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Immer
mehr Medien erzeugen immer größere Informationsflut: Wahrnehmung
wird schärfer, Denken dauert länger
Stuttgart
(17.01.2000) - Sie surfen im Internet, spielen am Computer,
"zappen" durch die Fernsehprogramme und telefonieren in
allen Lebenslagen: Vor allem Jugendliche sind einer ständig
wachsenden Informationsflut ausgesetzt. Sind diese andauernden
Sinnesreizungen förderlich oder schädlich für die Intelligenz
des Menschen? Psychologen geben darauf differenzierende Antworten:
Die bildliche Wahrnehmung werde schärfer, aber kompliziertes
Denken könne länger dauern.
Für den amerikanischen Intelligenzforscher Ulric Neisser
resultiert aus dem verstärkten Umgang mit visuellen Medien der
"wohl wichtigste Wandel im 20. Jahrhundert für die
menschliche Intelligenz". "Von Wandpostern über Filme,
Fernsehen und Videospiele bis zu Computern wurde jede Generation
mit mehr optischen Darstellungen konfrontiert als die vorherige,
zitiert ihn die Zeitschrift "Psychologie heute"
(Weinheim) in ihrer neuen Ausgabe. Daraus erkläre sich auch der
so genannte Flynn-Effekt. Der neuseeländische
Politikwissenschaftler James Flynn hatte in den achtziger Jahren
entdeckt, dass die Intelligenzquotienten in den Industrieländern
seit Anfang des 20. Jahrhunderts kontinuierlich zugenommen hatten.
Die US-Forscherin Patricia Greenfield führt besonders den steilen
Intelligenzanstieg der vergangenen 25 Jahre auf den Siegeszug des
Computers und der visuellen Medien zurück. Dies werde aber vor
allem bei nicht-sprachlichen Tests deutlich. Ein viel geringeres
Intelligenzwachstum zeige sich bei sprachlichen Tests. Kinder sind
offenbar in Folge der zunehmenden "Bildhaftigkeit"
unserer Kultur mit Figuren, Mustern und Bildern besser vertraut
als mit Buchstaben.
Nach Meinung der amerikanischen Psychologin Francis Heylighen
stellt die Gesellschaft heute insgesamt höhere intellektuelle
Anforderungen und bietet "neugierigen Kindern mehr
Informationen und komplexere Denkperspektiven". Computer könnten
beim Spielen und Lernen das allgemeine Wissen, geistige
Beweglichkeit und abstraktes Denken von klein auf fördern.
Der Psychologieprofessor Hugo Schmale von der Universität Hamburg
hat bei Berufseignungs-Tests festgestellt, dass Jugendliche heute
eine um 30 Prozent höhere Wahrnehmungs-Geschwindigkeit als vor
zwanzig Jahren haben, und zwar visuell wie auch akustisch. Sie könnten
sich in einer immer schneller werdenden Welt also rascher
orientieren, sagte Schmale.
Aus den Tests ergab sich aber ein Rückgang bei anderen
Intelligenz-Fähigkeiten wie dem Abstraktionsvermögen. Dies zeige
sich auch bei Problemen, die Denkprozesse erfordern und längere
Zeit beanspruchen - etwa beim Ausrechnen oder dort, wo es zu
definieren gilt, wodurch sich zwei Begriffe unterscheiden.
"Das dauert den Leuten zu lange. Sie werden ungeduldig und
unzufrieden."
Die verbreitete Gewohnheit, nebenbei Radiomusik zu hören, könne
die Aufmerksamkeit erhöhen, sagte Schmale. "Es hält das
Gehirn wach." Bedingung für diesen Effekt sei aber, dass die
Musik nicht bewusst wahrgenommen wird und möglichst rhythmisch
ist. Melodisches lenke hingegen leichter ab und habe zudem einen
Entspannungs-Effekt. Bei Beschäftigungen, die große Genauigkeit
über längere Zeit erfordern, funktioniere der
Wachhalte-Mechanismus allerdings nicht mehr.
Freizeitforscher Horst W. Opaschowski hat erhebliche negative
Auswirkungen der Neuen Medien ausgemacht. Eine mit
Informationsflut und Sinnesüberreizung aufwachsende Generation
neige immer mehr dazu, alles auszublenden, was für die persönlichen
Ziele nicht von Bedeutung sei, ergab die Studie "Generation@.
Die Medienrevolution entlässt ihre Kinder" des Hamburger
B.A.T.-Freizeit-Forschungs-Instituts. Wie die Denkfähigkeit drohe
auch die Kommunikationsfähigkeit der Jugendlichen nachzulassen.
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