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 Psychotherapie News  Juli 2000   Psychotherapie
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Askese als Hygiene von Körper und Geist: "Lust" daran oder ein harter "Weg zur Freiheit"?

Hamburg (07.07.2000) - Askese ist gut. So heißt es vielfach. Warum gut? Eine ganze Reihe von Begründungen steht zur Auswahl. Zur sommerlichen Badezeit ist manchem schon die Überlegung ausreichend, zumindest mit einer partiellen Askese etwas für sein körperliches Erscheinungsbild zu tun.

Mehr um den Geist als den Körper ging es den Millionen Deutschen, die in diesem Jahr in den Wochen vor Ostern gefastet haben. Aus religiösen Gründen aß jeder vierte Erwachsene im Westen der Republik weniger Fleisch, trank weniger Alkohol, rauchte weniger oder fastete bei anderem, wie eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach ergab. Der Anteil der Fastenden in der Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern, die in christlicher Tradition eine der Entsagung, Buße, inneren Einkehr und Besinnung sein soll, ist seit mehreren Jahren bei Angehörigen beider großer Konfessionen stetig gewachsen.

Als Teil solchen Fastens ist hier und da auch eine Variante menschlicher Solidarität erkennbar - Solidarität aus einer Gesellschaft, in der Millionen Menschen an den Folgen von zu vielem Essen und Trinken sterben, mit Regionen der Welt, in denen Millionen unter deren Mangel leiden. Im Evangelischen Erwachsenenkatechismus heißt es: "Fasten als Übung führt in die Gemeinschaft mit denen, die für jedes Stück Brot und jeden Teller Reis dankbar sind."

Mit philosophischer Überlegung begründete vor zweieinhalb Jahrtausenden der, wie gern erwähnt wird, in einer Tonne lebende Grieche Diogenes von Sinope die Askese. Ihm war die Bedürfnislosigkeit die beste Lebenshaltung. Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk sieht in ihm den "Urvater des Selbsthilfe-Gedankens", einen Asketen in dem Sinne, "dass er ein Selbsthelfer war durch Distanzierung und Ironisierung von Bedürfnissen, für deren Befriedigung die meisten mit ihrer Freiheit bezahlen".

Verweigerung gegenüber den Kauf- und Konsum-Geboten unseres Wirtschaftssystems lässt sich durchaus mit Diogenes begründen. Die Zeitschrift "Psychologie heute" (Weinheim) konstatierte schon Anfang der neunziger Jahre, immer mehr Menschen durchbrächen "den Kreislauf einer uralten Übung - der Askese". Da war auch die Rede von der "Entdeckung der Askese als Möglichkeit der Selbst-Behauptung".

Da hieß es weiter: Übungen in Verzicht, Selbstkontrolle und Selbstdisziplin "ermöglichen den Abstand vom Alltagsgetriebe, schärfen den Blick für das Wesentliche, und sie vermitteln - gewissermaßen als psychologische Prämie - die Einsicht, dass (zeitweiliger) Verzicht nicht nur vernünftig ist, sondern einen Zugewinn an Lust, Genuss und Lebensfreude bringen kann".

Konkrete Entwicklungen in diesem Sinne werden kritisch in dem Buch "Die neue Lust an der Askese" beschrieben, das Ende der neunziger Jahre der Soziologieprofessor Reimer Gronemeyer vorlegte. Er spricht von einer "modisch-entleerten Lifestyle-Askese", einer "Lebensform der postindustriellen Eliten". "Manager regenerieren sich nicht in der Karibik, sondern zwischen Klosterkalk, bei Fastenkuren und in Meditationen versunken", stellt er fest.

Der Professor von der Universität Gießen bezeichnet die Asketen von heute als "hysterische Konsumenten, die eine ehrwürdige Tradition kolonisieren, um sie ihren modischen Bedürfnissen dienstbar zu machen". Wirkliche Askese betreibt, wie er schreibt, "die Einübung in Tugenden (askein heißt sich üben). Asketen haben nicht sich, sondern das andere oder den anderen im Blick: Gott und den Nächsten".

Für den ägyptischen Jesuiten Henri Boulad ist eine Eigenschaft der Askese, dass sie einen "starken Willen" verlangt. Er beschrieb sie kürzlich in einem Interview der Zeitschrift "Kirche intern" (Wien) als eine Hygiene des Körpers und der Seele", um sich selbst in den Griff zu bekommen und ein Gleichgewicht zwischen allen Elementen des eigenen Seins zu erlangen. Askese als solche ist für ihn nicht religiöser Natur, sondern "eine Weisheit, die Weisheit des Leibes, des Geistes, der Seele, des Lebens im ganzen".

Askese habe außer der materiellen Ebene noch eine tiefere Schicht, betonte der Jesuit. "Die größte Versuchung ist mein Ego: mich in mein eigenes Schneckenhaus zurückzuziehen und ein Sklave nicht nur der Konsumgesellschaft, sondern auch meiner Selbst zu sein. Askese heißt also frei sein vom Ich". Der Gipfel der Freiheit sei erreicht, wenn man sich von den Dingen gleichermaßen anziehen lassen wie lösen kann.


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