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"Weniger
ist mehr": Mit begrenztem Schlaf gegen die Schlaflosigkeit
Münster
(09.05.2000) - Die Nachttischlampe ist gelöscht, der Wecker
gestellt und der Kopf sinkt in die weichen Kissen. Jetzt sofort
einschlafen und am nächsten Tag fit und ausgeruht aufwachen:
Davon können viele nur träumen. Nach Schätzungen der Deutschen
Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin leidet jeder
vierte Deutsche zumindest gelegentlich an Schlafstörungen. Die
Schwierigkeiten mit der Ruhephase können nach Angaben von
Schlafforschern (Somnologen) vielfältige körperliche und
seelische Ursachen haben. Im Kampf gegen die Schlaflosigkeit haben
Wissenschaftler am psychologischen Institut der Westfälischen
Wilhelms-Universität in Münster ein Schlaftraining gegen
psychisch bedingten Schlafstörungen entwickelt.
"Ganz zu Anfang räumen wir bei unseren Patienten mit den so
genannten Schlafmythen auf", sagt Tilmann Müller, Psychologe
im Schlaflabor. Als Humbug bezeichnet der Forscher beispielsweise
Vor- oder Nach-Schlafen: Wissenschaftlich sei bewiesen, dass
Schlafzeit einer kurzen Nacht so nicht ausgeglichen werden kann.
"Der Körper reguliert Schlafverlust mit einer verbesserten
Schlafqualität und nicht durch längeres Schlafen", erklärt
der Somnologe.
"Mit Gesprächen und einem Schlafprotokoll über zwei Wochen
testen wir zunächst, ob die Patienten für unsere Therapie
geeignet sind", sagt Müller. Um organische Ursachen völlig
ausschließen zu können, gehen die Somnologen anschließend dem
Problem mit elektronischen Messfühlern bei Testnächten im
Schlaflabor auf den Grund. Dabei werden unter anderem Blutdruck,
Herzfrequenz und Atmung aufgezeichnet. Die meisten Patienten sind
organisch jedoch völlig gesund: "40 Prozent der Schlafstörungen
haben seelische Ursachen."
"Ich konnte zwanzig Jahre lang nicht durchschlafen",
berichtet ein 67-jähriger ehemaliger Schreiner aus Beckum (Kreis
Warendorf) über seine lange Leidenszeit. Fast jede Nacht sei er
wach geworden und konnte erst nach zwei oder drei Stunden wieder
einschlafen. "Schlaf kann man nicht erzwingen", weiß er
heute. Nach der Therapie seien die Schwierigkeiten "zu 99
Prozent verschwunden".
Wenn die Patienten zu Müller und seiner Kollegin Beate Paterok
kommen, haben sie im Durchschnitt eine Leidenszeit von 14 Jahren
hinter sich, viele sind von Schlafmitteln abhängig.
"Psychische Schlafstörungen werden häufig nicht erkannt
oder falsch behandelt", sagt Paterok. Die Rat suchenden befänden
sich in einem Teufelskreis: "Der Gedanke ans Einschlafen prägt
schon ihre Ängste am Tag und im Bett liegen sie grübelnd
wach".
Mit ihrem Schlaftraining wollen die Münsteraner diesen Kreis
durchbrechen: Sie verabreden mit den Patienten ein Schlaffenster
von anfangs etwa fünf Stunden, das über Wochen nach und nach
verlängert wird. "Nur während dieser Zeit dürfen sie ins
Bett - egal ob sie schlafen oder nicht", erklärt Paterok.
Damit bauten die Patienten eine so große Müdigkeit auf, dass sie
schon nach kurzer Zeit sofort einschlafen, wenn sie sich hinlegen.
"Das Bett muss wieder ein Ort der Ruhe sein und nicht mit Grübeln,
Ängsten und Anspannung verbunden werden."
Bislang haben etwa 50 Patienten die Schlaftherapie begonnen, die
am Institut oder niedergelassenen psychotherapeutischen Praxen
angeboten wird. Die Kosten übernehmen laut Müller die
Krankenkassen. Um dauerhaft besser zu schlafen, behielten viele
Patienten ein Schlaffenster bei. "Oft gilt hier die
Faustregel "weniger ist mehr", also besser kurz und
knackig schlafen, als lange wach liegen", sagt Paterok. Denn
ein weiterer Schlafmythos sei, dass acht Stunden Schlaf notwendig
seien: Jeder Mensch brauche unterschiedlich viel Schlaf und es gäbe
gesunde Kurzschläfer, die problemlos mit zwei Stunden pro Nacht
auskämen.
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