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 Psychotherapie News  Juli 2000   Psychotherapie
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Rau ermunterte Wissenschaftler zu mehr Einmischung:
Quer denken sei der Trend

Berlin/Freiburg (03.07.2000) - Bundespräsident Johannes Rau hat Wissenschaftler ermuntert, sich stärker an gesellschaftlichen Diskussionen zu beteiligen. "Akademiker sollten sich - auch ungefragt - in die brisanten Themen wie beispielsweise die Gentechnik einmischen", sagte Rau auf der Festveranstaltung zum 300-jährigen Bestehen der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) am Sonnabend (01.07.2000) in Berlin. "Politik und Gesellschaft brauchen Unterstützung durch wissenschaftlichen Sachverstand", betonte der Bundespräsident.

Es wäre sein Wunsch, dass die Akademie in Deutschland ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit und zur Politik neu gestalten, meinte Rau vor zahlreichen Gästen aus Wissenschaft und Politik, darunter Forschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD). "Es ist unser Recht und unsere Pflicht zu fragen nach der Ethik des Erkenntnisfortschritts", sagte der Bundespräsident in seinem Grußwort. Gleichzeitig mahnte er die Wissenschaftler, interdisziplinäre Zusammenarbeit müsse alltägliche Praxis werden.

Rau würdigte zudem die "schwierige und wichtige Arbeit der Akademien bei der Bewahrung unseres reichen wissenschaftlichen und kulturellen Erbes". Oftmals würden von ihnen "Edelsteine der Erkenntnis" gehoben, beispielsweise durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache des 20. Jahrhunderts, das an der Berlin- Brandenburgischen Akademie im Zusammenarbeit mit der Österreichischen und der Schweizer Akademie bearbeitet werde.

Bulmahn sicherte finanzielle Unterstützung für die "Junge Akademie" zu, die am Freitagabend von der BBAW und der Akademie Leopoldina (Halle/Saale) aus der Taufe gehoben wurde. Im Rahmen der "Jungen Akademie" sollen bis zu 50 herausragende Nachwuchswissenschaftler für die Dauer von maximal fünf Jahren gefördert werden.

Die BBAW fühlt sich in der historischen Kontinuität zur Kurfürstlich-Brandenburgischen Sozietät der Wissenschaften, die am 1. Juli 1700 auf Initiative des Gelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz von Friedrich I. gestiftet wurde, sagte BBAW-Präsident Dieter Simon. Simon war am 30. Juni vom Plenum der jetzt 114 ordentlichen Akademiemitglieder für weitere fünf Jahre in seinem Amt bestätigt worden.

Auf der Festveranstaltung im Konzerthaus am Gendarmenmarkt erhielten der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas die Helmholtz- Medaille und der Industrielle Berthold Beitz die Leibniz-Medaille der BBAW. Simon würdigte den 1929 geborenen Habermas als bekanntesten deutschen Sozialwissenschaftler der Gegenwart, herausragenden Denker und einen Meister der Sprache. Beitz lenkt seit 30 Jahren die Geschicke der Krupp-Stiftung, die seit ihrer Gründung rund 620 Millionen Mark für wissenschaftliche und andere Projekte ausschüttete.

Die nach der Wende und der Auflösung der Akademie der Wissenschaften der DDR neu konstituierte BBAW habe sich zu einer "vitalen und produktiven Werkstatt des Geistes" entwickelt, sagte der Regierende Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen (CDU), in seinem Grußwort. Sie habe Vorhaben übernommen, die sich zum Teil über ein Jahrhundert erstreckten, so das Grimmsche Wörterbuch, die Sammlung griechischer Inschriften und die Marx-Engels-Gesamtausgabe.

Zuvor hatte Bundespräsident Johannes Rau am Freitagnachmittag (30.06.2000) in Freiburg zur Eröffnung der Ausstellung "10 Jahre Woche für Leben" die Wissenschaftler in der Medizin und Biologie zu verantwortungsbewusster Forschung aufgerufen. Gerade die Gentechnik biete große Chancen für die Therapie von bislang unbehandelbaren Krankheiten. Sie berge aber auch die Gefahr des Missbrauchs, sagte Rau.

Kein Mensch sei heute noch in der Lage, alle drängenden Fragen der Gesellschaft zu beantworten, sagte Rau. Das System sei so komplex, dass der Einzelne dem Geschehen hilflos gegenüber stehe. In der Wissenschaft sei zudem eine zunehmende Spaltung zu erkennen: in die der Handelnden und die der Bedenkenträger. Rau forderte gerade von der Wissenschaft mehr interdisziplinäres Denken. Dann sehe er eine Chance auf Verständigung.

Die Gesellschaft brauche die Diskussion von mutigen Menschen aus allen Bereichen des Lebens. Quer denken sei der Trend. "Wir brauchen weniger Konflikte, aber mehr Kontroversen", betonte Rau. Man dürfe aber dem anderen nicht die Ernsthaftigkeit seiner Argumente absprechen. Rau sagte, dass dies gerade bei der Schwangeren- Konfliktberatung wichtig sei, wo sich der Streit nicht nur zwischen Kirche und Gesellschaft abspiele, sondern auch in den Kirchen selbst.

Die Woche des Lebens steht dieses Jahr unter dem Motto "Leben als Gottes Bild" und beginnt offiziell an diesem Samstag im Freiburger Münster mit einem ökumenischen Gottesdienst. An ihm werden der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann, und der Vorsitzende des Rates der evangelischen Kirche in Deutschland, Manfred Kock, teilnehmen. Am zentralen Gottesdienst für Württemberg nehmen am 5. Juli in der Leonhardskirche in Stuttgart der Rottenburger Diözesanadministrator Johannes Kreidler und der evangelische Landesbischof Eberhardt Renz teil.

Die "Woche für das Leben" geht auf die gemeinsame Erklärung "Gott ist ein Freund des Lebens" zurück, mit der die Kirchen 1989 die Grundlagen für ein gemeinsames Eintreten für den Schutz des Lebens formulierten. Während anfänglich der Schutz für das ungeborene Kind und die Hilfe für Mütter in Konfliktsituationen im Vordergrund der Veranstaltungen standen, ging es in den Folgejahren auch um Themen wie den Umgang mit Behinderten und Suchtkranken, den verantwortlichen Einsatz der Pränataldiagnostik und das Leitbild von Ehe und Familie für Kirche, Staat und Gesellschaft.


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