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"Medi"
ist nicht "sexy": Gegen die Fantasielosigkeit
medi-geiler Worthülsen im täglichen Burnout
London/Stuttgart
(20.07.2000) - Das Thema lockte: "Sexy" - nicht
"Medi" - heißt eine Ausstellung in der Londoner
Houldsworth Fine Art Gallery, und bei der Eröffnung am Donnerstag
drängelte man sich um den Macher, Kunstkritiker Neal Brown, und
um die Exponate. Allüberall wurde heftig kopuliert, 18 Sekunden
lang und immer wieder beispielsweise auf einer Installation von
Hugo Rittson, der seinen Kopf über den eines Pornodarstellers
montierte. Das Publikum zeigte sich interessiert, amüsiert und
auch verlegen.
Es gibt homosexuellen Sex zu sehen, aber auch den beängstigenden
Drang, kleine Mädchen als Sexobjekte darzustellen und Telefonsex
der besonderen Art. Alles sehr direkt. James Moores Beitrag ist
die inzwischen getrocknete Leinwand, die er noch vor kurzem als
Liebesbett nutzte. Max Igram hat sich für seine Video-Art James
Bond als Mustermann für Romantik gewählt und geht der Frage
nach, was die erotische Stimmung fördert oder zerstören kann.
Das Spiel mit dem Feuerzeug erhält in seinem Kurzfilm die
tragende Rolle.
"Lick my boot" (Leck meinen Stiefel) nennt Bella Freud,
die Designerin aus der Psychoanalytiker-Dynastie, ihren
hochhackigen und hochgeschlossenen Pumps. In hautfarbenem Leder am
Rist per Reißverschluss geöffnet, quillt wolllüstig roter Samt
heraus, eindeutig ans weibliche Genital erinnernd und sehr
ästhetisch.
Und dann ist da Emma Cox, die sich eine Minikamera zwischen die
Beine montierte und das An- und Ausziehen aus diesem Blickwinkel
betrachtet. Sie wird gegen Ende der Ausstellung auch eine
Performance geben. Breitbeinig im kurzen Röckchen auf einem Stuhl
sitzend, wird die Kamera die Blicke der Passanten einfangen und
groß auf einem Monitor wiedergeben.
Brown entschloss sich zu der Ausstellung, als er feststellte, dass
"sexy" nicht nur im Zusammenhang mit Sex benutzt wird,
sondern auch ein neues Modewort ist, das an die Stelle von cool
oder geil getreten ist. Die meisten Arbeiten der 16 Künstler
wurden speziell für die Ausstellung gefertigt. Brown ist sich gar
nicht sicher, dass diese neue Bedeutung des Wortes von den
Künstlern überhaupt aufgegriffen wurde. Aber solange die
Besucher kommen, scheint ihm das auch nicht so wichtig zu sein.
Auch bei "Medi" scheint es nicht um Inhalte, sondern nur
um Besucher (pardon: Mitglieder) zu gehen: "Medi will vor
allem eins, wachsen...", schrieb die Ärzte-Zeitung am
05.07.2000 (S.14). "Medi" haben fantasielose Stuttgarter
Ärztefürsten ihr Praxisnetz genannt, das seine Mittelmäßigkeit
schon im Namen führt. "So wie sich der Medi-Verbund bis
heute vertraglich darstellt, wird nur alter Wein in neue
Schläuche gefüllt", mokierte sich die
"Ärzte-Zeitung" am 05.06.2000 (S.18f.) über die
uncoolen Kneipiers Werner und Norbert. Geil war deren
Gespensterkabinett voller Zukunftsangst nie. Und eine
"Entrechtungserklärung" als Eintrittspreis zu
unterzeichnen, werden als sexy wohl nur die Sado-Maso-Fans unter
den Stuttgarter Ärzten empfinden. Entschieden billiger ist da der
Eintritt in der Londoner Houldsworth Fine Art Gallery zu haben -
übertroffen allenfalls von der medi-alen Poesie über die
medi-geile Struller-Therapie (MEDI-Report vom 08.07.2000):
Total
medi allein ihr Netz das Größte sei,
Schallte der Welt entgegen ihr Kampfesgeschrei:
“Medi, Medi über alles, über alles Ärztegeld.
Den Rest steckt in das Feuer, das das Universum erhellt.“
Voll Strullerkraft sie pinkelten gen jedermann,
Der ihnen in die medi-geile Quere kam.
Der Medi-Wahn jedoch war gar nicht helle,
So wiederum sie fingen Richters Schelle.
Erschreckt nun Wernchens kleiner Struller zuckte,
Bedächtig Norbert sich am Scheitel juckte.
Dann stöhnten und ächzten die Pinkelbuben
Und gingen sich trösten in den Dinkelstuben.
Pisse-Fetischisten
mögen an den spätpubertären Strull-Aufführungen ihre helle
Freude haben. Aber auch Voyeure können bei Medi möglicherweise
eine tiefe Befriedigung finden: Der baden-württembergische
Landesdatenschutzbeauftragte Schneider, so berichteten die
"Stuttgarter Nachrichten" am 18.12.1999, "wittert
...weiterhin Gefahr. Stichwort: 'Medi'. Dahinter verbirgt sich der
Plan der Kassenärztlichen Vereinigung Nordwürttemberg, mit den
niedergelassenen Ärzten der Region beim Einsatz von
Kommunikationstechnik zusammenzuarbeiten. Ziel des
Verbundprojekts: Informationsaustausch per elektronischer Post und
Einrichtung einer elektronischen Patientenakte. Schneider warnte
vor 'der Zusammenballung höchst sensibler Daten'. Es könne nicht
sein, dass der Augenarzt, bei dem man seine Sehstärke testen
lässt, alles über den jüngsten Besuch des Patienten beim
Urologen erfahre."
Wen die tumben Worthülsen nicht anzumachen vermögen, mit denen
die Medi-Propagandisten ihren alten Wein kredenzen, der kann noch
bis zum 9. September seinen Kreislauf echt sexy in Schwung
bringen: Houldsworth Fine Art Gallery, Cork Street, London W1.
That's cool!
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