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Die
Scheidungsformel: Ein mathematisches Verfahren soll die faire
Teilung von Hab und Gut garantieren
Stuttgart
(27.03.2000) Von Desiree Karge - In den USA geht jede zweite Ehe
in die Brüche. Das macht pro Jahr rund 1,2 Millionen Scheidungen
- und fast so viele Prozesse: Wer bekommt das Haus, wer die
Familienkutsche oder das Tafelsilber?
Die Antworten hierauf führen fast immer zur Vergrößerung des
emotionalen Scherbenhaufens. Doch der Disput um Haus und Hof kann
auch friedlich und vor allem fair ablaufen. Das glauben zwei
amerikanische Wissenschaftler, die das Scheidungsdilemma mit einer
algebraischen Gleichung lösen wollen: Steven Brams, einer der führenden
Spiel-Theoretiker Amerikas, und Alan Taylor, Mathematikprofessor
am Union-College in Schenectady, erdachten ein mathematisches
Verfahren, das Emotionen aus dem Streit um gemeinsame Güter nimmt
und für ihre gerechte Aufteilung sorgt - die "Adjusted
Winner"-Methode.
"Man braucht dazu nur ein Blatt Papier, einen Stift und
vielleicht einen Taschenrechner," beschreibt Taylor das
simple Vorgehen. Zunächst werden alle Streitobjekte auf einen
Zettel geschrieben. Jeder bekommt 100 Punkte, und darf sie über
die gemeinsamen Güter verteilen, individuell nach Geschmack und
persönlicher Wertschätzung. Anschließend erfolgt eine erste
Verteilung: Ein Objekt wird demjenigen zugeteilt, der dafür die
meisten Punkte vergeben hat.
"Was dabei herauskommt, ist jedoch noch nicht ganz
fair", findet Taylor, "daher muss ein Ausgleich ("adjustment")
stattfinden." Dazu kommen bestimmte Güter zurück in den
gemeinsamen Topf, und zwar diejenigen, bei denen die verteilten
Punkte am dichtesten beieinander lagen, es also eindeutige
gemeinsame Prioritäten gab. Diese Güter werden dann mit Hilfe
der Brams-Taylor-Formel zu gerechten Anteilen auf die beiden
Streitpartner verteilt. "Für dieses Adjustment wird dann der
Taschenrechner gebraucht", sagt Taylor. Sind dann alle
Objekte verteilt, geht jeder Partner mit der gleichen Anzahl an
Punkten nach Hause. "Und das genau ist das Schöne bei dieser
Methode: Es gibt keine Verlierer", bemerkt Brams, "In
der Regel bekommt jeder ungefähr zwei Drittel dessen, was er aus
der Streitmasse haben wollte."
Weder Brams noch Taylor entwickelten die Methode aus persönlichen
negativen Erfahrungen. Vielmehr entstand "Adjusted Winner"
als Abfallprodukt des bekannten mathematischen Problems: Wie teilt
man eine Torte, ohne daß jemand dabei zu kurz kommt? Die beiden
Wissenschaftler wußten die Aufgabe akademisch zu meistern, doch
das Ergebnis ihrer Überlegungen war wenig praxisbezogen:
"Beim Schneiden des Geburtstagskuchens würde es damit nur Krümel
geben", gesteht Brams zu.
Für andere Verteilungsprobleme aber zeigte sich ihre
Kuchenformel, leicht abgewandelt, praktikabel. Seit Juni 1999 ist
der Brams-Taylor-Scheidungs-Algorithmus offiziell patentiert -
bisher das einzige Patent für Konfliktlösungen. Die genaue
Gebrauchsanweisung ist auch in einem neuen Buch von Brams und
Taylor nachzulesen ("The win-win solution: Guaranteeing Fair
Shares to Everybody", W.W. Norton & Company, New York
1999) "Wir wollen aus der Formel kein Geheimnis machen",
sagt Brams. "Jeder kann unser Buch kaufen und es auf seine
eigenen Dispute anwenden."
Frühere Verfahren zur Konfliktlösungen waren selten so
befriedigend: "Ich teile, Du wählst" ist zwar einfach,
sogar in der Bibel beschrieben (Abraham teilte das Land in Kanaan
und Jordansland, Gefolgsmann Lot durfte sich ein Stück aussuchen)
aber selten gerecht. "Der Teiler kann manipulieren",
kritisiert Brams, "und das ist besonders bei Scheidungen sehr
ungünstig." Bei der zweiten bisher gängigen Methode -
"erst wähle ich, dann Du" - ist der Nachteil
offensichtlich: Der Zweitwähler hat das Nachsehen.
Dennoch ist auch die Brams-Taylor-Formel nicht perfekt. Sie
garantiert nur, daß aufrichtige Partner mindestens 50 Prozent der
Streitmasse erhalten, die sie für wichtig halten. Beide Parteien
können am Ende mit zwei im Wert völlig unterschiedlichen Paketen
aus der Diskussion herauskommen. Wenn der Gatte zum Beispiel
gesteigerten Wert auf den Hund legt oder auf die Liebesbriefe der
Großmutter, zu Ungunsten von Münzensammlung oder Mercedes.
Auch in Deutschland macht das amerikanische Patent Schule, nicht
nur in Scheidungsangelegenheiten: Matthias Raith, Privatdozent für
Wirtschaftsmathematik in Bielefeld, unterrichtet damit Ärzte,
Sozialarbeiter und Behördenleiter, wie sie Zwistigkeiten zu
allseitiger Zufriedenheit beilegen können. Ehekrächen kann man
mit "Adjusted Winner" sogar vorbeugen, damit es
vielleicht gar nicht erst zur Trennung kommt: Typische potentielle
Scheidungsgründe wie Streitigkeiten um die Aufgabenverteilung im
Haushalt, Kindererziehung und Geldausgabe ließen sich mit der
100-Punkte-Methode regeln. So ist gerecht ermittelbar, wer die
Hemden bügelt, den Müll hinunter trägt, wo die Kinder ihre
Ferien verbringen oder welche Anschaffungen wann getätigt werden.
Man zücke nur Papier und Bleistift, erstelle ein Liste, verteile
100 Punkte und rechne… (bdw)
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