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Verzicht auf Nikotin: Gute Vorsätze reichen meist nicht aus - nun soll eine Pille helfen

Berlin/Hamm (28.06.2000) - "Das Rauchen aufzugeben gehört zu den einfachsten Dingen der Welt. Ich selbst habe es schon tausend Mal getan." Den Satz des amerikanischen Satirikers Mark Twain werden viele unterschreiben können, die schon einmal versucht haben, von den Glimmstängeln weg zu kommen. Doch nur drei bis fünf Prozent schaffen es von allein.

Jetzt kommt eine Pille auch in Deutschland auf den Markt, die diese magere Quote auf bis zu 35 Prozent heben könnte. Das Medikament "Zyban" des amerikanischen Unternehmens Glaxo Wellcome ist nach Herstellerangaben etwa doppelt so wirksam wie ein Nikotinpflaster, hieß es am Mittwoch in Berlin bei der Einführungspressekonferenz. In den USA ist "Zyban" seit 1997 erhältlich und wird auch bereits in einigen europäischen Ländern vertrieben.

"Ich rauche gern" - mit diesem Slogan wirbt ein Tabakhersteller für seine Produkte. "Das stimmt gar nicht", meint der Epidemiologe Burckhard Junge vom Robert-Koch-Institut Berlin. "Ein Drittel der Raucher haben in den vergangenen zwölf Monaten versucht, damit aufhören." 37 Prozent der Männer und 28 Prozent der Frauen rauchen regelmäßig im Schnitt 16 bis 20 Zigaretten pro Tag. Sie zusammen gaben 1998 stolze 38,9 Milliarden Mark für ihre Sucht aus. An Tabaksteuer nahm der Staat im gleichen Jahr 21,6 Milliarden Mark ein, elf Prozent mehr als 1997.

Der Weg weg vom Laster ist mit vielen guten Vorsätzen gepflastert, die schnell über den Haufen geworfen werden. Und wer es schafft, wird von Entzugserscheinungen geplagt: Gewichtszunahme, schlechte Laune und Nervosität. "Zyban" des US-Herstellers Glaxo Wellcome verspricht, sowohl das Rückfallrisiko als auch die Entzugserscheinungen zu minimieren bei gleichzeitig tolerablen Nebenwirkungen. Bislang waren Nikotin-Pflaster und Nikotin-Kaugummi auf dem Markt, die dem Konsumentenhirn Tabakzufuhr vorgaukelten, wobei immerhin das Ritual des Griffes nach der Zigarette durchbrochen wurde.

"Da ist viel Psychologie mit im Spiel", betont Hans-Ulrich Wittchen vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie (München). "Ein Medikament allein ist nicht ausreichend." Das bestätigt auch Lutz Schmidt, Direktor der Psychiatrie an der Freien Universität Berlin: "Der Erfolg der Nikotinentwöhnung hängt nicht von der 'Willenstärke' ab, sondern von sinnvoller Verhaltensänderung." Das bedeutet, die um die Zigarette kreisenden Gewohnheiten zu erkennen und abzustellen.

Wittchen hat ein Therapie-Begleithandbuch geschrieben, das zusammen mit "Zyban" dem Patienten ausgehändigt wird. Es soll in einfachen Übungen die Ernsthaftigkeit der Motivation festigen und den Wissensstand über Nikotinfolgen heben. Immerhin ist Tabak mit 110.000 Toten pro Jahr (Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen) in Deutschland der Killer Nummer eins, wie Junge betonte. Die rund 1.000 Mordopfer, 1.000 Drogentote und 8.000 Tote im Straßenverkehr fallen dagegen weit ab.

Aussteigewillige sollen laut Wittchen lernen, Rauchen systematisch durch gesunde Ernährung, kleine Belohnungen und vor allem Sport zu ersetzen. Wittchen: "Es ist einfach schwierig, beim Joggen eine zu qualmen."

Die Kassen übernehmen die Kosten noch nicht, wurde betont. Die Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (DHS, Hamm) forderte dies jedoch ein. "Die Abhängigkeit von Zigaretten ist eine anerkannte Krankheit", sagte DHS-Geschäftsführer Rolf Hüllinghorst in einem dpa- Gespräch. Die Kosten für eine Tagestherapiedosis sollen etwa dem Preis einer Schachtel Zigaretten (fünf Mark) entsprechen. Eine sieben- bis neunwöchige Behandlung würde damit rund 250 bis 320 Mark kosten.

Untersucht wurde die Wirksamkeit der Pille in einer kontrollierten Studie an 893 schweren und langjährigen Rauchern. Sie wurden in vier Gruppen eingeteilt, die entweder ein Scheinmedikament (Placebo), ein Nikotinpflaster, "Zyban" oder eine "Zyban"-Plaster-Kombination erhielten.

Nach einem Jahr waren noch 15,6 Prozent der Placebo- und 16,4 Prozent der Pflastergruppe nikotinfrei. Die "Zyban"-Gruppe kam auf 30,3 Prozent und die Kombinationsgruppe sogar auf 35,5 Prozent. "Das gilt unter Suchtexperten als ausgezeichnetes Ergebnis", sagte Hans-Ulrich Wittchen vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. Eine weitere Steigerung erwarten die Experten von einer verhaltenspsychologischen Begleitung der Ausstiegswilligen in Form eines Begleitheftes.

Nikotin bewirkt eine abnorme Steuerung der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin im Gehirn, erläuterte Schön. "Zyban" (Wirkstoffname Bupropion) halte diese Botenstoffe auf einem konstant niedrigen Stand. Zigaretten könnten damit nicht mehr den gewohnten "Kick" auslösen.

Etwa zehn Prozent der Nutzer würden über Mundtrockenheit und Schwindel sowie 30 bis 40 Prozent über Schlafstörungen klagen. Seltsamerweise hätten aber auch fünf Prozent der Placebo-Gruppe an Trockenheit und 20 Prozent an Schlafmangel gelitten. Die Nebenwirkungen verschwinden nach Schöns Worten in der Regel nach zwei bis drei Wochen Behandlung.

DHS-Geschäftsführer Hüllinghorst betonte, angesichts der dramatischen Schäden durch Tabakkonsum bedürfe es vieler Möglichkeiten des Ausstiegs. Auch das Angebot an Therapieplätzen zur Raucherentwöhnung müssten ausgeweitet werden. Außerdem sprach er sich für die Zahlung einer Verbraucherabgabe von einem Pfennig pro Zigarette aus.


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