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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Wenn im Gehirn Arien erklingen - Neurologie der Musik-Halluzination

Berlin (11.08.2000) - Nicht jeder, der gerade eine Mozart-Arie oder einen Verdi-Chor hört, hat auch seinen CD-Player oder sein Radio eingeschaltet. Manche Menschen hören ganz konkrete Musik-Stücke, ohne auch nur ein einziges Audio-Gerät in der Nähe zu haben. Die Musik, die sie hören, wird vom Gehirn halluziniert.

Eine Neurologin von der Berliner Charité hat jetzt herausgefunden, wodurch diese Gehirnstörung hervorgerufen wird. Ihre Ergebnisse hat sie in "Neurology" am 08.08.2000 veröffentlicht (Eva Schielke: Musical hallucinations with dorsal pontine lesions, Neurology, Band 55, Nr. 3, S.454).

Der seltene Fall der Musik-Halluzination wird vermutlich durch Läsionen an der dorsalen Brücke (Pons dorsalis), einem Teil des Hirnstamms, verursacht. Die Läsionen wiederum sind die Folge eines Schlaganfalls, eines Tumors oder eines Eiterherdes.

Eva Schielke, Neurologin an der Berliner Charité, hat einen 57-jährigen Mann, der unter rechtsseitiger Körpertaubheit und Schwindel litt, beschrieben. Nach der Gabe von Antibiotika besserte sich sein Zustand zusehends, doch er entwickelte gleichzeitig im rechten Ohr Musik-Halluzinationen, die aus Männer- und Kinderchören bestanden.

"Dass er halluzinierte, bemerkte der Mann erst Stunden später - er dachte, auf dem in der Nähe des Krankenhauses gelegenen Schulgelände finde eine große Feier mit Musik statt", sagt Schielke. Obwohl der Mann wusste, dass er halluzinierte aber sonst bei klarem Verstand war, hielt die Musik-Erscheinung fünf Wochen lang an. Die Antibiotika-Behandlung wurde fortgesetzt, aber erst nach insgesamt 11 Wochen war der Mann genesen und auch von den musikalischen Darbietungen seines Gehirns erlöst.

In der medizinischen Literatur gibt es außer diesem Fall nur noch zehn weitere Beschreibungen von Musik-Halluzinationen nach Läsionen der dorsalen Brücke. In allen Fällen waren die Patienten bei klarem Bewusstsein und wussten auch, dass sie die Musik halluzinierten. "Ein französischer Patient hörte populäre französische Chansons, ein anderer hörte Mozart, und ein kanadischer Patient hörte die Glenn Miller Big Band", berichtet Schielke. "In den meisten Fällen ist die Musik dem Patienten vertraut. Unser Patient zum Beispiel hörte Volkslieder, die er auch früher schon gern hörte." (bdw)

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 11. August 2000]

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