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Nicht mehr nur für Mauerblümchen: Single-Kontaktbörsen im Internet

Berlin (31.07.2000) - Von Christina Bachmann. Es war ein ganz normaler Sonntag im Juni 1998: Wie so oft surfte Ralf im Internet und landete auf einer Seite mit Kontaktanzeigen. Was danach kam, klingt wie ein Märchen mit Happy End: Eine E-Mail ergab die andere, Fotos wurden ausgetauscht, schließlich das erste Treffen "live". So hat Ralf seine Traumfrau gefunden und Claudia ihren Traumprinzen.

Heute leben Claudia und Ralf in Berlin in ihrer gemeinsamen Wohnung. Die ausführliche Version ihrer "Lovestory" kann man im Internet unter "www.klappt-doch.de" nachlesen. Der Domain-Name ist Programm: Es klappt doch - der Traumpartner wartet im Internet! Zum Beweis haben noch etliche andere Pärchen ihre Geschichte zur Verfügung gestellt. "Klappt-doch" ist ein Projekt der Rossa Media GmbH in Berlin. Den Geschäftsführern Claudia Feßel und Ralf Rossa kam die Idee dazu, als ein ebenfalls übers Internet liiertes Paar per Chat klagte: "Es glaubt uns ja immer noch niemand, dass es funktioniert!"

Es funktioniert tatsächlich. Diese Erfahrung macht auch Jürgen Bäurle, Geschäftsführer der Online-Kommune "www.singlekafe.de" in Waiblingen. Erst vor kurzem lag eine Hochzeitseinladung in seiner Post. Nach einer Reihe von Enttäuschungen auch mit Internet-Bekanntschaften hatte es bei Georg und Steffi auf den Tag genau ein Jahr zuvor gefunkt - nach einer Anzeige im "singlekafe". Seit Mai 1999 ist das "singlekafe" online. 14.000 Anzeigen gab es bis jetzt insgesamt, zwei Millionen Seitenabrufe zählt Bäurle pro Monat.

Grund für die traditionellen Partnervermittlungen, sich Sorgen um ihre Zukunft zu machen? Von rückläufigen Zahlen bei ihren Instituten kann Gisa Lange, Präsidentin des Gesamtverbandes der Ehe- und Partnervermittlungen mit Sitz in Weinheim, nicht berichten. Ihrer Ansicht nach bietet der persönliche Vermittler der Ehe-Institute größere Chancen als das Internet. Dieser Dienst kostet den Partnersuchenden allerdings zwischen 3.000 und 9.000 Mark. Der Kontaktmarkt im Internet ist dagegen in den meisten Fällen kostenlos.

Das ist nur einer der Gründe, warum die Partnersuche im World Wide Web so im Trend liegt. Die Anzeigen-Auswahl ist darüber hinaus größer und besser sortiert als zum Beispiel bei Zeitungsannoncen. Ute Hoffmann, Internet-Expertin beim Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, sieht einen weiteren Grund in der Zeitknappheit der Menschen, "einfach so" einen Partner kennen zu lernen. Eine große Rolle spiele außerdem die Unverbindlichkeit, die das Internet vorerst biete, von Hoffmann "screening"-Funktion genannt. Der Kontakt erfolge erst anonym und könne so lang wie gewünscht auf Distanz gehalten werden.

Generell gilt: Mehr Männer als Frauen inserieren. Schätzungsweise 75 bis 80 Prozent der Anzeigen im "singlekafe" kommen von Männern. 60 Prozent sind es unter www.zweiherzen.de, so Ulrike Zenker, Vertriebsleiterin der Berliner Software-Entwicklungsfirma Aquadrat. "Bei Frauen ist offenbar die Scheu größer, solche Anzeigen aufzugeben", vermutet "singlekafe"-Chef Bäurle. Entsprechend größer ist die Flut der Antworten auf Anzeigen des weiblichen Geschlechts.

Die Ansicht, nur Mauerblümchen, bei denen sonst nichts genützt habe, schalteten Kontaktanzeigen, sei "inzwischen nur noch ein Klischee", meint Bäurle. Das sagt auch "klappt-doch"-Initiatorin Feßel. "Heutzutage sind Singles beruflich stark eingespannt und können kaum noch Kontakte außerhalb ihrer Arbeit schließen", weiß die angehende Ärztin aus eigener Erfahrung. "Deshalb treffen sich in den Internet-Börsen durchaus gut aussehende und erfolgreiche Menschen."

Ein weiteres Klischee ist nach Meinung von Psychologin Nicola Döring die Aussage, Kontaktbörsen-Surfer seien beziehungsunfähig oder kontaktgestört. Die Mitarbeiterin am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg beschäftigt sich seit Jahren mit sozialen Aspekten der Netznutzung. Kontaktsuche sei heute ganz im Gegenteil deswegen so ein wichtiges Thema, weil den Menschen die Qualität ihrer Beziehungen besonders am Herzen liege. Je spezifischer die eigenen Wünsche, desto schwieriger sei es natürlich, den passenden Partner zu finden, sagt Döring. Da könne die gezielte Suche per Kontaktanzeige dem Zufall nachhelfen.

Was aber, wenn es dann ernst wird? Beim realen Treffen kann sich der vermeintliche Traumprinz schnell als Langweiler oder Aufschneider entpuppen. Uni-Dozentin Döring glaubt allerdings nicht, dass im Zusammenhang mit Internet-Kontaktanzeigen besonders viel gelogen, getäuscht oder fantasiert wird. Das Risiko liege vielmehr im Hineinsteigern in eine Wunschvorstellung. Ihr Tipp deshalb: Den Online-Kontakt bald auf andere Medien ausweiten und "Reality Checks" durchführen. Das Risiko, hinterher enttäuscht zu werden, hat Claudia Feßel damals nicht abgeschreckt. "Ob ich in die Tastatur haue oder an der Disco-Bar lehne - auf den ersten Blick kann ich immer getäuscht werden", sagt sie.

"Ehrlich sein, gleich von Anfang an", lautet ihr Rezept. So habe sie selbst in ihrer Anzeige Erwartungen und Abneigungen klar ausgedrückt, aber auch mit ihren eigenen Kanten und Ecken nicht hinterm Berg gehalten. "Wer einen einfallsreichen Partner sucht, muss sich auch selbst bei der Anzeige ins Zeug legen", so ihr Fazit.

Bei Ralf und Claudia hat es geklappt, bei Georg und Steffi auch. Eine Garantie für die Dauerliebe ist natürlich auch die Kontaktanzeigen-Beziehung nicht. So weiß "klappt-doch"-Chefin Feßel auch von einem Paar, dessen Beziehung nach ein paar Jahren in die Brüche gegangen ist. Allerdings sei daran dann nicht das Internet schuld.


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