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Drogentote in Baden-Württemberg: Trend weg vom "Zudröhn-Image"
Stuttgart
(09.06.2000) - Erstmals seit vier Jahren sind in Baden- Württemberg
wieder mehr Drogentote zu beklagen. Nach Angaben des
Innenministeriums in Stuttgart starben 1999 insgesamt 278 Männer
und Frauen an ihrer Sucht, 52 mehr als ein Jahr zuvor. Nach den
Worten von Innenminister Thomas Schäuble (CDU) gibt es derzeit
keinen schlüssigen Erklärungsansatz für diese Entwicklung.
Gleichzeitig ist die Zahl der Rauschgiftdelikte 1999 um 0,7
Prozent auf 28 377 zurückgegangen. Lediglich beim illegalen
Besitz und Erwerb von Ecstasy verzeichnete das Ministerium einen
Zuwachs von 3,1 Prozent. Rückläufig waren dagegen der Missbrauch
von Heroin (minus 7,3 Prozent), Kokain (minus 15,8 Prozent), LSD
(minus 22,2 Prozent) und Amphetamin (minus 16,6 Prozent). Experten
sehen darin den Trend weg vom Heroin bestätigt.
Ein Sprecher des Sozialministeriums erklärte am Freitag, dass
Heroinopfer immer älter würden, die junge Drogenszene sich aber
abwende vom "Zudröhn-Image" und hin zu einer
hyperaktiven Lebensweise, etwa durch synthetische Drogen wie
Ecstasy. Die Mehrzahl (179) der insgesamt 278 Drogentoten sei
infolge einer Überdosierung in Verbindung mit Heroin gestorben.
Als "kurios" bezeichnete der Ministeriumssprecher den Rückgang
der Drogentoten - entgegen dem Trend - in Mannheim von 36 auf 24,
während die Zahl in der Landeshauptstadt Stuttgart um 14 auf 39
gestiegen sei.
Das Ministerium hat das Münchner Institut für Therapieforschung
beauftragt, eine wissenschaftliche Studie über die Drogentote in
diesen Städten für den Zeitraum des Jahres 1999 und des ersten
Halbjahres 2000 zu erstellen. Dabei sollen etwa polizeiliche und
therapeutische Daten der verstorbenen Drogenabhängigen
vergleichend untersucht werden. Auch der Einfluss von
Drogencocktails auf die Zahl der Drogentoten soll dabei ermittelt
werden.
Die Zahl der Erstkonsumenten, die der Polizei auffallen, ist im
Drogenbereich zurückgegangen. So seien im vergangenen Jahr nur
noch gut 2.700 Erstkonsumenten registriert worden, ein Jahr zuvor
waren es noch über 3.000. Während die Zahl der Delikte beim
illegalen Erwerb und Besitz von Drogen leicht sank, stieg die Zahl
der Fälle bei Drogenhandel und -schmuggel um 5,2 Prozent. Dies
sei vor allem darauf zurückzuführen, dass sich die Strategie der
Fahnder auf die Händler konzentriere. Schäuble betonte:
"Dies muss auch so bleiben, denn der illegale Handel mit
Drogen ist der Motor der Sucht und muss daher mit allen zur Verfügung
stehenden Mitteln bekämpft werden."
In 301 Ermittlungsverfahren wegen Rauschgifts beschlagnahmte die
Polizei im Vorjahr Vermögenswerte in Höhe von 5,6 Millionen
Mark, 1998 waren es noch 4,7 Millionen Mark. Die Beamten
ermittelten 22 600 Tatverdächtige, 1,1 Prozent mehr als 1998. Der
Zehnjahresvergleich zeige eine deutliche Verlagerung der Tatverdächtigen
von Erwachsenen hin zu jugendlichen Tätern. Ausländische Tatverdächtige
seien bei illegalem Schmuggel und Handel mit einem Anteil von 40,2
Prozent "deutlich überrepräsentiert".
Ein Großteil des 1999 in Baden-Württemberg sicher gestellten
Cannabis (Haschisch, Marihuana) stammte erstmals aus der Schweiz.
Gegenüber den Niederlanden, die neben der Türkei, Kolumbien,
Afghanistan, Pakistan und Marokko zu den Hauptherkunftsländern zählen,
gewinne die Schweiz zunehmend an Bedeutung. Als Hauptgrund dafür
nannte das Innenministerium die räumliche Nähe und die
liberalisierte Drogenpolitik des Nachbarlandes. "Dieser
Entwicklung werden wir in enger Abstimmung mit den Schweizer Behörden
entgegen treten", sagte Schäuble. Ein Erkennungsmuster für
potenzielle Schmuggler solle deutschen und Schweizer
Polizeibeamten zur Verfügung gestellt werden.
Stichwort: Drogen
Opiate wie Opium, Heroin, Methadon oder Morphin erzeugen ebenso
wie Barbiturate (Schlafmittel) und Kokain als klassische Drogen
eher ein beruhigendes angenehmes Gefühl. Cannabis (Hanfpflanze)
mit einer wohlig entspannenden Wirkung ist die in Deutschland am
weitesten verbreitete illegale Droge. Rund 25 Prozent der
Jugendlichen zwischen 18 und 25 Jahren haben Erfahrungen mit dem
halluzinogenen Stoff.
Synthetische Drogen wie Ecstasy können stark dämpfend,
aufputschend aber auch halluzinogen wirken. Diese aus chemischen
Grundstoffen zusammengesetzten Drogen können illegal hergestellte
Arzneistoffe sein, anregende Amphetamine oder Designerdrogen wie
Ecstasy. Sie sind in ihrer Wirkung nicht weniger gefährlich als
die klassischen Drogen. Die Designerdroge "Yaba" etwa
wird am Herd aus Salz, Hustensaft, Putzmittel und Lithium
hergestellt und hat in Thailand schon zahlreiche Todesopfer
gefordert.
Zum Tod führen häufig Überdosen. Zuvor verkleinern sich bei den
Betroffenen die Pupillen auf Stechnadelkopfgröße,
Bewusstlosigkeit und Atemstillstand treten ein. Das gefährliche
an Drogen ist die psychische Abhängigkeit, weil sie beim Entzug
mehr Zeit benötigt, als körperliche Abhängigkeit. Drogen -
Opiate, Kokain, Cannabis, Halluzinogene, Amphetamine, Barbiturate,
Alkohol, Nikotin und Tranquilizer - erzeugen durch stimulierende
oder auch beruhigende Substanzen schneller die psychische als die
physische Abhängigkeit.
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