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 Psychotherapie News  Juli 2000   Psychotherapie
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Blau erobert den Alltag - Die Farbe der Ruhe gegen den wachsenden Stress

Frankfurt/Ludwigshafen (31.07.2000) - Wo auch immer sich in diesem Jahr Blau zeigt, spielen die anderen Farben nur noch eine Nebenrolle. Die Farbe des Himmels und des Meeres begegnet den Menschen auch auf den Alltagsgegenständen auf Schritt und Tritt. Ob Kühlschrank oder Kaffeekannen, Teppich oder Telefon, Rasierer oder Radio - wer etwas davon verkaufen will, bietet es auch in blau. Die Fernsehanstalten ARD und ZDF setzen in seltener Einmütigkeit bei der Präsentation ihrer Nachrichtensendungen auf die blaue Studio-Atmosphäre, und selbst die Polizei hätte ihre grünen Uniformen am liebsten in blaue umgetauscht - wenn der Dienstherr nur die Steuergroschen dafür locker machte.

Der Trend zu Blau als dominierende Farbe auf Konsumgütern ist besonders deutlich an der Entwicklung der Autolackierungen abzulesen. Seit Jahren ist in Deutschland die Zahl der blauen Autos gestiegen. Hatte Blau kurz nach der Wiedervereinigung 1991 bei den neu gekauften Autos erst einen Anteil von knapp 16 Prozent, so erhöhte er sich auf 24,5 Prozent im vergangenen Jahr. Besonders beliebt ist die Farbe bei den Frauen. Von ihnen wählten zuletzt sogar 27 Prozent einen Blauton für ihr Auto. Der kräftige Blau-Boom ging einher mit einem Absturz von Rot in der Sympathieskala: Die einst beliebteste Autofarbe sank bei den Verkäufen von mehr als 28 Prozent zu Beginn der neunziger Jahre auf weniger als zehn Prozent ab.

Der Renner unter den Blautönen ist nach Feststellung von Anton Dotter, Marketingexperte für das weltweite Autolackgeschäft der BASF in Ludwigshafen, "ein schönes tiefes Dunkelblau". Auch in der Bekleidungsbranche ist Blau einer der großen Favoriten. Seit Ende der neunziger Jahre habe es neben Grün einen "starken Grundtrend zu Blau" gegeben, berichtete die Farbexpertin des Deutschen Modeinstituts, Ute Wegener. Das lange Zeit viel gefragte Rot sei von Pink oder Rose abgelöst worden.

Psychologie-Interessierten begegnet er oft, wenn es um Farbe und Gefühle geht - der Lüscher-Farbtest. Aus der Bevorzugung und Ablehnung einzelner Farben lassen sich - bei vorsichtiger Interpretation - Grundstimmungen und Bedürfnisse herauslesen. Der Drang zu Blau entspringt nach den Erkenntnissen des Psychologen und Designers Professor Harald Braem aus Wiesbaden einem Bedürfnis in der Gesellschaft nach Ruhe, Erholung und Harmonie. Die Farbe bilde ein Gegengewicht zur lange vorherrschenden Dominanz des aggressiven Rot, das ein Sinnbild für Stress und Tempo der Ellenbogengesellschaft sei. Blau spreche anders als Rot die rechte Hirnhälfte an, die für die Gefühle zuständig sei und die keine Zeit kenne. Blau stehe als Farbe für die Unendlichkeit, bei der man die Zeit vergessen könne, was in Redensarten wie "blau machen" oder "ins Blaue fahren", zum Ausdruck komme. Selbst das englische "Blues" als Bezeichnung für einen tiefen Trübsinn habe damit zu tun.

Insbesondere junge Frauen versuchten oftmals, sich als Ausgleich zum Stress der Arbeitswelt zu Hause eine stimmungsvolle blaue Atmosphäre zu schaffen. "Im zunehmenden Schweinsgalopp und der Geschwindigkeit der digitalen Welt will die Gesellschaft aufatmen", lautet Braems Erklärung für die Hinwendung zur Farbe der Harmonie.

Wie lange sich Blau als Farbfavorit halten wird, mag von den Experten niemand genau vorhersagen. "Irgendwann wird es wieder kippen", sagt Braem, ist sich aber gleichzeitig sicher, dass es noch einige Jahre dauert, "weil der Nachholbedarf sehr groß ist". BASF-Farbfachmann Dotter spricht von einem "Streit um den Sättigungsgrad" unter den Modedesignern, ist aber auch überzeugt, dass es eine Änderung geben wird.

Seine Kollegin Renate Weber von der BASF-Farbsparte in Münster hat für die nächsten drei bis vier Jahre in Europa bei den Pkw-Lacken eine leicht fallende Tendenz für Blau und einen schon jetzt erkennbaren starken Anstieg für alle Silberschattierungen vorhergesagt. Auch für Schwarz und Gelb soll die Zukunft rosig aussehen, während es für Grün keine großen Hoffnungen gibt und Rot auf seinem niedrigen Niveau verharren wird.

Bis zu seiner Ablösung wird sich das Blau aber noch ähnlich erfolgreich präsentieren wie bei der jüngsten Fußball-Europameisterschaft. Dort standen sich im Finale die beiden Mannschaften gegenüber, die Blau nicht nur auf den Trikots, sondern auch im Namen tragen: die Azzuri aus Italien und les bleus aus Frankreich. Den Sieg trugen schließlich die Franzosen davon, die im traditionellen blauen Dress antreten durften, während die Italiener bei ihrer einzigen Niederlage im Turnier ihre weiße Ersatzkleidung tragen mussten.


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