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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Friedrich Nietzsche nach hundert Jahren: Der "Kolumbus unserer inneren Seele" gab dem Individuum die Zukunft

Stuttgart/Weimar (25.08.2000) - Er wusste schon zu Lebzeiten, dass er "keine Gegenwart", aber eine Zukunft hat. Heute, hundert Jahre nach seinem Tod, ist der große "Unzeitgemäße" Friedrich Nietzsche gegenwärtig wie nie zuvor - den einen noch immer ein Denker "unter Verdacht", den anderen von jeher der Künder der großen Befreiung des Individuums. Im Jahr 2000 scheint nun auch in Deutschland West und Ost möglich, was in Frankreich, Italien, Amerika schon viel früher geschah: die Hinwendung zum Faszinosum Nietzsche jenseits von rechter Vereinnahmung und linker Verteufelung.

Nietzsche hat bis heute weit über Deutschland hinaus ganze Generationen von Denkern, Literaten und Künstlern in seinen Bann geschlagen und Sigmund Freuds Psychoanalyse vorbereitet. Er war in vielem ein Wegbereiter der Moderne und ihr schärfster Kritiker zugleich.

Der Berliner Autor Rüdiger Safranski (55) hat den Philosophen Friedrich Nietzsche als "Kolumbus unserer inneren Seele" bezeichnet. Im Südwestfunk (SWR) sagte der für seine Philosophen-Monografien preisgekrönte Schriftsteller und Dozent am 30.07.2000 über Nietzsche: "Das, was wir durch die Psychoanalyse und Psychologie im 20. Jahrhundert über die menschliche Seele erfahren haben, das hat Nietzsche im 19. Jahrhundert auf viel intelligentere Weise schon vorweggenommen." Nietzsche sei "eine Art Säurebad für jedes verklumpende, ideologisch werdende Denken".

Mit beispielloser Sprachgewalt, Geistesschärfe und Radikalität hat dieser Pastorensohn aus dem sächsischen Örtchen Röcken (fast) alle Gewissheiten seiner bürgerlichen Welt zertrümmert und Gott für tot erklärt. Er spürte, so der Schriftsteller und diesjährige Nietzsche- Preisträger Rüdiger Safranski, wie ein Seismograph Entwicklungen voraus, die sich erst heute in ihrem ganzen Ausmaß zeigen: die Ausbreitung eines zugleich radikalen und seichten Individualismus, der nach dem "Tod Gottes" jedem seinen kleinen Privatgott als Surrogat lässt - der bunte Markt der "Esoterik" konnte eröffnen.

Auch die wachsende Gewalt in einer "Gesellschaft der Einzelnen" und ihren Transfer in die Medien sah Nietzsche voraus: die "Verwundung und Folterung durch Wort und Blick" werde ihre höchste Ausprägung erhalten, schrieb er in der "Fröhlichen Wissenschaft" 1882. Schließlich prognostizierte er auch das Schwinden der Verantwortung im Massenzeitalter, in dem jeder nur noch für sich selbst und kaum mehr für die nächste Generation sorgen werde.

Nietzsche setzt gegen das kurzsichtige "grüne Weideglück der Menge" das Große Individuum, das souverän über sich selbst verfügt und sein Leben im großen Zusammenhang als Kunstwerk gestaltet. Inbegriff dafür war für ihn zunächst der Kunstrevolutionär Richard Wagner; unter seinem Zeichen stand die ganze erste Schaffensperiode Nietzsches. Die Freundschaft und dann der Bruch mit dem in seinen Augen angepasst und fromm gewordenen späten Wagner waren für Nietzsche "eine ganze lange Passion". Sie hat ihn verfolgt bis in die Tage seines geistigen Zusammenbruchs im Januar 1889.

"Passion" als Leiden und Leidenschaft, die Überwindung des einen und die Überhöhung der anderen in eine bedingungslose Bejahung des Lebens - das ist das große Thema des Menschen und Philosophen Nietzsche. Sein Werk trotzt er immer neu seinen Krankheiten ab, die ihn seit der Kindheit begleiten.

Aufgewachsen in bürgerlicher Enge und Frömmelei zwischen Mutter, Schwester und Tanten in Naumburg wird er Musterschüler im Gymnasium Schulpforta, Student der Theologie und Altphilologie in Bonn und Leipzig. Ausschweifungen: ein Besäufnis mit vier Seideln Bier als Pennäler; eine "Verirrung" in ein Kölner Bordell als Student, bei der laut einem Studienfreund gar nichts, gemäß der Nietzsche-Legende Entscheidendes geschah: eine Syphilis-Infektion mit den bekannten Spätfolgen; eindeutig geklärt wurde Nietzsches Krankheitsgeschichte nie.

Mit 24 Jahren und ohne Promotion Professor für klassische Philologie in Basel. 1870 Teilnahme als Krankenpfleger am Deutsch- Französischen Krieg; Heimkehr wegen Erkrankung. Mit 35 Jahren Aufgabe der Professur in Basel wegen Krankheit. Von da an bis zum Zusammenbruch ein unstetes Reiseleben zwischen Deutschland, der Schweiz und Italien in kleinen Pensionen und möblierten Zimmern.

In den Werken seiner mittleren Schaffensperiode zerpflückt er in der zugespitzten Form des Aphorismus die Werte und "moralischen Vorurteile" seiner Zeit. Er setzt an zu seiner radikalen Demontage des Christentums, das den Menschen entmündigt, seiner instinkthaften Lebenskräfte beraubt und auf ein erfundenes Jenseits vertröstet habe. Ebenso hat Nietzsche, im eigentlichen Sinne nie ein "politischer Kopf", gegen die modernen Ideen von Demokratie und Sozialismus polemisiert. Sie waren für ihn eine Fortsetzung des Christentums mit anderen Mitteln, "die zu Ende gedachte Tyrannei der Geringsten und Dümmsten".

Sein Gegen-Gebot lautet: "Du solltest Herr über dich werden, Herr auch über die eigenen Tugenden. Früher waren sie deine Herren, aber sie dürfen nur deine Werkzeuge neben anderen Werkzeugen sein. Du solltest Gewalt über dein Für und Wider bekommen und es verstehen =lernen, sie aus- und wieder einzuhängen, je nach deinem höheren Zwecke."

Noch einmal, 1882, erlebt der zunehmend vereinsamende Nietzsche wie im Fall Wagner Glück und Tragödie der Freundschaft: in der Dreiecksbeziehung mit seinem Freund Paul Ree und der hochbegabten 21- jährigen Lou von Salome, der späteren Freundin Rilkes und Schülerin Freuds. Beide Freunde sind verliebt in die selbstbewusste junge Frau, beiden gibt sie einen Korb. Pläne für eine platonische Dreier- Wohngemeinschaft zerschlagen sich; Lou verwirklicht den Plan mit Ree allein. Nietzsche bleibt zutiefst verletzt zurück.

"Nun stehe ich ganz einsam vor meiner Aufgabe", schreibt er. Er verfasst wie im Rausch seinen "Zarathustra" als Künder der ewigen Wiederkehr und des Übermenschen. Der "Übermensch" und der "Wille zur Macht" im Spätwerk Nietzsches stehen für die bewusste Selbststeigerung des Menschen und die Ausfaltung des Lebens im reinen Diesseits. Nur durch eine solche heroische Anstrengung könne sich der Mensch vor dem grassierenden Nihilismus retten.

Zu Nietzsches viel zitierter These "Gott ist tot" meinte Safranski, der gerade das Buch "Nietzsche - Biografie seines Denkens" verfasst hat: "Für Nietzsche gibt es im gläubigen Sinn keinen Gott. Aber, er weiß, dass der Mensch die geniale Fähigkeit hat, Götter zu erfinden und für sie Kathedralen zu bauen, ganze Kulturen um Gottesbilder herum zu errichten." Der Mensch habe, indem er Götter erfunden habe, groß- und weiträumig von sich gedacht. Nietzsche habe gewollt, dass der Mensch nicht in die Gefahr gerate, sich klein zu denken. Deswegen habe er gesagt, wenn Gott tot ist, brauchen wir das Projekt des Übermenschen.

"Das heißt nichts anderes als, wir müssen an das Genie, das wir in der Vergangenheit hatten, das unsere Religion hervorgebracht hat, in irgendeiner Weise festhalten", sagte Safranski und fügte hinzu: "Es kann auf jeden Fall nicht so sein, dass wir wieder in das Schimpansen-Programm auf hohem technischen Niveau zurückfallen."

Die Umfälschung von Nietzsches Spätwerk vor allem durch seine Schwester Elisabeth und die Plünderung seines Vokabulars durch die Nazis für ihre Zwecke sind nachgewiesen. "Unschuldig" daran ist Nietzsches Sprache jedoch keineswegs. Für die Lektüre dieses Denkers, der sich selbst als "Dynamit" verstand, gilt noch immer das Urteil seines differenziertesten Bewunderers Thomas Mann: "Wer Nietzsche 'eigentlich' nimmt, wörtlich nimmt, wer ihm glaubt, ist verloren."

Am 3. Januar 1889 bricht Nietzsche auf dem zentralen Platz in Turin zusammen. Von Mitleid überwältigt umarmt er ein von seinem Kutscher geschundenes Pferd. Nach fast zwölf Jahren in geistiger Umnachtung in der Pflege von Mutter und Schwester stirbt er am 25. August 1900 in Weimar.

Der Wanderer und sein Werk: Daten zu Nietzsches Leben und Schaffen

Friedrich Nietzsche war ein Denker auf Reisen - immer auf der Suche nach einem "blauen, klaren Himmel" und günstigen Klima für seine Kopf- und Augenschmerzen.
Die Lebensstationen:

1844 15. Oktober: geboren als Pfarrerssohn zu Röcken bei Lützen, Provinz Sachsen.
1849 Nietzsches Vater stirbt an einer Gehirnkrankheit.
1850 Übersiedlung der Familie nach Naumburg.
1858-1864 (Muster)-Schüler des Gymnasiums Schulpforta bei Naumburg.
1864-1869 Studienjahre in Bonn und Leipzig (Theologie und klassischen Philologie).
1865 Erste Begeisterung für Schopenhauers Hauptwerk.
1868 8. November: Erste persönliche Begegnung mit Richard Wagner.
1869 Im Alter von 24 Jahren und ohne Promotion Berufung an die Universität Basel als Professor für klassische Philologie.
1869 17. Mai: Erster Besuch bei Wagner und Cosima in Tribschen bei Luzern.
1869-1871 Arbeit an der "Geburt der Tragödie" (erscheint 1872).
1870 August: Teilnahme am Deutsch-Französischen Krieg als freiwilliger Krankenpfleger; schwere Erkrankung.
1872 Wagner und Nietzsche in Bayreuth.
1873-1876 Es erscheinen die vier "Unzeitgemäßen Betrachtungen": "David Strauß, der Bekenner und der Schriftsteller"; "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben"; "Schopenhauer als Erzieher"; "Richard Wagner in Bayreuth".
1876 August: Nietzsche bei den ersten Bayreuther Festspielen Bekanntschaft mit dem Psychologen Paul Ree, dem späteren Rivalen beim Werben um Lou v. Salome. Zunehmende Krankheitsanfälle. Winter in Sorrent Oktober - November: Letztes Zusammensein Nietzsches mit Wagner in Sorrent.
1876-1878 "Menschliches Allzumenschliches", Erster Teil.
1879 Schwere Erkrankung. Aufgabe seines Lehramtes an der Universität Basel.
1880 "Der Wanderer und sein Schatten", "Menschliches Allzumenschliches", Zweiter Teil. Erster Aufenthalt in Venedig; erster Winter in Genua.
1880-1881 "Morgenröthe".
1881 Erster Sommer in Sils-Maria im Engadin.
1881-1882 "Die fröhliche Wissenschaft".
1882-1888 "Versuch der Umwertung aller Werte".
1882 April: Begegnung mit Lou v. Salome in Rom. Bruch mit Lou und Paul Ree im November. Winter in Rapollo.
1883 Februar: In Rapallo Arbeit am ersten Teil von "Also sprach Zarathustra" (gedruckt 1883) Ab Dezember: Erster Winter in Nizza.
1885 Vierter Teil des "Zarathustra" als Privatdruck.
1884-1885 Arbeit an "Jenseits von Gut und Böse" (erscheint 1886).
1887 "Genealogie der Moral".
1888 April: Erster Aufenthalt in Turin. Intensive Arbeit an: - "Der Fall Wagner"; "Götzendämmerung" (erscheint 1889); "Der Antichrist. Versuch einer Kritik des Christentums"; "Ecce Homo" (erscheint posthum 1908); "Nietzsche contra Wagner, Aktenstücke eines Psychologen" (erst in den Werken veröffentlicht); "Dionysos-Dithyramben".
1889 3. Januar geistiger Zusammenbruch in Turin; die Mutter in Naumburg übernimmt die Pflege des Kranken.
1897 Ostern: Tod der Mutter. - Übersiedlung mit der Schwester nach Weimar. Der Kranke wird Besuchern "vorgeführt".
1900 25. August: Nietzsche stirbt nach fast zwölfjähriger geistiger Umnachtung in Weimar.

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 25. August 2000]

Buchtipp - und hier können Sie bestellen...
Safranski, Rüdiger: Nietzsche. Biographie seines Denkens. München: Hanser-Verlag, 2000.

Buchtipp - und hier können Sie bestellen...
Nietzsche, Friedrich: Sämtliche Werke. Studienausgabe (15 Bände). Hrsg.v. Colli u. Montinari. München: Deutscher Taschenbuch-Verlag, 1999.
Als 1980 die "Kritische Studienausgabe" der Werke und Nachgelassenen Schriften Friedrich Nietzsches zum ersten Mal erschien, war das Wort vom "Jahrhundert-Nietzsche" in aller Munde. In seltener Einigkeit feierten Medien und Wissenschaft dieses unerhörte Taschenbuchereignis, das die Nietzsche-Rezeption grundlegend veränderte: Erstmals wurde der gesamte Nachlass, der die veröffentlichten Werke an Umfang übertrifft, ohne Fälschungen und Streichungen zugänglich gemacht. Fast 5.000 Druckseiten ergaben die Nachlassmanuskripte, die die beiden italienischen Forscher Giorgio Colli und Mazzino Montinari in jahrelanger Arbeit für die Kritische Gesamtausgabe beim Verlag Walter de Gruyter gesichtet, geordnet und transkribiert hatten. Die KSA, wie die gemeinsame Taschenbuchausgabe vom Deutschen Taschenbuch-Verlag (dtv)/de Gruyter seither in Kurzform zitiert wird, hat in nun fast zwanzig Jahren viel dazu beigetragen, dass die fatalen Nietzsche-Legenden zerstört und eine vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit diesem großen Künstler-Philosophen möglich wurde.
Die vorliegende 15-bändige dtv-Ausgabe umfasst 9.632 Seiten.

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