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 Psychotherapie News  April 2000   Psychotherapie
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Aktionskreis Psychiatrie: Politischer Rundtisch für eine Versorgung psychisch Kranker gemäß medizinischem Fortschritt

Berlin (06.04.2000) - Die Versorgungsrealität hinkt dem wissenschaftlichem Stand hinterher, ergab eine Diskussion mit Politik und Medien in der Parlamentarischen Gesellschaft, Berlin.

"In der Versorgung psychisch Kranker hinkt Deutschland derzeit im Vergleich zu anderen europäischen Ländern und den USA das Schlusslicht. Auch wenn seit der Enquête vor nahezu 25 Jahren viel erreicht wurde, so wird aufgrund der restriktiven Budgetpolitik die Mehrzahl der Patienten derzeit nicht nach dem modernen Therapiestand behandelt. Dieser Zustand kann nicht bleiben." So lautete jetzt ein wesentliches Ergebnis bei einem politischen Rundtischgespräch, das auf Initiative des Aktionskreises Psychiatrie - einem Zusammenschluss von namhaften Psychiatern aus Klinik und Praxis - stattfand. In einem regen Austausch diskutierten Fachärzte, gesundheitspolitisch verantwortliche Vertreter aller Parteien und ausgewählte Medienvertreter die aktuelle Versorgungslage in der Psychiatrie.

"Nur durch eine kontinuierliche Zusammenarbeit aller Verantwortlichen und unter Mithilfe der Medien können wir mittel- bis langfristig eine bessere Versorgung psychisch Erkrankter erreichen, die in unserer Gesellschaft nur eine schwache soziale Stellung besitzen. Das Stigma psychischen Krankseins spielt immer noch eine große Rolle", äußerte Prof. Hanns Hippius, eines der Gründungsmitglieder des Aktionskreises Psychiatrie, der es sich zum Ziel gemacht hat, Politiker und Träger der psychiatrischen Versorgung Informationen über aktuelle Probleme zu vermitteln. Besondere Aufmerksamkeit richtet der Aktionskreis auf Verbesserungsmöglichkeiten in der Behandlung und Versorgung von Suchterkrankungen, psychiatrischen Alterskrankheiten (insbesondere Demenzen) und Schizophrenien. Gerade letztere sind aufgrund Häufigkeit und Schwere ihres chronischen Verlaufs, des frühen Erkrankungsbeginns und der damit einhergehenden hohen volkswirtschaftlichen Kosten mit Volkskrankheiten wie Diabetes oder KHK vergleichbar.

"Im Vordergrund aller Überlegungen muss immer der einzelne Patient und dessen Lebensqualität während des chronischen Krankheitsverlaufs stehen. Das heißt: Um eine bestmögliche Behandlungskontinuität zu gewährleisten, sind ambulante und stationäre Behandlung und Betreuung enger zu verzahnen. Der Ausbau der ambulanten Versorgung steht dabei im Vordergrund. Die erzielten Fortschritte auf den Gebieten der Soziotherapie, Psychotherapie und Pharmakotherapie müssen genutzt und stärker miteinander vernetzt werden. All dies ist gemeint, wenn wir von der Integrationsversorgung sprechen. Sie beinhaltet natürlich auch, dass die Kooperation zwischen Klinikern und niedergelassenen Ärzten sowie zwischen Fach- und Hausärzten intensiviert wird", so Hippius weiter und stieß damit auf einhellige Zustimmung unter den Parteivertretern.

Die Realität sieht jedoch leider anders aus, wie Prof. Jürgen Fritze, ebenfalls Gründungsmitglied, erläuterte: "Innovationen haben es in den USA viel leichter. Hier beispielsweise stellen die atypischen Neuroleptika die "first-choice-drugs" dar. In Deutschland dagegen bleiben diese neuen, nebenwirkungsarmen Medikamente etwa 80 Prozent der Patienten verwehrt - aus Kostengründen. Der enge Budgetrahmen lässt den Ärzten keinen Spielraum." Den meisten Patienten wird also die bestmögliche Medikation und somit ein bedeutender therapeutischer Fortschritt vorenthalten. Was in diesem Zusammenhang keine Berücksichtigung fände, kritisiert Fritze, sei die Tatsache, dass die bessere Verträglichkeit atypischer Substanzen die Compliance des Patienten fördere (unter Therapie mit den alten Neuroleptika verhalten sich 50 bis 70 Prozent der Patienten non-compliant). Rezidiv- und Rehospitalisierungsraten würden unter moderner Therapie signifikant gesenkt. Die Chance auf Reintegration des Patienten in die Gesellschaft steigt. Höhere Medikamentenkosten führten somit letztlich zu geringeren Gesamtkosten.

Bedauerlicherweise fände bislang auch keine Gegenüberstellung von direkten Behandlungskosten (ambulante und stationäre Versorgung) und indirekten Folgekosten (wie Aufenthalt in Pflegeheimen, Kosten für häusliche Pflege, Frühberentung und Ausfall der Produktivität etc.) statt. Selten waren sich Fachärzte, Patienten und Angehörige hinsichtlich einer therapeutischen Weiterentwicklung so einig wie in diesem Fall, denn die atypischen Medikamente werden von allen Seiten gleichermaßen akzeptiert.

Eine gezielte Information der für die Psychiatrie verantwortlichen Gesprächspartner auf gesundheitspolitischer Ebene ist aber nicht genug. Im Interesse der Patienten und ihrer Angehörigen seien außerdem - auch da waren sich Fachärzte und Politiker einig - durch breite Initiativen Vorbehalte, Vorurteile und Berührungsängste gegenüber psychiatrischen Krankheiten abzubauen. Dies trifft in besonderem Maße auf die Schizophrenie zu und bezieht sich primär auf das gesellschaftliche Umfeld der Betroffenen. Eine möglichst frühzeitige Aufklärung ist dabei wünschenswert.

"Die Gesundheitserziehung in Deutschland weist in bezug auf psychische Erkrankungen erhebliche Defizite auf. Die Aufklärung muss also da beginnen, wo das Bewusstsein entsteht - in den Schulen", so Prof. Heinz Häfner, Mitglied im Aktionskreis. Der Aktionskreis Psychiatrie will sich nun dafür einsetzen, Aufklärungskampagnen an Schulen mit voranzutreiben - internationale Vorbilder gibt es bereits. In Deutschland muss auf Länderebene angesetzt werden, wie die Parteiabgeordneten bestätigten.

Dies tut auch Not, denn bis heute sind psychisch Kranke stigmatisiert - eine Tatsache, die gerade auf die Patienten selbst fatale Auswirkungen hat. So haben die Betroffenen und ihre Angehörigen nicht nur mit der eigentlichen Erkrankung zu kämpfen. Sie leiden darüber hinaus unter sozialer Isolation, Diskriminierung und Herabsetzung. Dies hat wiederum gravierende Folgen auf die Psyche und das soziale Verhalten der Betroffenen und ihrer Familien und führt über kurz oder lang zum Verlust sozialer und gegebenenfalls auch familiärer Akzeptanz. Das psychische Leiden wird nach außen verschwiegen, tabuisiert. Fehlbeurteilungen seitens der Gesellschaft tun ihr übriges. Experten gehen davon aus, dass die Hauptursache für die Stigmatisierung psychisch Kranker in einem mangelnden Wissen begründet liegt. Das Bild der "geschlossenen Anstalt" geistert in noch zu vielen Köpfen und weckt falsche Assoziationen wie beispielsweise "Diese Menschen sind gefährlich und unberechenbar".

Durch eine weltweit angelegte Anti-Stigma-Kampagne erhoffen sich die Experten eine allmähliche Einstellungsänderung im sozialen Umfeld und damit auch ein anderes Verhalten von Seiten der Bevölkerung gegenüber psychisch Kranken - so wie sie durch gezielte Aufklärung auch bei Krankheiten wie Krebs oder AIDS erreicht wurde. Bedauerlicherweise finden Patienten mit somatischen Erkrankungen bislang eine wesentlich höhere Akzeptanz als Patienten mit psychischen Störungen. Übergeordnetes Ziel aller Bemühungen ist nach Ansicht des Aktionskreises, dafür Sorge zu tragen, dass die Patienten mittel- bis langfristig bessere Integrationschancen erhalten, da dies sich unweigerlich positiv auf die Grunderkrankung auswirken würde.

Die derzeitige Versorgungslage psychisch Kranker dagegen bedeutet einen eklatanten Missstand und somit eine Diskriminierung für die Betroffenen, konstatierte Prof. Hanns Hippius und betonte, dass ein Perspektivenwechsel unbedingt erforderlich sei. Auf seiten von Politik und Medien stieß das Angebot zum Dialog auf großes Interesse und muss sicher als erster wichtiger Schritt zu einem Lern- und Umdenkungsprozess gewertet werden. Denn: Der Dialog zwischen Psychiatrie und Politik soll auf Wunsch auch zukünftig aufrecht erhalten werden.


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