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Einschränkung
des Realitätssinns durch Amtsverlust? "Läuterung bei Kohl
kaum vorstellbar"
Bonn
(08.07.2000) - Affären hin - Affären her: Ex-Kanzler Helmut Kohl
(CDU) wird sich nach Ansicht des Persönlichkeitspsychologen
Berthold König weder dem Untersuchungsausschuss des Parlaments
noch dem Druck der Öffentlichkeit beugen. Weitere Aufklärung im
CDU-Spenden- und im Aktenvernichtungsskandal sei deshalb von Kohl
kaum zu erwarten. "Ein Potentat wie Kohl empfindet keine Über-Ich-Instanz
oder Normen, an die er sich zu halten hätte".
"Kohl hat weiter das Selbstgefühl eines Mächtigen und lebt
in dem Glauben, der Staat sei er", sagte König. Der
Ex-Kanzler nehme nicht einfache Abgeordnete und Bürger als Maßstab
für das eigene Verhalten: "Wo andere Angst, Scham und
schlechtes Gewissen empfinden, wenn sie im Verdacht krimineller
Machenschaften stehen, da sieht er sich im Recht." Kohl lasse
die Meinung anderer dabei kaum gelten. "Einen Weg der Läuterung
ist bei ihm schlecht vorstellbar."
Kritische Vorhaltungen aus der eigenen Partei sind nach der
Analyse Königs für Kohl jedoch existenzielle Kränkungen:
"Die CDU ist ihm Heimat, Nest und Familie." Seine
emotionalen Reaktionen und Auftritte deuteten allerdings darauf
hin, dass die Verdächtigungen aller Wahrscheinlichkeit nach zuträfen.
Der Ex-Kanzlers zeige eine für Spitzenpolitiker typische
Verhaltensvariante. Mit Macht und allgegenwärtiger Präsenz in
der Öffentlichkeit sei das Selbstwertgefühl über die Jahre
enorm gewachsen. Nun könne der Amtsverlust zu immer gravierender
werdenden Einschränkungen des Realitätssinns führen. Das eigene
Geltungsbedürfnis lasse eine Zurückstufung des Selbstwertgefühls
auf Normalmaß nicht zu.
Für die politische Szene biete Kohl über die Parteigrenzen
hinweg eine dankbare Projektionsfläche und Chancen für
Ablenkungsmanöver. "Auf ihn können sich jetzt alle
Fingerzeige richten", sagte König. Gleichzeitig könnten
eigene Verfehlungen unter dieser Schuldzuweisung glänzend
kaschiert werden.
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