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Psychotherapie
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Beschämende Sucht: Alkoholismus ist längst nicht mehr "Männersache" - immer mehr Frauen hängen an der FlascheTübingen/Rottweil (10.08.2000) - Gaby grölt durch den Stationsflur. Auf jeder Seite von Mitpatienten gestützt, torkelt sie durch den Raum. Das Gesicht wirkt aufgedunsen, entstellt. Die Augen flackern ziellos über die Decke. Noch vor 24 Stunden war die 35-jährige eine attraktive Frau voller Witz und Charme. Das war gestern. Heute hat Gaby einen Rückfall. Sie leidet an einer chronischen, fortschreitenden und unheilbaren Krankheit: Gaby ist Alkoholikerin.In der Entgiftungsstation des Psychiatrischen Krankenhauses schauen nicht nur Männer der randalierenden Patientin zu, sondern auch viele Leidensgenossinnen. Alkoholismus ist beileibe nicht mehr nur "Männersache". Immer mehr Frauen greifen zu oft zur Flasche, betonen der Tübinger Psychiater Götz Mundle und sein Rottweiler Kollege Ales Svetlik. Statistisch gesehen kommt heute bereits auf zwei alkoholkranke Männer eine Frau, erklärt Mundle, Sprecher des Forschungsschwerpunktes Sucht an der Universität Tübingen. Vor zwanzig Jahren hingegen sei das Verhältnis noch eins zu fünf gewesen, sagt Svetlik, der die Suchtabteilung am "Vinzenz von Paul-Hospital" in Rottweil leitet. Nach neuesten Untersuchungen haben zur Zeit zehn Millionen Menschen in Deutschland ein Alkoholproblem. Etwa jeder dritte von ihnen müsse als abhängig gelten, sagt Mundle. Darüber hinaus betrieben rund zwei Millionen Menschen in Deutschland Alkoholmissbrauch, bei weiteren fünf Millionen sei ein riskanter Konsum festzustellen. Und: "Bis zu 40 Prozent der Alkoholiker stammen selbst aus Suchtfamilien". Die Forscher haben einige Unterschiede zwischen abhängigen Frauen und Männern ausfindig gemacht: "Frauen beginnen oft später mit dem Alkoholkonsum, werden aber auch schneller abhängig", meint Mundle. Während Männer zumeist in geselliger Runde zum Glas griffen, konsumierten Frauen den Stoff eher heimlich zu Hause. Bei ihnen gehe die Sucht auch häufig mit Depressionen oder Angstzuständen einher. Außerdem ließen sich Frauen in der Regel eher auf eine Behandlung ein, würden aber auch schneller rückfällig. "Als Säuferin zu gelten, ist in unserer Gesellschaft immer noch das Allerletzte", stellt die 50-jährige Isabelle fest, die aus eigenem Antrieb in die Klinik gekommen ist, um sich einer Entwöhnungstherapie zu unterziehen. Alkoholkranke Frauen werden weit eher von ihren Männern verlassen als suchtkranke Männer von ihren Frauen. In der Leistungsgesellschaft werde eben Selbstkontrolle verlangt, meint Prof. Michael Klein, an der Fachhochschule Nordrhein-Westfalen in Köln. Während Männer sich in Kneipen und Sportvereinen Nischen geschaffen haben, in denen sie sich gehen lassen "dürfen", ist dies Frauen immer noch weitgehend versagt. Sie trinken meist zu Hause, heimlich und allein. Scham, Reue und Schuldgefühle treiben die Kranken immer weiter in die Sucht. Die Einsamkeit wächst, und dies, obwohl Alkoholsucht ein Massenphänomen ist. Nach Mundles Angaben haben rund zehn Millionen Deutsche mit einem Alkoholproblem zu kämpfen. "Etwa jeder Dritte von ihnen muss als abhängig gelten." Sie haben die Kontrolle über ihr Trinken verloren. "Frauen", sagt Klein, "haben meistens stärkere Motive, zu trinken." Sie nutzen Sekt und Schnaps, Wein und Wermut, um mit psychischen Problemen fertig zu werden - seien es Depressionen und Einsamkeit, oder seien es Angstzustände. Männer hingegen rutschen oft durch Trinken in geselliger Runde in die Sucht. Statistisch gesehen beginnen Frauen später mit dem Trinken als Männer. Sie werden dann aber schneller abhängig. Eine Rolle mag dabei spielen, dass der weibliche Körper weniger Alkohol verträgt als der männliche. Gleichwohl seien Frauen eher zu einer Therapie bereit, sagte Mundle. Sie würden allerdings auch eher rückfällig als Männer. Dennoch: Die Bereitschaft zur Therapie ist bei den Alkoholkranken dennoch fast schon Ausnahme. Nach einer 1999 erfolgten Befragung ließen sich nur zehn bis 15 Prozent der Alkoholabhängigen binnen Jahresfrist in einer Klinik entgiften. Eine weitergehende Entwöhnungstherapie machten nach Mundles Aussage nur ein Prozent mit. "Dabei ist eine möglichst frühe Intervention mit entscheidend für den Verlauf der Krankheit." Erwartungen setzt Mundle in die neuen Formen der ambulanten Behandlung, auch wenn er das in Deutschland bestehende Angebot an stationären Therapien für sehr gut hält. Selbst wenn Alkoholismus eine chronische, fortschreitende und unheilbare Krankheit ist, stehen die Aussichten, den Verlauf zu stoppen, nicht schlecht. "Jedem zweiten Patienten geht es nach einer Therapie gut", sagt der Psychiater unter Hinweis auf eine 16 Jahre währende Untersuchung. Von ihnen seien wiederum 50 Prozent konsequent trocken geblieben, die anderen hätten sich bei einigen Rückfällen stabilisiert. Von den übrigen Patienten sei die Hälfte wieder schwer rückfällig geworden, die andere sei im Verlauf der 16 Jahre an den Folgen des Alkohols gestorben. Die besten Aussichten hätten die Patienten, die noch in einer stabilen Partnerschaft lebten, einem Job nachgingen und soziale Kontakte hätten. Doch auch in der Therapie haben es Frauen schwerer. Svetlik kennt die Gründe aus langjähriger Erfahrung: "Es erfordert eben mehr Kraft zur Offenheit, wenn sich Frauen in den Therapiegruppen einer Überzahl an männlichen Patienten gegenüber sehen." Dies umso mehr, als nach Untersuchungen jede dritte Alkoholikerin in der Vergangenheit sexuell missbraucht worden sei. Tatsächlich stehen die Chancen, die Krankheit zu stoppen, nicht schlecht: "Jedem zweiten Patienten geht es nach einer Therapie gut", betont Mundle mit Blick auf eine 16 Jahre währende Untersuchung. Ein Viertel sei danach konsequent trocken geblieben, ein weiteres habe sich bei einigen Rückfällen stabilisiert. Von den anderen sei jeder Zweite wieder schwer rückfällig geworden. Weitere 25 Prozent der Kranken sei im Verlauf der 16 Jahre gestorben. Außer den mehrmonatigen Langzeittherapien und den neueren ambulanten Therapien bietet Rottweil - nach dem Modell der Tübinger Uniklinik - ein neunwöchiges Programm: Nach der Entgiftung und einer etwa zweiwöchigen Motivationsstufe kommen die Patienten in eine weitere Station, in der psychotherapeutisch die Hintergründe des Leidens aufgearbeitet werden. Dass viele Faktoren - genetische, soziale wie psychische - mitspielen, ist von den Forschern heute unbestritten. "Die klassische Trinkerpersönlichkeit", sagt Mundle, "gibt es nicht". [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 10. August 2000] Buchtipp - und hier können Sie bestellen... Zum Thema
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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