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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Kulte, Sekten, Psychogruppen - Gurus und Esoterik als Irrwege auf der Suche nach Lebenssinn und Gemeinschaft

Stuttgart (08.09.2000) - Psychotherapeuten warnen immer wieder vor modernen "Psychogurus" und "Esoterik-Kulten". Kulte und Sekten werden als Auffangbecken für Menschen angesehen, die - häufig auf der Suche nach Lebenssinn und Gemeinschaftsgefühl "aus dem Bauch heraus" - vor der Wirklichkeit flüchten. "Psychogurus machen Versprechungen, die einfach nicht haltbar sind", warnte unlängst Karl-Otto Hentze, Bundesgeschäftsführer der Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie. Psychische Schäden wie zum Beispiel Depressionen seien bei den Betroffenen nicht selten.

Menschen, die sich einer Sekte, einem Kult anschließen, entsprechen allerdings keineswegs verbreiteten Vorstellungen. Sie kommen weder aus Scheidungsfamilien oder kaputten Ehen noch sind die meisten von ihnen seelisch gestört oder übermäßig naiv und labil. Streben nach "Selbstverwirklichung" ist kein vorherrschendes Motiv. Das sind Ergebnisse einer Untersuchung des im Bereich der Kult-Rehabilitation tätigen Dieter Rohmann. Er berichtet darüber in der der Zeitschrift "Psychologie heute" (Weinheim).

Rohmann untersuchte vor allem Mitglieder von Gruppen, wie sie Ende der neunziger Jahre Gegenstand der Enquete-Kommission des Bundestags "So genannte Sekten und Psychogruppen" waren, auf ihren Persönlichkeitstyp, Familienhintergrund sowie auch die Lebenssituation und die psychische Verfassung unmittelbar vor dem Beitritt zu einer solchen Gruppierung. Er teilte die außerordentlich unterschiedliche Szene in drei Kategorien auf: christlich-fundamentalistische Gruppierungen, Gurubewegungen sowie Psycho- und Esoterikkulte und verwendet für sie vorwiegend den Oberbegriff Kult.

Die ermittelten Daten beziehen sich allerdings nur auf auf 110 Personen. Der Experte, der unlängst an der Konzeption und dem Aufbau eines neuen Rehabilitationszentrums in Leibenstadt (Baden-Württemberg) beteiligt war, bezeichnet seine Arbeit als die - zumindest in Deutschland - bisher größte Stichprobe zum Thema. Zentren dieser Art wurden für Fälle geschaffen, wo Kult-Mitgliedschaft oder -Austritt psychische Probleme verursachet hatte.

Zu den Ergebnissen Rohmanns gehört, dass in den Psycho- und Esoterikkulten überwiegend Frauen anzutreffen sind, während die Mitglieder der Gurubewegungen - mit einem Eintrittsalter zwischen 16 und 20 die jüngsten - häufiger männlich waren. An signifikanten Unterschieden zwischen den Gruppen resultierte auch, dass bei den Angehörigen der christlich-fundamentalistischen die Suche nach mehr Lebenssinn eine größere Rolle spielte als bei den Gurubewegungen.

Bei beiden hatte der Wunsch nach einer verbindlichen Lehre Bedeutung. Bei den christlich-fundamentalistischen Gruppen wurde häufig auch der Wunsch nach Gemeinschaft genannt. Die Mitglieder der Psychokulte und esoterischen Bewegungen gaben weder die Suche nach Gemeinschaft noch das Bedürfnis nach einer verbindlichen Lehre als Grund für den Beitritt an. Hier hatte es vermehrt belastende Familiensituationen und berufliche oder schulische Probleme gegeben.

Rohmann hat in 16 Jahren Arbeit in diesem Bereich die Erfahrung gemacht, dass Kultmitglieder durchschnittlich intelligente, äußerst sensible und idealistische Menschen sind, die sich auf der Suche nach Sinn und nach verbindlichen Antworten befinden, Menschen, die es wagen, das Vordergründige, das Alltägliche zu hinterfragen, um nach scheinbar verborgenen Sinnzusammenhängen zu suchen. Es gebe wahrscheinlich kein Kultmitglied, das seinen Beitritt mit dem "Kopf" vollzogen hat. Kultmitglieder seien in der Regel ihrem "Bauch" gefolgt. Diese Erkenntnis hat für ihn weiterhin Gültigkeit.

Zu diesem Aspekt der Untersuchungsinterpretation äußerte sich Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW, Berlin) in einer Stellungnahme für dpa kritisch. Rohmann habe Recht, wenn er davon ausgeht, dass es keine einheitliche "Sekten-Persönlichkeit" gibt. Es stimme, dass die Qualität der "Passung" zwischen den Erwartungen eines suchenden Menschen und dem Angebotsprofil einer (neu-)religiösen oder ideologischen Gruppe über den Einstieg, Verbleib oder Ausstieg entscheidet.

Für unzulässig hält Utsch jedoch die Folgerung: Für jeden individuellen Fall gibt es den passenden Kult, fast jedem von uns kann es - eine entsprechende belastende Lebenssituation vorausgesetzt - passieren, in eine Kultmitgliedschaft hineinzuschlittern. "Diese Aussage deckt sich nicht mit dem internationalen Forschungsstand. Nur ein sehr kleiner Teil derjenigen, die mit einem Kult in Kontakt kommen, werden tatsächlich ein Mitglied. Häufig ist die Mitgliedschaft relativ kurz und kann unter Umständen als eine Durchgangsphase angesehen werden. Auch ist es in der Regel möglich, eine derartige Gruppe aus eigener Motivation zu verlassen."

Der Religionswissenschaftler Hubert Seiwert (Universität Leipzig) machte im Gespräch mit dpa kritisch auf Schlussfolgerungen Rohmanns auf die Gruppierungen aufmerksam und nannte hier die Auswahl der von Rohmann untersuchten Personen - nämlich solche, die sich an eine Beratungsinstanz wandten, also Probleme hatten, sei es mit dem Ausstieg, sei es noch während ihrer Mitgliedschaft. "Das ist ungefähr so, als wenn man eine Untersuchung über Ehen anstellen würde und sich dabei ausschließlich auf Leute stützt, die sich an Beratungsstellen gewandt haben, also Probleme mit der Ehe hatten." So lasse sich kein zuverlässiges Bild von der tatsächlichen Lage in solchen Gruppierungen gewinnen.

"Die Schlussfolgerungen, die Rohmann aus seiner Untersuchung zieht, dass es beispielsweise in der Regel autoritär strukturierte Gruppen seien, sind so nicht schlüssig." Dass es Probleme gibt beim Ausstieg, das sei so wie bei einer Ehescheidung. Aber man könne doch nicht vor der Institution Ehe warnen, weil die Scheidung oft ein Problem sei.

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 08. September 2000]

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