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Eine
Liebe wird zur Love-Story: Arendt und Heidegger als Romanhelden
Berlin
(04.07.2000) - Von Heidrun Holzbach. Eine der brisantesten und
verschwiegensten Romanzen in deutschen Geisteshöhen hat nach
ihrem Bekanntwerden nun auch den Stoff für einen bemerkenswerten
Roman geliefert: Die Liebesgeschichte zwischen der jüdischen
Philosophin Hannah Arendt und dem mit den Nazis sympathisierenden
Philosophen Martin Heidegger. Was aus der banalen Situation - älterer,
verheirateter Professor verführt junge hübsche Studentin - einen
Jahrhundertstoff macht, ist der Holocaust. Die französische
Kult-Autorin Catherine Clement, die mit dem populären
religionsphilosophischen Roman "Theos Reise" 1998
internationale Erfolge feierte, ist mit ihrem neuen Buch
"Martin und Hannah" wieder Bestseller-verdächtig.
Die Liaison zwischen der genialen Totalitarismus-Kritikerin Hannah
Arendt und dem weltfremden elitären Jahrhundert-Philosophen
Martin Heidegger ist nicht nur die Geschichte einer persönlich
gescheiterten "Amour fou", sondern auch die zwischen jüdischen
und nichtjüdischen deutschen Intellektuellen. Mit viel Witz und
Ironie entwickelt Clement die Unterschiede in den philosophischen
Denkansätzen Heideggers und Arendts buchstäblich am Küchentisch
- in Gesprächen zwischen zwei alten Frauen. Die Geliebte Hannah
und Ehefrau Elfriede rechnen am Ende ihres Lebens im Freiburger
Haus der Heideggers miteinander ab, während der große Philosoph
als hilfloser Greis im Nebenzimmer vor sich hin dämmert und zur
"Wahrheit" und zum "Sein" weder etwas
beitragen kann noch will.
"Ein Schlüssellochroman" kritisierte die
"Frankfurter Allgemeine Zeitung". "Ist das nun Sein
und Zeit' als Fotoroman?", fragte das französische Blatt
"Le Point". Andere wie "L'evenement" feierten
den Roman als ein "schönes und großes Buch".
Kenner und Verehrer des Heideggerschen Werkes mögen das Buch der
Philosophie-Professorin Clement nicht zuletzt deshalb für platt
halten, weil es unbekümmert der Selbstinszenierung Heideggers zu
Leibe rückt. Und dabei macht Clement auch vor seinem ebenfalls
hoch stilisierten Liebesleben - Hannah ist für ihn "das
wahre Griechenland" - nicht Halt. "Er meinte, nur er könne
denken", sagt die Arendt-Biografin Ingeborg Nordmann. Im
Auftrag des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts für
Totalitarismusforschung wird sie gemeinsam mit Ursula Ludz die
"Denk-Tagebücher" der Philosophin veröffentlichen, die
als Beobachterin des Eichmann-Prozesses in Jerusalem das Wort von
der "Banalität des Bösen" prägte.
Das Interesse an Arendt nimmt ohnehin zu. Das ist nicht allein an
der Zahl der Buchtitel ablesbar, die in den letzten Jahren zu der
"leidenschaftlichen Querdenkerin", wie sie der ihr
befreundete Philosoph Hans Jonas nannte, erschienen sind. Auch der
in den USA lagernde Nachlass Arendts ist jetzt digitalisiert und
in Kopien an der Universität Oldenburg zugänglich gemacht
worden.
Der Roman, der psychologisch spannend, realitätsnah und mit immer
wieder aufflammender Situationskomik die Tragödie beschreibt, in
der die hoch begabte Arendt Verfolgung und Emigration erlebt, während
ihr hochfliegender Geliebter als Rektor der Universität Freiburg
freudig die Machtübernahme der Nazis begrüßt, stößt auch bei
Nordmann nicht auf ungeteilte Zustimmung. Sie findet, dass Clement
trotz aller Respektlosigkeit gegenüber Heidegger seine Bedeutung
für das philosophische Werk Arendts überschätzt: "Von Abhängigkeit
kann man wirklich nicht sprechen."
Dass in Philosophiekreisen manche gerne herablassend von Arendt
als "der Studentin sprechen, die sich an den Heidegger gehängt
hat", weiß man auch beim "blauen reiter" in
Stuttgart, einer der führenden Philosophie-Zeitschriften in
Deutschland. "Tatsächlich war sie eine der größten
Philosophinnen des Jahrhunderts", sagt Herausgeber Siegfried
Reusch. Und er erinnert daran, dass sich Heidegger "zum Führer
des Führers" machen wollte, auch wenn er sein Rektoratsamt
bereits 1934 niederlegte.
Ohne Arendts Unterstützung nach 1945 hätte Heidegger, der sich
nie für sein Verhalten entschuldigt und im Einklang mit dem
restaurativen Nachkriegszeitgeist den Mantel des Schweigens über
die braunen Jahre gedeckt hat, seine Lehrerlaubnis nicht so leicht
wieder erlangt. Ob für Hannah die Liebe oder philosophische
Weisheit den Ausschlag gab, müssen die Leserinnen und Leser von
"Martin und Hannah" selbst entscheiden.
Buchtipp - und hier können Sie
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