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Frust
und Stress machen dick und fett: Jeder Zweite isst zu viel, jeder
Fünfte ist gesundheitsgefährdend übergewichtig
Essen/Frankfurt/Main/Stuttgart
(22.03.2000) - Die Deutschen werden immer dicker. Bereits heute
trage jeder zweite Bundesbürger zu viel Speck mit sich herum,
berichteten am Mittwoch Forscher anlässlich eines internationalen
Kongresses zum Thema Übergewicht (Adipositas). Die Folgen für
das Gesundheitswesen sind enorm: 37 Milliarden Mark müssen
Krankenkassen jährlich für die Folgen von Übergewicht
aufbringen, sagte Prof. Klaus Mann vom Mitveranstalter, der
Universität Essen.
Schon eine Gewichtsabnahme um zehn Prozent könne gesundheitliche
Risiken wie hohen Blutdruck, Stoffwechselstörungen oder hohe
Blutfett- und -zuckerwerte deutlich verringern, sagte Mann. Nicht
jeder Dicke sei aber gleich krank, schränkte der Mediziner ein.
"Wer sich mit seinem Gewicht wohl fühlt und keine
Risikofaktoren aufweist, ist auch nicht krank."
Gesundheitsgefährdend übergewichtig ist nach Darstellung der
Wissenschaftler jeder fünfte Bürger. Das fängt schon bei
Kleinkindern an, sagte der Endokrinologe Bernd Saller vom
Uniklinikum Essen. Sechs Prozent der Kleinsten hätten schon Übergewicht.
Bis zum 15. Lebensjahr steige die Zahl auf 20 Prozent. "Dabei
müssen wir davon ausgehen, dass in 80 Prozent der Fälle ein übergewichtiger
Jugendlicher auch im Alter dick sein wird", sagte Saller.
Eine besondere Aufgabe schreibt der Mediziner den Kinder- und Hausärzten
zu. Sie müssten die Entwicklung im Auge behalten.
Abführmittel - oft zum Abnehmen missbraucht - sind denkbar
ungeeignet. Über längere Zeit eingenommen kommt es zu Wasser-
und Mineralstoffverlusten. Ein Mangel an dem Mineralstoff Kalium führt
aber seinerseits wieder zu Verstopfung, und damit kann ein gefährlicher
Teufelskreis entstehen, warnt Professor Jürgen Stein vom
Universitätsklinikum Frankfurt beim 6. Frankfurter Ernährungsforum.
Pro Jahr werden nach Einschätzung des Wissenschaftlers 300
Millionen Mark für Abführmittel, in der Fachsprache Laxanzien,
ausgegeben. Gerade im Frühjahr sei die Versuchung groß,
Gewichtsprobleme mit selbst verordneten Laxanzien in den Griff zu
bekommen. Doch ein leichtfertiger Umgang mit den Stoffen könne
schwerwiegende Nebenwirkungen - von Stoffwechselstörungen bis zu
Herzrhythmusstörungen - nach sich ziehen. Am Ende könne
Arzneimittelabhängigkeit stehen. Probleme mit der Verdauung oder
dem Gewicht lassen sich Stein zufolge am besten durch gesunde,
ballaststoffreiche Kost und mehr Bewegung in den Griff bekommen.
"Für gesundheitsgefährdend Übergewichtige ist es wichtig,
eine individuelle Therapie zu finden", sagte Stephan Huppertz
von der Essener Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik.
"Die meisten Patienten haben schon 17 Diäten von Weight
Watchers bis Brigitte hinter sich und legen langfristig nach dem
Jo-Jo-Effekt doch zu." Wichtig sei es Essstörungen zu
erkennen. Bei normaler Ernährung in der Klinik verlören die
Patienten ebenso Gewicht.
Die Ärztin für Psychotherapie und Naturheilverfahren Carmen
Heerdegen, die am Stuttgarter ABARIS Institut therapeutische Kurse
durchführt, empfiehlt eine Kombination aus Heilfasten und
Psychotherapie. Beim ambulanten und ärztlich geführten
Heil-Fasten könne die Gewichtsreduktion auf gesunde Weise mit
einer psychotherapeutischen Begleitung bei der Selbst-Findung
verknüpft werden. "Übergewicht", so die Fachärztin,
"ist überwiegend ein Ergebnis selbstschädigender Denk- und
Verhaltensmuster. Die Beseitigung von Übergewicht kann sich
deshalb nicht in der Reduktion von Pfunden erschöpfen, sondern
bedarf parallel dazu des Erlernens geeigneter Selbst-Management-Fähigkeiten."
Dies sei die Voraussetzung, um die Erfolge bei der
Gewichtsreduktion auf Dauer aufrecht zu erhalten.
Für all diejenigen, die nur leicht übergewichtig sind oder für
die Schwimmbadsaison ein paar Pfunde Winterspeck abnehmen wollen,
gilt weiterhin FDH (Friss die Hälfte). "Drei Monate kein
Alkohol, keine süßen Brausen, mehr Salate und Vollwertkost sind
schon das Richtige", sagte Mann. Von Wunderkuren mit Äpfel
und Eiern oder Hollywood-Diäten rät der Fachmann ab. "Mit
500 Kalorien kann man nicht leben." Ernährung muss
ausgewogen und darf nicht extrem sein. Bei fetter Wurst, fettem Käse,
Magarine oder Getränken dürfen es auch Lightprodukte sein. Der
Durchschnitts-Mann sollte bei der Diät mit 1.600 Kalorien
auskommen. Bei der Frau reichen etwa 1.400.
Die Einstufung in eine Gewichtsklasse kann jeder selbst errechnen.
Die Formel des Body Mass Index (BMI) lautet: Körpergewicht
geteilt durch Größe Mal Größe. Beispiel: 70 Kilogramm durch
(1,7 m x 1,7 m) ergibt 24. Das Idealgewicht liegt unter Index 19,
das Normalgewicht zwischen 19 und 25, übergewichtig ist man bis
30, adipös über 30. Eine 1,78 Meter große Frau wäre damit ab
80 Kilo übergewichtig.
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