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 Psychotherapie News  Juli 2000   Psychotherapie
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Concorde-Trümmer bieten ein Bild des Grauens - Psychologen raten, Angehörige an die Absturzstelle zu lassen

Paris/Siegen/Freiburg (28.07.2000) - Noch in der Dunkelheit, Stunden nach dem schweren Concorde-Absturz in der Nähe des Pariser Vorortes Gonesse, qualmt das Wrack. Von dem kleinen hölzernen "Hotelissimo", auf das die Maschine abgestürzt ist, ragen noch ein paar verkohlte Balken in die Höhe. Das Hotel-Schild, das in Leuchtbuchstaben Touristen von der angrenzenden Schnellstraße anlocken sollte, besteht nur noch als ein blecherner Rahmen. In dem Trümmerhaufen liegen die verkohlten Leichen von 113 Menschen.

Im beißenden Rauch der Trümmer der stolzen Concorde und des zerstörten Hotels bot sich den Feuerwehrleuten ein Bild des Grauens. "Erst ist alles nur schwarz. Es ist heiß. Dann erkennt man in dem Berg an Trümmern die zerbrochene Nase der Concorde", berichtete einer der insgesamt etwa 800 Helfer. Ein paar mühsame Schritte weiter ist ein Teil des Cockpits zu erkennen. "Manche Leichen sind völlig verkohlt, andere stark aufgequollen. Hier und da liegen einzelne Schuhe herum, Bücher, Teile von Koffern, an denen Flammen züngeln".

Dass es sich einmal um ein Flugzeug gehandelt hat, lässt sich kaum noch erkennen. Auf dem heißen Stahlhaufen stehen Feuerwehrleute und sprühen stundenlang mit einem riesigen Schlauch beigen Schaum auf die Concorde-Reste unter ihnen. Andere helfen mit Wasser vom Boden aus nach. Um sie herum steigt weißer Rauch auf und zieht Richtung Paris. Nur zwei Minuten nach dem Start am Dienstagnachmittag (25.07.2000) war das Überschallflugzeug, das etwa vier Stunden für den Flug nach New York gebraucht hätte, in der Nähe des Flughafens aufgeschlagen.

Die Überschall-Passagierflugzeuge vom Typ Concorde wurden nach Erkenntnissen der Psychologin Prof. Angela Schorr (Siegen) seit vielen Jahren besonders von Menschen mit Flugangst bevorzugt. Die Verkürzung der Flugzeit über den Atlantik werde von diesen Passagieren als "erheblicher Komfort" empfunden, sagte die Expertin am Mittwoch in einem Gespräch.

Die umfangreiche Berichterstattung aller Medien über den Absturz von Paris sei auch damit zu erklären, dass die Concorde "ein Status-Symbol für ein großes Flugerlebnis" war, meinte die Wissenschaftlerin. Zudem spiele die aktuelle Urlaubszeit mit vielen Fluggästen sowie die relativ nachrichtenarme Zeit eine Rolle bei der Intensität der Medienberichte. Die ansonsten durch entsprechende Psychotherapie "wunderbar abbaubare Flugangst" werde durch die eindringlichen Bilder und Überschriften "verstärkt und aufrechterhalten", stellte die Medien-Psychologin fest.

Nach Ansicht psychologischer Experten sollten die Angehörigen der Opfer des Pariser Concorde-Absturzes die Absturzstelle besuchen dürfen. "Für die meisten Hinterbliebenen ist es hilfreich, wenn sie am Ort des Geschehens Abschied nehmen können", sagte Jürgen Bengel, Professor für Psychologie mit Schwerpunkt Notfallpsychologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg am Donnerstag in einem Gespräch. Die französischen Behörden hatten Angehörige von Opfern schon am Mittwoch so nah wie möglich an den Unglücksort herangelassen. Auf einer nahe gelegenen Straße legten sie rote Rosen nieder.

Bei der Verarbeitung des Unglückes müssen nach den Worten Bengels Angehörige und Retter intensiv psychologisch betreut werden. Der 45 Jahre alte Psychologe kümmert sich seit 15 Jahren um Retter und Opfer von Unfällen und Unglücken. Nach seiner Erfahrung dürfen Angehörige von Unglücksopfern nach dem Ereignis nicht alleine gelassen werden. "Die Menschen dürfen nicht sich selbst überlassen sein. Gerade in den ersten vier Monaten ist intensive Betreuung nötig", sagte Bengel. Gefragt seien erfahrene Ärzte, Psychologen und Seelsorger.

Die Trauerarbeit müsse in "geschützten Räumen" stattfinden. Dort könnten die Psychologen auf Gesprächswünsche der Hinterbliebenen am besten eingehen. Interviews mit Angehörigen seien "schädlich", warnte der Professor: "Mancher Angehörige gibt aus Verzweiflung Interviews. Die negativen Folgen sind ihm in dieser Situation gar nicht bewusst." Von den Medien verlangte Bengel Zurückhaltung: "Wenn Angehörige die Unglücksstelle besuchen, sollten sie weder gefilmt noch befragt werden."

Die meisten Trauernden suchten eine örtliche Nähe zu den Unglücksopfern, erläuterte der Psychologe. Dadurch werde ein "konkreter Abschied" möglich. Auch Gedenkveranstaltungen und Jahrestage seien zur Bewältigung der Trauer sinnvoll. "Angehörige brauchen Fixpunkte", sagte Bengel. Spätestens zum ersten Jahrestag des Absturzes sollte eine Trauerfeier stattfinden.

Neben dem Besuch der Absturzstelle wünschen sich viele Angehörige ein Gespräch mit Rettungskräften. Auch dies sollte ermöglicht werden, sagte Bengel. Nach einer ersten Phase müsse geprüft werden, ob die Hinterbliebenen in ein geordnetes soziales Netz zurückkehren. "Jeder Trauernde braucht einen Ansprechpartner, der für Gespräche zur Verfügung steht." Fehlen diese Bezugspersonen, sei die weitere Hilfe von Psychologen nötig.


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