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 Psychotherapie News  Juli 2000   Psychotherapie
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Die Spur der ersten Tage: Früher Schmerz macht ein Leben lang empfindlich

Washington (27.07.2000) - Wenn Neugeborene Schmerzen erleiden, kann das einer Studie zufolge lebenslange Folgen haben. US-Forscher entdeckten bei Experimenten mit Ratten, dass Nadelstiche nach der Geburt die Nager auf Dauer sensibilisierten. Sie reagierten auch als ausgewachsene Tiere noch empfindlicher auf Schmerz als andere, die in ihren ersten Lebenstagen keine schlechten Erfahrungen gesammelt hatten.

Das berichtet ein Forscherteam um Maryann Ruda von den Nationalen Gesundheitsforschungsinstituten (NIH) der USA in Bethesda (Maryland) Fachmagazin "Science" (Bd. 289, S. 628) vom Freitag. Die Erkenntnis hat vor allem für Frühgeborene Bedeutung, schreiben die Autoren. In der Entwicklung der besonders früh Geborenen sei die Verknüpfung der Nervenbahnen noch nicht abgeschlossen.

Die Forscher fanden bei den Ratten sichtbare "Spuren" des frühen Schmerzerlebnisses. Sie hatten mehr Nervenfasern in jener Struktur der Wirbelsäule, die Schmerzsignale ins Hirn sendet. Mit der erhöhten Zahl von Nervenfasern in diesem dorsalen Horn stieg dann später auch die Schmerzempfindlichkeit, fanden die amerikanischen Forscher bei ausgewachsenen Ratten.

"Frühgeborene Kinder sind noch in der fetalen Phase ihres Lebens, in der die Grundelemente der Gehirnentwicklung in Erscheinung treten", erklärt Dr. Maryann Ruda, Leiterin der Studie und der "Cellular Neuroscience Section" am National Institute of Dental and Craniofacial Research (NIDCR). "Unnatürliche Stimulationen während dieser kritischen Entwicklungsphase können die Nervenzellen abnormal vernetzen."

Von den 400.000 Frühgeburten und Babys mit geringem Geburtsgewicht werden 25.000 in der 27. Schwangerschaftswoche oder früher auf die Welt gebracht. Dank des medizinischen Fortschritts haben sie heute gute Überlebenschancen. Aber diese Frühchen hätten mit einer Menge Problemen zu kämpfen, meint die Ärztin: Sie sind dem Trauma der Frühgeburt ausgesetzt und viele der lebenserhaltenden Maßnahmen verursachen Schmerzen und Gewebeverletzungen: Zur Blutabnahme wird den Babys in die Ferse gestochen, ihnen werden Injektionskanülen und Nasensonden eingesetzt oder sie werden an ein Beatmungsgerät angeschlossen.

Untersuchungen von biologischen Schmerzreaktionen und dem Gesichtsausdruck traumatisierter Babys führten zu der Erkenntnis, dass sie sehr wohl Schmerzen empfinden. Die Wissenschaftler konnten auch feststellen, dass rund um die 24. Schwangerschaftswoche bereits Schmerzleitungen vorhanden sind - wenn auch noch sehr unreif. Sie entwickeln sich erst nach der Geburt. Was den Neugeborenen fehlt, sind vollentwickelte Schmerzhemmstoffe, die sich einige Wochen nach der Geburt eines normal ausgetragenen Kindes entfalten.

In ihrer Studie untersuchte Ruda das Schmerzverhalten von neugeborenen Ratten, denen Reizmittel in die Hinterpfote injiziert wurden, um eine Schwellung hervorzurufen. Eine Gruppe erhielt die Injektion, als die Tiere einen Tag alt waren, also ungefähr am Entwicklungsstand eines Babys in der 24. Schwangerschaftswoche. Die andere Ratten-Gruppe war 14 Tage alt, was etwa dem Alter eines menschlichen Jugendlichen entspricht. Als die Ratten dann "als Erwachsene" untersucht wurden, zeigte sich bei den früh verletzten eine deutliche Verdichtung der Nervenfasern in jener Schicht des Rückenmarks, die die Schmerzsignale ins Gehirn weiterleitet. Im Gegensatz dazu sahen die Nervenfasern der älteren Tiere normal aus.

Die Forscher vermuten, dass bei ihnen der kritische Punkt beim Verabreichen der Injektion bereits überschritten war und sich die Nervenverbindungen nicht mehr veränderten. Die im Babyalter verletzten Ratten zeigten auch im Erwachsenenalter eine stärkere Schmerzreaktion, als man ihre Hinterpfoten erneut irritierte. Die Wissenschaftler vermuten auch, dass die Veränderungen nicht nur das Rückenmark sondern auch manche Gehirnzentren betreffen könnten. Ruda und ihre Kollegen nehmen an, dass ähnliche Veränderungen auch beim neugeborenen Menschen stattfinden können. "Unsere Studie räumt dem Schmerz einen Platz in der Liste jener frühen Reize mit lebenslanger Auswirkung ein."

Für die Medizin heißt das nach Einschätzung von Ruda und Kollegen, dass Betäubungen und Schmerzmittel in den ersten Lebenstagen genau so wichtig sind wie in den letzten. Besonders gefährdet, auf Dauer schmerzempfindlich zu werden, hätten Frühgeborene, die ihr Überleben oft einer Batterie von Schläuchen und Infusionen verdankten.

Dabei hätten Ärzte noch bis vor 15 Jahren nichts oder wenig unternommen, um den Schmerz eines Babys zu stillen. Noch Mitte der 80er Jahre seien Operationen an Neugeborenen fast immer ohne Betäubung erfolgt, weil die Fachleute glaubten, dass sie noch keinen Schmerz empfinden - oder ihn zumindest schnell wieder vergessen würden.


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