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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Alkohol, Drogen und Aids unter Geistlichen: Sucht- und Sexprobleme auch hinter Kirchenmauern keine Seltenheit

Villingen-Schwenningen/Washington (22.08.2000) - Suchtkrankheiten machen auch vor Kirchenportalen nicht Halt. Dies belegt eine Untersuchung des Psychiaters Bernhard Mäulen aus Villingen-Schwenningen. Danach greifen etwa sieben bis zehn Prozent der 20.000 katholischen und 25.000 evangelischen Geistlichen in Deutschland übermäßig zur Flasche. Die Zahl der 3.500 bis 4.500 Suchtkranken beruhe auf Schätzungen, erklärt Mäulen. Bei solchen Zahlen gebe es immer Dunkelziffern.

Mäulen hat bei der Bearbeitung des Themas eng mit der Diözese Rottenburg-Stuttgart zusammengearbeitet. Die größte Rolle spielt nach seinen Angaben die Alkoholabhängigkeit, gefolgt von übermäßigem Tablettenkonsum. Gründe für die Sucht bei Geistlichen gebe es viele, da jeder Kranke seine individuelle Geschichte habe. Hermann Steur, Personalreferent aus Rottenburg, kennt durch viele Gespräche mit Betroffenen die häufigsten Ursachen. Dazu zählten die hohe Verantwortung und seelische Belastung der Priester. Arbeitsüberlastung wegen Priestermangels führe häufig zu Erfahrungen der Sinnleere und des Ausgebrannt-Seins (Burn-Out).

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Wenn die Suchtkrankheit nicht bekämpft wird, so sterben die süchtigen Priester statistisch gesehen 14 Jahre früher als Nicht-Süchtige. Daher ist es nach Überzeugung von Steur und Mäulen wichtig, dass auch der Arbeitgeber Kirche etwas gegen die Krankheit unternimmt. Häufig werde das Thema tabuisiert. Aufklärung und Information über Suchtkrankheiten sollten schon präventiv in die Ausbildung der pastoralen Mitarbeiter aufgenommen werden, fordern sie.

Die Tabuisierung menschlicher Schwächen der Geistlichen ist allerdings kein spezifisch deutsches Problem. Hunderte von katholischen Pfarrern sind in den USA in den vergangenen Jahren in aller Stille an Aids gestorben. Das berichtete die Zeitung "The Star" aus Kansas City am 29./30.01.2000 auf der Grundlage einer umfassenden Recherche. Weitere Hunderte seien mit dem HIV-Virus infiziert, heißt es in der Reportage.

Hohe Würdenträger der amerikanischen Katholiken bestritten die Ergebnisse nicht. "So sehr wir es auch bedauern, es zeigt, dass auch Priester Menschen sind", sagte Bischof Raymond Boland von der Diözese Kansas City. Bischof Thomas Gumbleton von der Erzdiözese Detroit sprach von schweren Versäumnissen bei der Sexualerziehung der Priester: "Sie wussten nicht, wie sie mit ihrer Sexualität umgehen sollten und taten es dann auf ungesunde Weise."

Nach den Recherchen der Zeitung hat die Kirche den Betroffenen oft geholfen und sie geschützt, die Ursache ihrer Krankheit und ihres Todes aber geheim gehalten. Als krasses Beispiel wird der Fall des New Yorker Bischofs Emerson Moore genannt. Er verließ sein Amt 1995, um in einem Hospiz in Minnesota zu sterben. Auf seinem Totenschein sei er als Arbeiter bezeichnet worden, der an "unbekannten natürlichen Ursachen" gestorben sei.

Die deutschen Experten bemängeln, dass es weder in der katholischen noch in der evangelischen Kirche eine bundesweite Koordination gebe. Hilfsangebote seien höchstens auf einzelne Diözesen beschränkt. So veranstalte die katholische sozialethische Arbeitsstelle regelmäßig Fachseminare. Bevor diese Angebote aber wahrgenommen werden, muss den betroffenen Priestern bewusst gemacht werden, dass sie krank sind. Beschuldigungen müssten auf jeden Fall unterbleiben. Steur betont, dass auch nach einer erfolgreichen Therapie der Kontakt zu dem Geistlichen aufrechterhalten werden muss.

Als unbegründet sehen Experten die Angst, dass Gemeinden ihren Geistlichen verstoßen würden, sobald seine Sucht bekannt würde. Untersuchungen hätten gezeigt, dass die Gemeinden gerade dann solidarisch seien, wenn ein Geistlicher Hilfe benötige.

Zum Thema "Suchtkranke Geistliche" bietet die Deutsche Hauptstelle gegen Suchtgefahren während der Fachkonferenz "Sucht und Arbeit" vom 13. bis 15. November in Karlsruhe einen Arbeitskreis an. Information und Anmeldung sind über die Internetseite www.dhs.de möglich.

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 22. August 2000]

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