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Mediziner
und Wissenschaftler schlagen Alarm: Deutschland wird krank
Karlsruhe
(01.02.2000) - Eltern joggen, Kinder hocken. Gerade noch eine
Stunde täglich bewegen sich im Schnitt die Grundschüler in
Deutschland. Während viele Väter und Mütter gesundheitsbewusst
auf der Fitness- und Wellness-Welle reiten, bleiben den Kleinen
bei neun Stunden Schlafen, neun Stunden Sitzen in der Schule, vor
dem Computer und dem Fernseher und fünf Stunden Stehen ganze 15
bis 30 Minuten für intensive Bewegung oder Sport. Der Karlsruher
Sportwissenschaftler Klaus Bös warnt daher vor einer
"gesellschaftlichen Zeitbombe": "Kinder, die zu
wenig Bewegung haben und die sich nicht ausreichend spielerisch
und sportlich betätigen können, werden später gesundheitliche
Probleme bekommen. Deutschland wird krank."
Untersuchungen bei zwölfjährigen Kindern zeigen, dass 40 Prozent
von ihnen Kreislaufprobleme haben, jedes dritte Kind
Haltungsfehler, jedes zweite Muskelschwächen und jedes fünfte Übergewicht.
Kein Wunder, dass immer mehr Grundschüler über Kopf- und Rückenschmerzen
klagen. "In diesem Alter gibt es eine enorme Zunahme von
Befindungsstörungen", sagt Professor Aloys Berg von der
Uniklinik Freiburg. Außerdem berichtet der Sportmediziner, dass
Schüler mehr krankheitsfördernde Merkmale aufweisen als noch vor
zehn Jahren: "Wir stellen vermehrt Entzündungsfaktoren
fest."
Bewegungsmangel, Fast Food und Soft Drinks haben zur Folge, dass
sich in den vergangenen 20 Jahren die Zahl der Schüler mit
mindestens 30 Prozent Übergewicht um die Hälfte erhöht hat.
"Heute diagnostizieren wir Risikofaktoren, wie sie sich früher
erst bei 55-jährigen zeigten, schon bei 40-jährigen", sagt
Berg.
Kinder werden immer ungelenker. Sie verlieren die Beherrschung
ihres Körpers und die Fähigkeit, ihre Bewegungen zu
koordinieren. "Vielen Kindern fehlen die natürlichen Lebensräume,
um ihren Bewegungsdrang ausleben und auch ihre Aggressionen
abbauen zu können", konstatiert Bös. "Ich kann ja
virtuell viel besser den Zehnkampf machen als in
Wirklichkeit", meint der Wissenschaftler. Motorische
Kompetenz aber brauche jeder Mensch für seine Entwicklung und
sein Wohlbefinden, auch wenn er gar keinen Sport treiben möchte.
Denn bereits 33 Prozent der Berufsschüler und zwölf Prozent der
Gymnasiasten klagten bei einer Befragung in Karlsruhe über ständige
Rückenbeschwerden im Alltag.
Die Schule als einzige Institution, die alle Kinder erfasst, kann
keine Hilfestellung leisten: Längst ist der Sportunterricht im
Lande zum Sitzenbleiber der Nation geworden. Schulsport wird gekürzt
- auch in Baden-Württemberg ist die dritte Stunde weggefallen -
und oft im Gegensatz zu anderen Fächern nicht vertreten. Mehr
noch: Ärzte sind bei Attesten zur Befreiung vom Sportunterricht
freigebiger als für Hauptfächer. Hinzu kommt, dass fast die Hälfte
der Sportlehrer um die 50 Jahre alt und damit der schweren Aufgabe
des Unterrichts in den Hallen kaum noch gewachsen ist.
Untersuchungen an Gymnasien haben ergeben, dass nur vier Prozent
der Mädchen und 32 Prozent der Jungen im Schulsport schwitzen
oder schnaufen. "Der Anreiz zu mehr Bewegung muss schon im
Kindergarten gesetzt werden", fordert Bös. Doch die
Wirklichkeit dort schildert Christine Krawietz,
Kindergartenleiterin aus Weil der Stadt: "Viele Kinder
steigen vom Kindergarten ins Auto um und bewegen sich dann nur
noch angeschnallt auf dem Rücksitz fort".
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