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Die profitablen Suggestionen im Geschäft mit der Gesundheit - Hoch dosierte Vitaminpillen in der KritikBerlin/Almelo (04.08.2000) - Die Plakate sind kaum zu übersehen, die suggestive Botschaft demaskiert nacktes Profitstreben mit der Angst um die Gesundheit: In großen weißen Lettern vor rotem Hintergrund prangt derzeit in 23 deutschen Großstädten der Slogan "Millionen Menschen sagen: Danke Dr. Rath" von vielen Werbetafeln. "Danke" angeblich dafür, dass jener Mediziner bislang verhindert habe, dass der Verkauf hoch dosierter Vitaminpräparate nicht "weltweit verboten" ist. - Millionen Menschen stehen aber auch ratlos vor den Rath-Plakaten und fragen sich, wer der pausbäckige Herr Doktor mit den grauen Haaren eigentlich ist.Sich selbst sieht der 45-jährige Matthias Rath, der von Almelo in den Niederlanden aus selbst hoch dosierte Vitaminpräparate per Postversand vertreibt, als Kämpfer für eine Welt ohne Herzinfarkte, der ein vermeintliches "Pharma-Kartell" in die Knie zu zwingen versucht. Raths Kritiker - und von denen gibt es nicht gerade wenige - werfen dem gebürtigen Schwaben dagegen Handeln vor allem aus Profitstreben sowie eine potenzielle Gefährdung seiner Kunden vor. Rath versteht seine Pillen als Nahrungsergänzungsmittel, die jedem frei zugänglich sein müssen. Doch als Nahrungsergänzungsmittel dürfen Produkte in Deutschland nur dann verkauft werden, wenn die Dosis des Wirkstoffs - etwa Vitamin C - nicht mehr als das Dreifache des empfohlenen Tagesbedarfs erreicht, erklärt Angelika Michel-Drees von der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände (AgV) in Berlin. Raths Vitaminpillen aber sind deutlich höher dosiert, weil dies seiner Theorie von Vitaminen als Krankheits-Verhinderern entspricht. Damit gelten sie in Deutschland als Arzneimittel und bräuchten eine Zulassung, wie es sie für andere Vitaminpräparate bereits gibt. Rath aber habe Probleme, die von ihm behauptete Wirkung einer allgemeinen Krankheitsvorbeugung zu beweisen, sagt Jürgen Kundke, Sprecher des Bundesamts für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) in Berlin. Wenn Rath trotzdem von Almelo aus seine Pillen nach Deutschland verschicken kann, so liegt das daran, dass die Wirkstoff-Höchstmengen in Nahrungsergänzungsmitteln in den 15 EU-Staaten noch verschieden sind, und in den Niederlanden gelten andere Werte. Rund 150.000 Kunden nutzen nach Angaben der Firma bereits Raths Präparate. Die Plakate dürften ihm nun weitere Interessenten bescheren: Sein Sprecher Raimund Weber verweist auf inzwischen etwa 80.000 tägliche Zugriffen auf die Internetseite www.drrath.de. Viele Experten warnen jedoch vor der Vitamin-Therapie: Das BgVV und Stephanie Ludes von der Verbraucher Initiative in Bonn etwa weisen darauf hin, dass zu hohe Vitamin-C-Dosen bei empfindlichen Menschen das Nierenstein-Risiko erhöhen können. Raths Behauptung, dass Säugetiere weder Schlaganfall noch Herzinfarkt kennen, weil sie auf Grund körpereigener Produktion immer über ausreichend Vitamin C verfügen, vermag das BgVV Kundke zufolge zu widerlegen. Insgesamt könne die unkontrollierte Einnahme von Vitaminen und Mineralstoffen "mehr schaden als nützen", heißt es auch bei der Verbraucherzentrale Bremen, zudem seien Raths Vitaminpräparate "maßlos überteuert". Gesundheit sei ein "knallhartes Geschäft", sagt auch Rath-Sprecher Weber, der damit allerdings die Pharmakonzerne meint, die "nicht an der Gesundung von Patienten, sondern nur an Profiten interessiert" seien. Doch auch Rath ist "knallhart", wenn er es für nötig hält: Die "Codex alimentarius"-Kommission der Vereinten Nationen zum Beispiel, die im Juni in Berlin über Höchstmengen-Regelungen für Wirkstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln beriet, stellt der Mediziner auf eine Ebene mit der Wannsee-Konferenz 1942 in Berlin, bei der die Nationalsozialisten die "Endlösung der Judenfrage" behandelten: Auch diesmal würden Beschlüsse vorbereitet, die "den Tod von hunderten Millionen Menschen verursachen". Nicht nur die Verbraucherzentrale Bremen spricht angesichts solcher Ausfälle von einer "Hetzkampagne". Beschlüsse über Wirkstoff-Höchstmengen in Vitaminpräparaten fasste die "Codex alimentarius"-Kommission nicht. Rath verkauft das nach außen als seinen Erfolg - daher kommt auch der Plakatspruch "Danke Dr. Rath". Dennoch muss der Mediziner damit rechnen, dass sein Geschäft eines Tages erschwert wird: Die EU-Kommission hat eine Richtlinie in Arbeit, die nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit in Bonn zum Beispiel Warnhinweise für den erhöhten Verzehr bestimmter Vitamine und Mineralstoffe auf der Verpackung zur Pflicht machen soll. In Kraft treten soll die Richtlinie im Mai 2002. Auch in Brüssel werde Rath für seine Position kämpfen, kündigt Sprecher Weber an - die Fachleute in Deutschland verstehen bloß nicht, warum. Es sei keinesfalls so, dass Vitamine in Zukunft in hohen Dosen nicht mehr erhältlich sein werden, sagt BgVV-Sprecher Kundke. Wie heute werde es sie zur Bekämpfung von Krankheiten weiter "säckeweise" zu kaufen geben - nur eben dann auch bei EU-Importen ausschließlich als Arzneimittel mit staatlicher Zulassung. [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 04. August 2000] Zum Thema
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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