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Ärzte für sofortigen Atomausstieg: "Auf Störfall kaum vorbereitet"

Kiel/Berlin (24.01.2000) - Wegen drohender Gesundheitsschäden haben die Internationalen Ärzte für die Vermeidung des Atomkrieges (IPPNW) den sofortigen Atomausstieg in Deutschland gefordert. Der Sprecher der Organisation in der Bundesrepublik, Lars Pohlmeier, kritisierte am Samstag bei einem Kongress in Kiel, die derzeitige Debatte über einen Atomausstieg nach 30 Volllastjahren der Reaktoren sei auf rein wirtschaftliche Fragen beschränkt. Wissenschaftler berichteten von erhöhten Krebserkrankungen bei Kindern und schlechten Vorbereitungen auf einen Störfall.

Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) sagte, ein Ausstieg sei nur über die Befristung der Betriebsgenehmigungen möglich. Sonst wäre für lange Zeit der Weg des Ausstieges in Deutschland kaputt. Im "Focus" betonte er, dass die Regierung mit ihrem Beschluss, die Laufzeit auf 30 Jahre zu begrenzen, kein rechtliches Risiko eingehe. "30 Jahre gehen auch ohne Konsens." Beim Gespräch mit Kanzler Gerhard Schröder (SPD) am 4. Februar müssten die Betreiber "Farbe bekennen".

Grünen-Fraktionschef Rezzo Schlauch sagte am Samstag bei einem Landesparteitag in Mannheim: Der Atomwirtschaft müsse klar sein, dass sie aus der Kernenergie "zwangsweise aussteigt", wenn sie nicht in die Konsensgespräche einsteige. Die Südwest-Grünen unterstützen den Kurs ihrer Bundestagsfraktion und verabschiedeten einen entsprechenden Antrag mit deutlicher Mehrheit.

Alfred Körblein vom Umweltinstitut München verwies auf erhöhte Krebsraten bei Kindern unter 15 Jahren in der Nähe von Meilern, die sich aus einer Studie des Mainzer Instituts für Medizinische Statistik und Dokumentation von 1997 ergäben. Diese umfasse eine Zeit von 16 Jahren und stelle bei 15 Atomkraftwerken eine signifikante Erhöhung um 22 Prozent fest. Bei Kindern unter fünf Jahren betrage die Erhöhung der Krebsraten 53, der Leukämien 76 Prozent.

"Einen ausreichenden wirksamen Katastrophenschutz für den Fall eines schweren AKW-Unfalls kann es nicht geben", sagte der Mediziner Rainer Stephan aus Itzehoe. In Krümmel, Brokdorf, Stade oder Brunsbüttel sei man keineswegs gut auf einen Störfall vorbereitet. Notfallstationen zur Abschätzung der Strahlenbelastung seien noch nie real erprobt worden. Es gebe auch keine Evakuierungsübungen.

In einem dicht besiedelten Gebiet wie Deutschland wären bei einem Störfall drei bis sechs Millionen Menschen betroffen, sagte der Strahlenbiologe Edmund Lengfelder. Die festgelegte Evakuierungsgrenze von zehn Kilometern sei "lächerlich", da in Tschernobyl Ortschaften in 400 Kilometern Entfernung evakuiert werden mussten.

Die Betriebsräte der vier Atomstromkonzerne RWE, Bayernwerk, PreussenElektra und HEW warfen der Bundesregierung vor, massenhaft Arbeitsplätze zu gefährden. Bei einem Ausstieg seien bis zu 150.000 Stellen gefährdet, schrieben die Betriebsratschefs nach einem Bericht der "Berliner Zeitung" (Samstag) in einem gemeinsamen Appell. Sie appellierten an die Stromkonzernchefs, sich nicht auf 30 Jahre einzulassen. Vielmehr seien bis zu 40 Volllastjahren nötig, weil nur so Ersatzkapazitäten in Deutschland aufgebaut werden könnten.

Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Claus Möller (SPD) betonte, er hätte sich Laufzeiten von 25 Jahren gewünscht. "Dann wäre das Atomkraftwerk Brunsbüttel im nächsten Jahr dran gewesen."

Die Organisation der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (Organisation International Physicians for the Prevention of Nuclear War - IPPNW) wurde 1980 in Genf von den Medizinern Bernard Lown (USA) und Jewgeni Tschasow (damalige Sowjetunion) gegründet, um mitten im Kalten Krieg einen Atomkrieg zu verhindern. Die weltweite Vereinigung umfasst inzwischen ein Netzwerk aus Ärzten und engagierten Bürgern in 60 Ländern.

Die deutsche Sektion der IPPNW, die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, wurde 1982 gegründet. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands erweiterte sie ihren Namen um den Zusatz "Ärzte in sozialer Verantwortung". Die deutsche IPPNW hat rund 9.000 Mitglieder und 90 Regionalgruppen.

Die Abschaffung der Nuklearwaffen hat höchste Priorität für die in der IPPNW engagierten Ärzte. Zur Förderung des Gesundheitsschutzes setzt sie sich aber auch gegen Landminen, chemische und biologische Waffen sowie gegen die wachsende Verschuldung der Welt ein.

Die weltweite Organisation erhielt 1984 den UNESCO-Friedenspreis und 1985 den Friedensnobelpreis für ihre Aufklärungsarbeit über die Auswirkungen eines Atomkrieges. Nach Meinung des Nobel-Komitees hat die Arbeit der Ärzteföderation durch "sachkundige Information das Bewusstsein über die katastrophalen Folgen eines Kernwaffenkrieges" geschärft. Seit 1993 arbeitet die IPPNW für die Verhinderung aller Kriege.

Die IPPNW versteht sich als politisch neutral. Ihre Mitarbeiter erforschen Fakten und Hintergründe über die gesundheitlichen, sozialen und politischen Auswirkungen von Atomwaffen und Atomenergie. In zahlreichen Veröffentlichungen weist die IPPNW auf die Gefahren der "atomaren Bedrohungen" hin. Auf Abrüstungskonferenzen und in den Medien bringt die Ärzteföderation ihr medizinisches Wissen ein.


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© 1995-2000 Dietmar G. Luchmann, Diplom-Psychologe und Psychotherapeut. Alle Rechte vorbehalten. 
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