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 Psychotherapie News  März 2000   Psychotherapie
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Der zunehmende Trip zur "Persönlichkeitsentwicklung": Viele Fragen bleiben unbeantwortet

Berlin/Stuttgart (24.03.2000) - "Persönlichkeitsentwicklung" ist das Stichwort für eine wachsende Branche mit Kursen, Seminaren, Workshops, Trainern und Coaches am Markt der Erfolgsverheißungen. Die Parole "Lebenslanges Lernen" ist angesichts unsicherer Arbeitsplätze und sich laufend erweiternder und verändernder Anforderungen längst allgemein akzeptiert. Mancher glaubt, ein Übriges tun zu müssen, indem er nicht nur seinem Wissen ständig weiterhilft, sondern auch an sich selbst als Persönlichkeit arbeitet und andere an ihr arbeiten lässt - für teures Geld.

Manches spricht für die Wichtigkeit dieser Art von Weiterbildung. Eine Studie über die Weiterbildungsszene in Deutschland hat gezeigt, dass im Seminar-Angebot Traditionelles wie "Verkauf/Marketing" oder "Betriebswirtschaft/Rechnungswesen" abnehmen wird zu Gunsten von "Persönlichkeitsentwicklung/Selbsterkenntnis" und "Menschenführung". Der Diplom-Psychologe Dietmar G. Luchmann vom Stuttgarter ABARIS Institut, das neben der Psychotherapie für Patienten selbst auch Coaching und psychologische Beratung für Manager anbietet, weist auf ein Umdenken in den Führungsetagen deutscher Unternehmen hin.

So selbstverständlich der Wettbewerb im Markt um den Endkunden mit psychologischem Wissen geführt wird, so wenig hat die Wirtschaft in der Vergangenheit die psychologischen Faktoren bei der Mitarbeiterführung und -motivation angemessen gewürdigt. "Jetzt wächst die Erkenntnis, dass die schillernden Selbstdarsteller nicht weiter helfen, die ein Strohfeuer nach dem anderen entfachen", sagt der Psychotherapeut Luchmann. "Gefragt wird zunehmend nach Fachleuten, die sich von Hause aus mit der Lösung menschlicher  Konflikte und der dauerhaften Aktivierung menschlicher Ressourcen auskennen". Psychotherapeuten besitzen hierfür ideale Voraussetzungen. "Sie müssen allerdings auch wirtschaftliche Prozesse verstehen lernen, wenn sie ihren Klienten gute Ratgeber sein wollen", schränkt Luchmann ein. Das sei noch keinesfalls selbstverständlich. 

Das Angebot für Persönlichkeitstrainings präsentiert sich den Interessenten als außerordentlich vielfältig schillernd. Die Anbieter, die sich großenteils in Kleinanzeigen bemerkbar machen, können in zwei Gruppen eingeteilt werden: Die eine arbeitet mit Methoden, die an wissenschaftlicher Psychotherapie ausgerichtet sind, die andere ist religiös und spirituell orientiert. Die Übergänge sind jedoch zum Teil fließend, oder die Ausrichtung ist nicht unmittelbar erkennbar.

Dass die weltanschaulich geprägten Angebote zunehmen, ist jedenfalls als Tendenz unübersehbar, wie der Psychologe und Psychotherapeut Michael Utsch im Gespräch mit dpa sagte. Utsch ist bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW, Berlin) für das Referat "Psychologie und Religion" zuständig. Den Grund sieht er darin, dass die Angebote über die Wirkungen konventionell-wissenschaftlicher Bemühungen hinaus den Interessenten großenteils auch die Vermittlung eines "ganzheitlichen" Lebenssinns, eines neuen Bewusstseins von sich selbst und der Welt versprechen.

Sie erwecken zum Teil auch sonst hohe Erwartungen. So wird in der neuesten Ausgabe des EZW-"Materialdienstes" als "Fallbeispiel" das Nathal-Institut in Wuppertal vorgestellt. Es bietet eine "Methode zur Entwicklung der Persönlichkeit, zur Erhöhung der schöpferischen Einsicht und der Leistungsfähigkeit" an. Hierbei soll in besonderem Maße eine sehr effektive Synchronisation der beiden Gehirnhemisphären behilflich sein.

In Aussicht gestellt wird auch ein Zustand, in dem "Kontakt zu anderen Informationsebenen" aufgenommen wird. Ein Institutsexponent wird von der EZW mit dem Hinweis zitiert, das Vorgehen sprenge, im Gegensatz zur analytisch-deduktiven Methode, das Tempo normaler Informationsverarbeitung. So werde ein enormer Wissensvorsprung gewonnen - wichtig für Ärzte, leitende Unternehmer, Selbständige Wissenschaftler und andere auf Leistung eingestellte Personen.

Der EZW-Autor hatte bei einem Besuch des Instituts den Eindruck, dass die meisten Teilnehmer der Sache positiv gegenüberstanden. Zu seiner eigenen Einschätzung verweist er unter anderem darauf, dass unter Esoterikern aus "New-Age"-geprägten Kreisen das verheißene harmonische Zusammenspiel der bislang getrennt voneinander arbeitenden Hirnhälften längst eine Standard-Utopie sei. Sie ist eine der Utopien auf dem Weg zum "Global Brain" (globalen Gehirn) und einer umfassenden Bewusstseinstransformation im beginnenden so genannten Wassermann-Zeitalter.

Utsch moniert, dass bei den Angeboten ein eventueller ideologischer Hintergrund - etwa ein esoterischer - transparent gemacht werden sollte. Er spricht von oft "schwammigen, nebulösen" Zielen der Praktiken. Insgesamt beurteilt er die Szene als auch qualitativ sehr unterschiedlich. Neben unbestreitbaren Schulungserfolgen häuften sich Rückmeldungen über ge- und enttäuschte Kursteilnehmer. Der ausufernde Bildungsmarkt braucht deshalb kritische Akteure, so Utsch, damit sich dort keine Psychokulte entwickeln, die Menschen manipulieren und abhängig machen. Aufklärung über Trainingsinhalte, Methoden und Ziele sei oberste Pflicht, die persönliche Entscheidungsfreiheit müsse gewährt werden und Kritik möglich sein.


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