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Psychotherapie
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Bewegungsmangel mindert Leistungsfähigkeit und Lebenserwartung - Bewegungsfans auf der MettnauBerlin/Dortmund/Hannover/Radolfzell (25.08.2000) - In den vergangenen 15 Jahren habe sich die Zahl der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen mehr als verdoppelt. Um den "dramatischen Trend" aufzuhalten, müsse vor allem das Problembewusstsein in der Gesellschaft zunehmen, sagte der am Deutschen Diabetes-Forschungsinstitut der Universität Düsseldorf tätige Wissenschaftler Prof. Hans Hauner.Kinderärzte stellen inzwischen bei jedem achten von ihnen behandelten Kind Haltungsschäden fest. In mehr als drei Viertel aller Fälle handele es sich dabei nicht um angeborene, sondern um erworbene Schäden. Das berichtet der Bundesverband der Betriebskrankenkassen (BKK) in Berlin. Er beruft sich dabei auf eine Umfrage unter 100 repräsentativ ausgewählten Kinderärzten. Diese Studie wurde im Auftrag des BKK-Bundesverbandes im Juli 2000 vom Emnid-Institut in Bielefeld durchgeführt. Der Bundesverband hat die Aussagen der Kinderärzte hochgerechnet auf die 13 Millionen in Deutschland lebenden Kinder unter 14 Jahren. Demnach leiden von den Kindern unter sechs Jahren 19 Prozent an Rückenschäden, bei den sechs bis neun Jahre alten Kindern seien es bereits 23 Prozent. Von den 12- bis 14-jährigen hätten sogar 34 Prozent Haltungsschäden. Die Zahlen erfassen aber nur Kinder, die aus irgendeinem Grund den Kinderarzt aufsuchten und bei denen dann ein Haltungsschaden festgestellt wurde. Die tatsächliche Zahl dürfte noch höher liegen. Häufigste Ursache für Rücken-Leiden ist nach Ansicht der befragten Ärzte "zu wenig Bewegung". Kinder verbrächten zu viel Zeit vor dem Fernseher oder dem Computer. So sei zum Beispiel für Achtjährige täglich höchstens eine Stunde am PC empfehlenswert. Denn "zu unserer Natur gehört die Bewegung. Die vollkommene Ruhe ist der Tod", schrieb der Mathematiker und Physiker Blaise Pascal (1623-1662). Seit langem belegen Studien immer wieder, dass aktive Menschen eine wesentlich höhere Lebenserwartung haben als Menschen, die sich wenig bewegen. Dabei ist Sport treiben wichtiger als Abnehmen. Wer dick ist, aber fit, lebe nachweislich länger als untrainierte Schlanke, zitiert die in Gräfelfing bei München erscheinende Zeitung "Ärztliche Praxis" den Ernährungswissenschaftler Nicolai Worm. Körperliche Aktivität sei im Vergleich zu einer Diät der wichtigere Faktor für eine überdurchschnittliche Lebenserwartung. Neben Rücken und Bandscheiben profitiert auch die Psyche von der Bewegung, denn sie braucht sich nicht ständig der Schmerzsignale des geschundenen Körpers zu erwehren. Klaglos ertragen Rücken und Bandscheiben jahrelang alles, was ihnen Tag für Tag angetan wird: stundenlang über den Schreibtisch gebeugt sitzen, kaum Bewegung und nachts auch noch auf einer längst durchgelegenen Matratze schlafen. Irgendwann wird das allerdings selbst dem geduldigsten Rücken zu viel. Er beginnt sich zu wehren - erst vielleicht nur mit einem leichten Zwicken, einem steifen Nacken oder einem Hexenschuss. Wer diese Warnsignale nicht ernst nimmt, der bekommt über kurz oder lang meist die schmerzhafte Quittung, im schlimmsten Fall einen Bandscheibenvorfall. "80 von 100 Menschen in Deutschland haben mindestens einmal in ihrem Leben Rückenbeschwerden", sagt Detlef Detjen von der Aktion Gesunder Rücken (AGR) in Bremervörde. Probleme mit Wirbelsäule, Kreuz und Nacken seien inzwischen der häufigste Grund für Krankschreibungen. Rund 200.000 Mal jährlich trifft nach Angaben der Selbsthilfegruppe "Wirbel e.V." in Dortmund einen Patienten die Diagnose Bandscheibenvorfall. Sich taten- und wehrlos in dieses Schicksal ergeben muss sich allerdings niemand. "80 Prozent der Wirbelsäulenschäden sind nicht Schicksal oder Pech, sondern Folgen jahrelanger Fehlbelastungen", schätzt Ulrich Frohberger, Facharzt für Orthopädie aus Münster und Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Rückenschulen. Doch nur die wenigsten Menschen wissen tatsächlich, wie sie sich richtig halten und verhalten sollten, um dauerhaften Schäden und Schmerzen von vornherein vorzubeugen. Im gesunden Rückenzustand liegen die Bandscheiben fest eingebettet zwischen den Wirbeln und fangen wie eine Art Stoßdämpfer Belastungen und Erschütterungen ab. Durch Verschleiß, falsche Haltung, bei bestehender Vorschädigung oder auch nur durch eine unglückliche Bewegung können sie aus dem Knochengerüst herausrutschen und dann auf die Nerven des Rückenmarks drücken. Neben schweren Schmerzen kann dies bei den Betroffenen Taubheitsgefühle bis hin zu Lähmungserscheinungen verursachen. Chronische Rückenschmerzen begünstigen Depressionen - von der Minderung der Konzentration und geistigen Leistungsfähigkeit abgesehen. Hat man es erst einmal so weit kommen lassen, galt lange Zeit eine Operation als einzige Lösung. Doch diese ist keine Garantie dafür, dass das Leiden beendet ist. Deshalb wird inzwischen versucht, einen chirurgischen Eingriff zunächst zu vermeiden und stattdessen dem geplagten Rücken unter anderem mit Medikamenten, Wärmebehandlungen und Gymnastik zu helfen. Größere Chancen, beweglich und schmerzfrei zu bleiben, hat allerdings, wer vorbeugt, solange er noch nichts spürt. "Das fängt bereits damit an, dass Eltern darauf achten, dass ihre Kinder eine gesunde Haltung haben, also zum Beispiel nicht immer mit krummen Rücken dasitzen", erklärt Ulrich Kuhnt, Leiter der Rückenschule Hannover. Aber auch Erwachsene, die ihren Rücken jahrelang vernachlässigt haben, können noch rechtzeitig dafür sorgen, dass alles an seinem Platz bleibt - etwa mit einem Kurs in einer Rückenschule, in dem sie nicht nur Übungen eintrainieren, die der Wirbelsäule das Leben leichter machen. Gleichzeitig wird dort auch gezeigt, was im Alltag von fast jedem verkehrt gemacht wird und wie man solche Fehler in Zukunft vermeidet. In erster Linie heißt das: runter vom Sofa und sich viel, viel bewegen. "Ein gesunder Rücken braucht ein gutes muskuläres Korsett", so Ulrich Kuhnt. Schwimmen, Radfahren und Laufen beispielsweise sind ideal, um die Muskeln zu kräftigen. Wer viel Sport treibt, verbraucht außerdem ordentlich Kalorien und baut Gewicht ab, an dem die Wirbelsäule ansonsten schwer zu tragen hätte. Viele Erwachsene müssten aber nicht nur wieder auf Trab gebracht werden, sondern auch neu lernen, wie man richtig hebt, sitzt, geht und liegt, beobachtet Kuhnt. Wer etwa einen schweren Gegenstand hochheben will, solle sich nicht einfach nach unten bücken, sondern stattdessen aus den Beinen heraus heben. Ein Sorgenkind der Orthopäden und Rückentrainer sind auch die Möbel, sowohl zu Hause wie am Arbeitsplatz. Wacht man morgens nicht erholt, sondern gerädert auf, gehört die Matratze höchstwahrscheinlich auf den Sperrmüll. Wer im Sitzen arbeitet, sollte darauf achten, dass Tischplatte und Stuhl auf die eigene Körpergröße abgestimmt sind. Auch sollte niemand den ganzen Tag an seinem Stuhl fest kleben. "50 Prozent sitzen, 25 Prozent stehen und 25 Prozent gehen", nennt Detlef Detjen als Faustregel. Über eines sollten sich alle, die etwas für ihren Rücken tun wollen oder müssen, aber von vornherein klar sein: Nur ein paar Wochen lang die guten Ratschläge zu beherzigen und dann in den alten Trott zurückzufallen, hilft nichts. "Viele Leute hören auf, sobald der Schmerz nachlässt", sieht Ulrich Frohberger selbst bei Bandscheiben-Patienten immer wieder. Die Tipps des Orthopäden und aus der Rückenschule seien jedoch nur ein Anstoß, der zeigen soll, dass man es schaffen kann. Was daraus wird, dafür ist der Patient selbst verantwortlich. "Wahre Ruhe ist nicht Mangel an Bewegung. Sie ist Gleichgewicht der Bewegung", schreibt der Psychiater und Schriftsteller Ernst Freiherr von Feuchtersleben (1806-1849). Deshalb sind im Alltag Rituale wichtig, die Bewegung verschaffen. Wo die fehlten, können nur die Folgen gemildert werden. Zum Beispiel auf der Halbinsel Mettnau in Radolfzell am Bodensee: Dort erholen sich 18- bis 80-jährige fast nur mit Sport und Gymnastik von den Folgen ihrer Herzoperationen, von Herzinfarkten, Wirbelsäulenleiden oder eben vom Stress - und zwar Promis ebenso wie Gäste ohne große Namen. Das Motto einer solchen Kur lautet "Heilung durch Bewegung". "Mit dieser Devise motivieren wir auch Menschen mit frischer Bypass- oder Herzklappenoperation zur aktiven Bewegung", erklärt der medizinische Leiter der drei Kliniken, der 56-jährige Kardiologe und Internist Michael Otto. Denn sportliche Aktivität - und nicht Bettruhe - beschleunige den Heilungsprozess. Erst ein Klatschen auf die Oberschenken, dann ein "Guten Morgen" im Chor - dies ist das tägliche Ritual, mit dem um 07.00 Uhr der Frühsport für viele Gäste beginnt. Ob schlecht geschlafen, ob träge, von Schmerzen und einfach nur vom Alltagsstress geplagt: Spätestens um 08.00 Uhr, wenn die Sporttherapeuten in den fünf Gymnastikhallen mit dem Stretching beginnen, herrscht Gedränge. 1958 war diese Therapieform in der Bundesrepublik entstanden, und seitdem schicken die Krankenkassen und die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) Herz-Kreislauf-Kranke zur Nachsorge auf die Landzunge Mettnau. "Diese auf jeden Einzelfall zugeschnittene Sporttherapie unter ärztlicher Überwachung überzeugt uns durch ihre Rehabilitationserfolge", sagt Ursula Mootz, Dezernentin für Rehabilitationsmaßnahmen bei der BfA in Berlin. Auch die Sprecher der gesetzlichen Krankenkassen teilen diese Ansicht. "Ich werde bewundert, weil ich die Übungen genau ausführe", berichtet der 58-jährige blinde Kai aus Frankfurt am Main von seinen Erfolgserlebnissen. Aber nicht nur Kranke suchen hier Heilung durch Bewegung, sondern es reisen auch viele Sportler an, die ihre Leistungen durch das medizinische Ausdauertraining steigern möchten. Stadtoberhäupter, Bundes- und Landesminister sowie Manager beugen durch regelmäßige Kuren in Mettnau Herzkrankheiten vor. "Ich bewege mich in den drei Wochen hier mehr als das ganze Jahr zu Hause", sagt Egon Bahr, der in den 70er Jahren SPD-Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit war. In diesem Sommer überzeugte sich SPD-Bundesarbeitsminister Walter Riester von dem Programm. Auch sein CDU-Amtsvorgänger Norbert Blüm gehörte schon zu den Gästen. "Die meisten, die bei uns Sozialversicherungskuren machen, kommen in anderen Jahren auf eigene Kosten wieder", sagt Kurdirektor Hans- Peter Schmal. Fast 60 Prozent der Gäste sind inzwischen Selbstzahler - ein Trend, der in vielen deutschen Kurbädern zu verzeichnen ist. 1999 zählte man auf Mettnau mit 128.000 Übernachtungen eine Steigerung von elf Prozent gegenüber dem Vorjahr. In diesem Jahr rechnet der Kurdirektor mit mehr als 130.000 Übernachtungen. Nach einer gründlichen Untersuchung werden die Neuankömmlinge in den Klinken von den etwa 20 Ärzten in sechs Leistungsgruppen eingeteilt: Gruppe A ist die stärkste, in Gruppe F kommen frisch operierte und Menschen zur Anschlussbehandlung. Das Therapieangebot umfasst Gruppen-, Wasser- und Einzelgymnastik, Ballspiele, Rudern, Tai Chi, Chi Gong, Yoga und Radfahren. "Die Hilfe zur Selbsthilfe, deren Auswirkungen die Patienten bei der Heilbehandlung und die anderen bei der Prävention schon während des Aufenthaltes feststellen können, ist die Eigenart der Mettnau-Kuren", sagt der Vorstandsvorsitzende der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) Baden-Württemberg, Roland Sing. "Unsere Therapie wird täglich der Situation der Heilungssuchenden angepasst", erläutert Chefarzt Michael Otto. Die Ärzte schreiben alle Sportbehandlungen vor. Die meisten Ausflüge, auch an den Wochenenden, werden mit dem Fahrrad unternommen. Und selbst beim abendlichen Umtrunk sieht man die Mettnau-Gäste ganz sportlich im Jogginganzug. - "Nur in der Bewegung, so schmerzlich sie sei, ist Leben" schrieb der Schweizer Historiker Carl Jakob Burckhardt (1891-1974). [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 25. August 2000] Zum Thema
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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