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Psychisch
Kranke leiden unter Vorurteilen - Anti-Stigma-Kampagne
Leipzig
(02.05.2000) - Der Umgang der Gesellschaft mit psychisch Kranken
kann ihnen das Leiden erschweren. "Viele weigern sich nicht
zuletzt wegen der Vorurteile, ihre Krankheit anzuerkennen",
sagt Professor Richard Warner aus Boulder (US-Staat Colorado) auf
einem Kongress in Leipzig. Der Vorsitzende des
Anti-Stigma-Komitees der World Psychiatric Association
(Weltpsychiatrische Vereinigung/WPA) zitiert eine neue US-Studie,
nach der in zehn Prozent der amerikanischen TV- Sendungen die
Figur eines psychisch Kranken vorkommt. "Von diesen zehn
Prozent erscheinen rund 70 Prozent als gewalttätig und 20 Prozent
als Mörder. Das hinterlasse Spuren in den Köpfen der
Zuschauer."
"Vorurteile gegen psychisch Kranke sind wirklich
schlimm", sagt eine Leipzigerin aus eigener leidvoller
Erfahrung. Ihren Namen möchte die Frau, die sich im Verein
"Durchblick - Psychiatriebetroffeneninitiative"
engagiert, deshalb nicht in der Zeitung sehen. Bei Norman
Sartorius, dem Initiator des weltweiten Programms zum Abbau von
Stigma und Diskriminierung und Ex- Präsidenten der WPA, stößt
dieser Wunsch auf vollstes Verständnis. "Viele haben Angst
vor psychisch Kranken und denken, diese seien gefährlich oder
faul", sagt der Professor. "Falsche Vorurteile belasten
Patienten und deren Angehörige sehr."
An Schizophrenie beispielsweise leidet weltweit rund ein Prozent
der Bevölkerung, allein in Deutschland entwickeln rund 800.000
Menschen im Laufe ihres Lebens eine schizophrene Störung.
Gesellschaftliche Vorurteile gegenüber psychisch Kranken
erschweren nach Ansicht der WPA häufig die Behandlung. Bei den
260 Experten einer internationalen Psychiatrie-Konferenz in
Leipzig, die am Sonntag zu Ende ging, stand deswegen auch das
Thema "Psychiatrie und Öffentlichkeit" auf der
Tagesordnung.
1996 hat die WPA eine weltweite Kampagne gegen die Diskrimierung
schizophrener Patienten initiiert, die bislang in Kanada, Spanien
und Österreich Erfolge gezeigt hat. In Deutschland soll sie in
den nächsten Monaten gestartet werden. "Betroffene kommen
mit den Gesundheitsdiensten sowie Vertretern von Regierung und
Industrie zusammen", erläutert Sartorius.
Menschen, die beispielsweise an Schizophrenie leiden, brauchen ein
ein gutes soziales Umfeld. "Denn für psychisch Kranke sind
viele Dinge wie Arbeitssuche oder Heiraten schwierig", sagt
Sartorius. "Medikamente sind zwar wichtig, aber nicht alles.
Sie sind wie Nahrung - und Essen allein genügt nicht."
Das bestätigt auch Siegmar R., dessen Sohn vor fünf Jahren an
Schizophrenie erkrankt ist. "Wir leben immer in einem
Spannungsfeld zwischen dem Kranken, der Familie und den Ärzten",
sagt der Leipziger. Seine Familie hat Hilfe und Kraft in einem
Verein von Angehörigen und Freunden psychisch Kranker gefunden.
Außerdem zeigt sein Arbeitgeber Verständnis: Siegmar R. darf früher
nach Hause gehen, wenn sein Sohn wieder Selbstmordgedanken hegt.
Dieses Verständnis möchte die Anti-Stigma auch in Deutschland fördern.
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