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Rauchen tötet: Für 23 Milliarden Mark Steuereinnahmen? Nach Serie von Fehlschlägen hoffen Nichtraucher nun auf Erfolg

Berlin (13.04.2000) - Brennende Augen, Halskratzen und Kopfschmerzen - noch immer leiden viele Nichtraucher am Arbeitsplatz unter qualmenden Kollegen. Das könnte sich bald ändern. Im Kampf gegen den blauen Dunst unternehmen die Nichtraucher im Bundestag nun einen neuen Anlauf. Sie wollen Arbeitgeber eindeutig verpflichten, Nichtraucher wirksam zu schützen. Am Mittwochabend haben die vier Initiatoren ihren Antrag an Bundestagspräsident Wolfgang Thierse übergeben.

Nach einer Serie von Fehlschlägen hoffen die Nikotin-Gegner nun auf einen Erfolg. Über die Parteigrenzen hinweg kämpft ein harter Kern von Abgeordneten bereits seit Jahren gegen den Qualm. Doch bisher sind alle Anläufe für ein eigenes Nichtraucherschutzgesetz an der Nikotin-Lobby im Bundestag gescheitert.

Nun haben die Nichtraucher ihre Strategie geändert. Statt auf den großen Wurf setzen sie auf die Politik der kleinen Schritte. So wollen sie bestehende Regelungen nachbessern, um das Rauchen nach und nach zurückzudrängen. Die neue Taktik könnte aufgehen: Bereits 185 Abgeordnete unterstützen den neuen Antrag. Der nächste Vorstoß ist schon geplant: Danach soll der Verkauf und die Abgabe von Tabakwaren an Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren verboten werden.

Niemand bestreitet mehr ernsthaft die Gefahren des Rauchens. Etwa 400 Menschen, so die vier Abgeordneten, sterben in Deutschland jährlich an den Folgen des Passivrauchens, 110.000 an den Folgen aktiven Qualmens. Nüchtern fasste das Bundesverfassungsgericht 1997 die Schreckensbilanz zusammen: "Das Rauchen tötet mehr Menschen als Verkehrsunfälle, Aids, Alkohol, illegale Drogen, Morde und Selbstmorde zusammen". Fast 18 Millionen Bundesbürger hängen an der Kippe, 6,7 Millionen davon sind starke Raucher.

Zumindest am Arbeitsplatz wollen die vier Initiatoren - Uta Titze- Stecher (SPD), Werner Lensing (CDU), Ekin Deligöz (Grüne) und Hildebrecht Braun (FDP) - nun den Schutz der Nichtraucher klar absichern. Hebel ist die Arbeitsstättenverordnung. Diese sehe bisher nur einen Anspruch auf "gesundheitlich zuträgliche Atemluft" vor. Immer wieder müssten Arbeitnehmer vor Gericht erst Gesundheitsprobleme nachweisen, um einen rauchfreien Arbeitsplatz zu erstreiten. Das solle ihnen künftig erspart bleiben. Ausnahme: Kneipen, Restaurants, Diskos und andere Betriebe mit Publikumsverkehr. Dort dürfte weiter gequalmt werden.

Vor die Tür wie in den USA müssten Nikotinjunkies aber auch künftig nicht zwangsläufig. Die Arbeitgeber müssen nach den Plänen zwar für saubere Luft sorgen, aber das Wie bleibt ihnen überlassen. Statt eines Rauchverbots könnten sie Raucher und Nichtraucher räumlich trennen, Raucherzimmer einrichten oder die Lüftung verbessern. Ein rauchfreies Büro könnte auch manchem Raucher das Aufhören erleichtern. Immerhin würden 80 Prozent aller Raucher laut Studien gerne aufhören oder weniger rauchen, schaffen es aber nicht.

Die Tabaklobby ist allerdings auch in der Politik mächtig. Das zeigte sich erneut am Mittwoch: Während in Berlin die vier Abgeordneten für einen besseren Nichtraucher-Schutz kämpften, stritt die Bundesregierung vor dem Europäischen Gerichtshof in Luxemburg pikanterweise gegen das Tabakwerbeverbot. Als einziges Land hat Deutschland dagegen geklagt. Werbewirtschaft und Sportvereine bangen um Millionen-Einnahmen.

Auch die Automatenhersteller mauern. Kein Wunder: In Deutschland gebe es 820.000 Zigarettenautomaten - rund 20 Mal mehr als Geldautomaten, berichtet der CDU-Politiker Lensing. Auch der Staat selbst profitiert kräftig vom Geschäft mit dem blauen Dunst. 23,8 Milliarden Mark fließen ihm laut Lensing durch die Tabaksteuer zu. Zumindest zwei bis drei Prozent davon, so fordern die Nichtraucher, sollten künftig für Kampagnen gegen das Rauchen und für Entwöhnungsprogramme eingesetzt werden.


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