leben führen, sagt Kruse. Der Altersforscher enthält sich dabei eines genauen Ländervergleichs. Nur so viel will der Gerontologe sagen: "Aufmärsche von Neonazis oder Anschläge auf Asylbewerberheime sind einer der Auslöser, die bei Holocaust- Überlebenden die traumatische Erinnerung wieder herauf beschwören können."

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 08. September 2000]

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Matussek, Paul; Matussek, Peter; Marbach, Jan: Hitler. Karriere eines Wahns. München: F.A. Herbig.

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