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Psychotherapeuten
erfahren mehr Akzeptanz: Hemmschwelle für Psychotherapie wird
geringer
München/Stuttgart
(31.01.2000) - Psychisch Kranke verbergen ihr Leiden nach Meinung
von Experten immer weniger. "Die Hemmschwelle, an einer
Psychotherapie teilzunehmen, nimmt deutlich ab", sagten die
Leiter der 50. Lindauer Psychotherapiewochen, Manfred Cierpka und
Peter Buchheim, in einem dpa-Gespräch in München. Erkrankte
seien zunehmend bereit, auch über ihre menschlichen Schwächen
und emotionalen Probleme zu sprechen. Die Lindauer
Psychotherapiewochen werden vom 8. bis 20. April veranstaltet.
Auch Arbeitgeber reagierten zunehmend verständnisvoller auf die
Schwierigkeiten ihrer Angestellten: "Psychische Erkrankungen
sind zwar noch immer ein soziales Problem, haben aber nicht mehr
so schnell die Kündigung zur Folge", sagte der Heidelberger
Medizinprofessor Cierpka.
Gleichzeitig hat sich das Verhältnis zwischen Therapeut und
Patient nach Ansicht Cierpkas deutlich gewandelt. "Die gute
therapeutische Beziehung zwischen beiden gehört wesentlich zum
Behandlungserfolg". Der Patient müsse in dieser Beziehung
etwas erfahren, was er so noch nicht erfahren oder gewusst habe.
Sympathie allein reiche für einen erfolgreichen Therapieverlauf
nicht mehr aus. Durch einen Psychotherapeutenmangel sei dieser
Umstand jedoch lange vernachlässigt worden. Auffällig sei, dass
immer mehr ältere Menschen psychotherapeutische Maßnahmen in
Anspruch nehmen.
Für schwer gestörte Kranke ermöglichen neue Therapieformen den
Angaben zufolge verstärkt Heilungserfolg. "Mit Hilfe
spezieller Techniken können auch Menschen, die an einem durch
einen Unfall oder Kindheitserlebnisse ausgelösten Trauma leiden,
besser behandelt werden", sagte der Münchner
Medizinprofessor Peter Buchheim. Vor allem für so genannte
"Borderline-Patienten" mit komplizierten
psychosomatischen Beschwerdemustern oder Selbstmordgefährdung sei
die Behandlung dank individuell zugeschnittener Verfahren deutlich
besser geworden.
Bei der Wahl der psychotherapeutischen Behandlungsverfahren sei
gleichwohl Sorgfalt angezeigt, warnt der Stuttgarter
Psychotherapeut Dietmar G. Luchmann. Das Psychotherapeutengesetz
(PsyhThG), das zum 01.01.1999 in Kraft getreten sei, habe zwar den
Wildwuchs im Markt etwas gelichtet: Nunmehr dürfe sich
Psychotherapeut nur nennen, wer eine staatliche Approbation
erhalten habe. Nicht alle Psychotherapieverfahren, so betont
Luchmann, seien jedoch gleichermaßen geeignet und wirksam. Von
den Krankenkassen würden derzeit drei Therapieformen anerkannt.
Das seien die Verhaltenstherapie, die Psychoanalyse und
tiefenpsychologisch orientierte Psychotherapie. Die beiden letzten
Verfahren seien zwar sowohl unter Therapeuten wie auch Patienten
noch populär, würden wegen mangelnder Wirksamkeit aber zunehmend
kritisiert. Luchmann verweist auf Patienten, die nicht selten erst
nach erfolglosen psychoanalytischen Behandlungen in seine
Stuttgarter Angstambulanz kommen.
Psychotherapeut Luchmann führt das Beispiel eines Patienten an,
der nach 15 Sitzungen kognitiver Verhaltenstherapie an seiner
Angstambulanz folgende Abschlussbewertung vornehmen konnte:
"Als ich meine Therapie begann war ich völlig am Ende. Die
einzige Lösung für das Ende meiner permanenten Angst, zu dieser
Zeit gab es fast keinen Moment mehr ohne sie, schien der
Selbstmord. Als letzten Versuch, der aber eigentlich nur noch klären
sollte, wieso es soweit kommen konnte, suchte ich einen
Hypnotherapeuten auf. Nie hätte ich gedacht, daß ich dort
erfahren würde, daß meine Angst eine behandelbare Phobie ist.
Schließlich hatte man mir in 40 Stunden Psychoanalyse
beigebracht, daß ich in der Vergangenheit mehr schlechte als gute
Erfahrungen und mehr Probleme als Lösungen erlebt hatte. Somit
hielt ich mich als Totalversager, der, wenn überhaupt noch möglich,
als Wrack durch das Leben gehen sollte. Und das wollte ich nicht.
Also begann ich die Therapie auch sehr skeptisch. Als Klärung vor
dem Ende ... Nach ca. 5 Monaten und 15 Therapiestunden, die
allesamt auch noch Spaß gemacht haben, habe ich es geschafft,
eine neue Sicht der Dinge zu gewinnen. Dadurch kann ich, besser
als die 22 Jahre vor Beginn der Erkrankung, leichter mit Ängsten
und Problemen umgehen. Daß ich vier Jahre meines Lebens unter
permanenter Angst gelitten habe, und ich dabei viel verloren habe,
ist ... ein hoher Preis ..."
Eine so kurze Therapiedauer sei heute in vielen Fällen
regelhaft erreichbar, unterstreicht Luchmann. Leider fänden
Hilfesuchende einen geeigneten Behandler in der Regel trotzdem
erst viele Jahre nach Beginn ihrer Erkrankung. "Diese
Situation ist unverantwortlich teuer - und zwar sowohl in Bezug
auf die Kosten an Lebensqualität für die Betroffenen als auch in
Bezug auf die Kosten für die Krankenkassen."
Der Stuttgarter Psychotherapeut kämpft seit Jahren für eine
effizientere Qualitätssteuerung und -sicherung in der
Psychotherapie ( Dokumentation: Zur Wirksamkeit
von Psychotherapie). Eine Studie der Fachhochschule Köln
beziffert den Schaden, den allein die deutsche Wirtschaft durch
die (behandelbare) Angst ihrer Mitarbeiter erleidet, auf über 100
Milliarden Mark pro Jahr.
Zu der Lindauer Psychotherapietagung werden rund 3.500 Teilnehmer
erwartet. Die Psychotherapiewochen finden jährlich statt und
gelten als eine der zentralen psychoanalytischen Veranstaltungen
auf diesem Gebiet in der Bundesrepublik.
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