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 Psychotherapie News  April 2000   Psychotherapie
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Suchtgedächtnis löschen: Wenn sich das Gehirn nicht mehr an Heroin erinnern kann

Tübingen (04.04.2000) - Mögen sie sich auch in vielem unterscheiden - einmal süchtig nach Opiaten, verhalten sich Ratten und Menschen gleich: Sie können ihren Konsum nicht mehr kontrollieren, gieren nach dem Stoff und selbst nach langer Abstinenz verfallen sie schnell wieder der Droge. Diese Tatsache haben sich Berliner und Tübinger Wissenschaftler zu Nutze gemacht und versuchen nun in einem weltweit einmaligen Ansatz, das Suchtgedächtnis der Abhängigen zu löschen.

"Die Gier nach der Droge ist in ganz tiefen uralten Hirnstrukturen verankert", erklärt der Berliner Therapieforscher Jochen Wolffgramm, der das Verhalten der süchtigen Ratten untersuchte. Ihnen wurden über Monate zum Trinken mehrere Flüssigkeiten angeboten: Wasser und unterschiedlich starke Opiatlösungen. "Die Ratten hatten die freie Wahl, was sie trinken", sagt Wolffgramms Kollege Andrea Heyne. Monatelang hatten die Ratten ihren Drogenkonsum unter Kontrolle. "Bei einigen Tieren passierte dann der Umschlag zur Sucht", erläutert Heyne. Das Suchtgedächtnis war geprägt.

Wolffgramm schildert, wie körperliche und psychische Abhängigkeit auch bei den Nagetieren zusammenspielen: "Eine Ratte, die nach langer Zeit eine ihr bekannte Flasche mit der opiathaltigen Lösung sieht, beginnt zu zittern." Um zu testen, wie stark das Suchtgedächtnis bei den Tieren ausgeprägt war, wurde ihnen die Droge für Monate entzogen. Dann wurde ihnen vergällte Drogenlösung angeboten - die abhängigen Ratten schluckten auch diese.

Doch wie lässt sich ein solches Suchtgedächtnis löschen? "Wie bei einem Computer werden die alten Eintragungen auf der Festplatte überschrieben", skizziert Wolffgramm die Grundidee. Die Forscher versetzten die Gehirne ihrer Versuchstiere in eine "empfindliche Phase". Dazu unterzogen sie die Tiere einer Hormonbehandlung und verabreichten ihnen danach gezielte Gaben von Opiaten. "Der Kreis vom Wunsch nach der Droge und der Wirkung der Droge wurde unterbrochen", erklärt Wolffgramm, "denn die Tiere bekamen diesmal die Droge nicht, wenn sie danach gierten". Das Resultat: "Alle süchtigen Ratten haben ihre Sucht verloren - total und komplett."

Nun wird das Verfahren an der Uniklinik Tübingen klinisch an Patienten getestet. "Wir setzen erstmals nicht bei den Symptomen an, sondern an den Ursachen", sagt Götz Mundle, Leiter der klinischen Prüfung. Nach ersten Erkenntnissen sei die Methode auf den Menschen übertragbar. Nun müsse noch bewiesen werden, dass sie wirklich Erfolg hat. "In zwei bis drei Jahren kann das überstanden sein", hofft Mundle. Denn die eingesetzten Medikamente sind bereits seit langem zugelassen, ihre Wirkung und Nebenwirkungen bekannt. Ergänzend soll eine Psychotherapie hinzukommen.

Bisherige Therapieverfahren waren zumeist "enttäuschend", bilanziert der Ärztliche Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Prof. Gerhard Buchkremer: "Die Erfolgsquoten lagen bisher bei zehn Prozent, bei günstiger Rechnung bei 20 Prozent." "Sollte es wirklich gelingen, Heroinsüchtige zu heilen, so könnte das Verfahren auch auf andere Suchterkrankungen übertragen werden", hofft Wolffgramm.

In Deutschland sind über 120.000 Menschen behandlungsbedürftig heroinabhängig. Der volkswirtschaftliche Schaden durch die Sucht wird auf eine Milliarde Mark geschätzt. Beim Alkoholismus liegen die Zahlen noch wesentlich höher. Schätzungen sprechen von 2,5 Millionen Süchtigen und einem Schaden von 50 bis 100 Milliarden Mark.


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