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 Psychotherapie News  Mai 2000   Psychotherapie
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Psychotherapie und Lifestyle-Arzneimittel von "Sachverständigen" in einen Topf geworfen: Vertragspsychotherapeuten empört

Bonn/Freiburg (06.05.2000) - Auf der Suche nach Einsparmöglichkeiten ist der Vorsitzende des Sachverständigenrats für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen, Prof. Dr. med. Friedrich W. Schwartz, auch auf die Psychotherapie gekommen. Schließlich wird - wo immer von Psychotherapie die Rede ist - inzwischen mehr über das Geld gesprochen, das nicht reicht, nachdem man die Psychotherapeuten ins kassenärztliche Boot hineingelassen hat. "Die sollen gefälligst wieder verschwinden", lautet deshalb der Jagdruf der Organmediziner (Medical Tribune, 24.03.2000, S.28).

Gewiss: Die Psychotherapie in einen Topf mit Lifestyle-Präparaten zu werfen, wie es der Vorsitzende des Sachverständigenrates laut Ärzte Zeitung tat, unterschätzt in eklatanter Weise die gesamtgesellschaftlichen Kosten psychischer Störungen und wird der Effizienz psychotherapeutischer Verfahren nicht gerecht. Dass sie jedoch nicht nur willkommen sind, wissen die Psychotherapeuten: Denn die Einsparungen, die wirksame Psychotherapien im Gesundheitswesen bewirken können, sind jene Aufwendungen, die den Umsatz der Organmediziner schmälern - und oft in mehrfacher Höhe der psychotherapeutischen Kosten.

Deshalb ist der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (bvvp) "nicht nur befremdet, sondern empört", dass "Sachverständige" die "Psychotherapie zusammen mit Lifestyle-Medikamenten in einem Atemzug nennen und auf eine Stufe stellen".

Der offene Brief des bvvp vom 07.05.2000 nachfolgend im Wortlaut:
 
bvvp   Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten  e.V.

Geschäftsstelle
Schwimmbadstraße 22
79100 Freiburg i.Br.

den 7.5.2000
An den
Vorsitzenden des Sachverständigenrats
für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen
Herrn Prof. Dr. med. Friedrich W. Schwartz
Am Probsthof 78a
53113 Bonn nachr.:
Bundesministerium
für Gesundheit,
Gesundheitsausschuss
des Bundestags


Offener Brief


Sehr geehrter Herr Professor Schwartz,

Sie  werden sich erinnern, daß wir mit Ihnen vor einiger Zeit bereits über Ihre Positionen zur Rolle der Psychotherapie im Gesundheitswesen einen kurzen Briefwechsel hatten, in dem wir unsere Bedenken zu Ihren Vorstellungen vorgetragen haben.

Um so mehr erstaunt es uns, daß Sie in der Ärztezeitung (Nr. 77, 27.4.00) erneut und - ohne unsere Argumentation und unsere Bedenken im geringsten zu berücksichtigen - verstärkt gegen die Beibehaltung psychotherapeutischer Leistungen im Rahmen der Pflichtleistungen der GKV Stellung nehmen. Wir zitieren die Ärztezeitung (a.a.O., 2. Spalte):

...Leistungen der ambulanten Erwachsenen-Psychotherapie ebenso wie Lifestyle-Arzneimittel, soweit sie nicht Behandlungsbestandteil schwerwiegender psychiatrischer oder körperlicher Erkrankungen sind, bezeichnet er als Komplementärleistungen. Schwartz: "Beide sollten gesondert wettbewerblich und nicht obligatorisch versichert werden."

Wir sind nicht nur befremdet, sondern empört, daß Sie - sofern die Ärztezeitung korrekt zitiert - hier Psychotherapie zusammen mit Lifestyle-Medikamenten in einem Atemzug nennen und auf eine Stufe stellen. Abgesehen davon, daß dies u.E. eine Mißachtung und Entwertung der oft schweren, psychisch belastenden Arbeit unserer Kollegen bedeutet, entnehmen wir Ihren Vorstellungen vor allem eine erschreckende Unkenntnis über psychotherapeutische Arbeit.

Psychotherapie wird zur Behandlung ausgeprägter und ernster psychischer Störungen angewendet, die Krankheitswert haben und die die Arbeitsfähigkeit und Lebensqualität der Patienten oft erheblich beeinträchtigen, auch wenn es sich nicht um im engeren Sinne psychiatrische Störungen handelt. Psychotherapeuten behandeln z.B. Persönlichkeitsstörungen, Phobien, Panikattacken, Zwangserkrankungen, Depressionen, Schlafstörungen, Schmerzstörungen, Störungen der Geschlechtsidentität und der Sexualpräferenz, psychische und Verhaltenstörungen durch Substanzmißbrauch, Magersucht oder Bulimie. Dabei werden Notwendigkeit und Wirtschaftlichkeit - im Gegensatz zu sonstigen ärztlichen Behandlungen - sogar vor Beginn einer Psychotherapie eigens gutachterlich überprüft. (Ausgenommen sind hier nur Kurzzeittherapien bei sehr erfahrenen Behandlern.)

Es steht unzweifelbar fest, daß bei derartigen psychischen oder psychisch mitbedingten Erkrankungen eine psychotherapeutische Behandlung oder Mitbehandlung nicht durch eine andere Behandlungsform ersetzbar ist. Daher muß Psychotherapie eine unverzichtbare Basisleistung in einem Sozialstaat wie dem unserem sein und bleiben. Jede Überlegung oder Spekulation, Psychotherapie sei eher eine Luxus- oder nahezu eine Lifestyle-Leistung, die nicht unbedingt notwendig sei und daher auch zusätzlich freiwillig versichert werden sollte, verkennt in massiver Weise den Charakter psychischer Störungen, das Leiden der Patienten und die Erkenntnisfortschritte der modernen Medizin. Vollends abwegig erscheinen derartige Gedanken, wenn man sich vorstellt, daß eine rein symptomdämpfende medikamentöse Behandlung einer Depression eine von den Kassen übernommene "Kernleistung" bliebe, während eine psychotherapeutische Behandlung, die kausal angelegt ist, zusätzlich versichert werden oder selbst bezahlt werden müßte.

Es ist nicht schwer vorauszusehen, was passieren würde, wenn Psychotherapie zu einer solchen, von Ihnen vorgeschlagenen, zusätzlich zu versichernden "Komplementärleistung" würde. Natürlich gibt es auch unter den Kassenmitgliedern viele, die - ähnlich wie Sie - Psychotherapie eher für verzichtbar halten und sich nicht vorstellen können, daß auch sie diese Leistung einmal benötigen könnten. Wahrscheinlich würden sich dann Kassenmitglieder in größerer Zahl in diesem Bereich nicht mehr absichern und wären im Ernstfall nur auf die Behandlung mit kassenfinanzierten medikamentösen Ansätzen beschränkt. Zahllose organmedizinische Behandlungsversuche mit Psychopharmaka, die letztlich erfolglos bleiben müssen und möglicherweise in stationären Aufnahmen in der Psychiatrie enden, wären zu erwarten. Es sollte Ihnen eigentlich bekannt sein, daß auch heute schon viel zu viele Psychotherapie-Patienten jahrelange Ärzte-Odyseen mit erfolglosen organmedizinischen Therapieversuchen hinter sich haben, bis ihnen eine psychotherapeutische Behandlung zugänglich wird, die ihnen endlich hilft. Es sollten Ihnen auch die einschlägigen Untersuchungen bekannt sein, die belegen, daß jede Mark, die in Psychotherapie gesteckt wird, langfristig ungefähr die dreifache Summe einspart. (Wir können Ihnen hier gerne das entsprechende Material zukommen lassen.)

Es ist wäre also offensichtlich nicht nur unsozial und diskriminierend, wenn Psychotherapie kein selbstverständlicher Bestandteil der GKV mehr wäre, sondern es wäre auch noch gesamtgesellschaftlich in höchstem Maße unökonomisch und kostentreibend. Da Sie aber diese vielfach belegten Zusammenhänge offensichtlich nicht zu kennen scheinen, bitten wir Sie eindringlich, sich hier auf den aktuellen Kenntnisstand zu bringen oder wenigstens bei Fragen, die die Psychotherapie betreffen, psychotherapeutische Experten hinzuzuziehen. Anders können Sie Ihrer Aufgabe als Vorsitzender des Sachverständigenrats für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen wohl kaum gerecht werden...


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