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Bei
Alkohol im Mutterleib: Massensterben kindlicher Nervenzellen
Washington/Berlin
(11.02.2000) - Eine Schwangere, die Alkohol trinkt, schädigt
gleich auf einem Doppelweg das Gehirn des Ungeborenen. So kann ein
mehrstündiger Rausch der Frau Millionen von Nervenzellen im
wachsenden Hirn ihres Kindes zerstören. Das berichtet ein
internationales Team um Chrysanthy Ikonomidou und Petra Bittigau
von der Humboldt-Universität Berlin im US-Fachjournal
"Science" (Bd.287, S.1056) vom Freitag. Am
verletzlichsten ist das Gehirn im letzten Drittel einer
Schwangerschaft bei seinem "Wachstumsspurt".
Der Alkohol greife die Hirnzellen an zwei Andockstellen
(Rezeptoren) für Botenstoffe im Gehirn an, schreiben die
Forscher. "Die Zellen sterben ab, weil die Rezeptoren gestört
werden", erläuterte Ikonomidou. "Das geschieht gerade
in einer Phase, in der normalerweise viele Verbindungen zwischen
den Nervenzellen geschaffen werden."
Ikonomidou, Bittigau und Kollegen in Japan und den USA verfolgten
die Wirkung von Alkohol im Hirn junger Ratten, während seines
Wachstumsspurts. Sie wiesen nach, dass Alkohol zwischen fünf und
30 Prozent der Nervenzellen in den injizierten Hirnregionen zerstörte.
Zur Überraschung der Forscher war das Ausmaß des Zellsterbens
nicht abhängig von der Menge des Alkohols, sondern stieg mit der
Dauer des hohen Alkoholpegels im Blut.
Das Gehirn eines Kindes könne natürlich auch in früheren
Schwangerschaftsphasen durch Alkohol geschädigt werden, sagte
Ikonomidou mit Blick auf Arbeiten anderer Teams: Die beiden
Rezeptoren seien auch wichtig dafür, dass sich die Nervenzellen
richtig anordnen. Es sei zu vermuten, dass die Rezeptoren auch bei
früh entstehenden Hirnschäden eine Rolle spielten.
Alkohol blockiert die so genannten NMDA-Glutamat-Rezeptoren (NMDA:
N-Methyl-D-Aspartat) und aktiviert sehr stark die GABA-Rezeptoren.
Das Zusammenspiel dieser beiden Mechanismen löst eine verstärkte
Selbstmord-Reaktion (Apoptose) der Zellen aus. Die Zellen zerstören
sich nach Vermutungen Ikonomidous wahrscheinlich, weil die
Kalzium- Konzentration nach dem Angriff auf die Rezeptoren sinkt.
Die Folgen von starkem Alkoholkonsum der Mutter sind unter anderem
eine reduzierte Hirnmasse und damit verbunden geistige
Behinderung.
Vergleichbaren Einfluss haben auch eine Reihe anderer Stoffe auf
das Hirn von Ungeborenen, warnt das Forscherteam. Auch
verschiedene Beruhigungs- und Schlafmittel, Medikamente gegen Krämpfe
sowie zur Anästhesie üben den Doppeleffekt auf NMDA- und
GABA-Rezeptoren im Hirn aus, fanden Ikonomidou und Kollegen bei
ihren Experimenten mit Ratten.
Pro Jahr kommen in Deutschland rund 2.500 Kinder zur Welt, die
deutlich vom Alkoholkonsum ihrer Mutter geschädigt sind.
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