© PSYCHOTHERAPIE 01.09.2000
Sprechstunde mit Doktor Abaris®
Psychotherapeutische Wirklichkeit jenseits von Qualität
Medikamentös angefüttert und abhängig
Statt Psychotherapie seit fast zwei Jahren nur Tabletten: Das
kann nicht alles sein!
Frage: "Ich bin seit fast zwei Jahren bei
einer Psychotherapeutin wegen meiner Eheprobleme. Sie hat mir
Tabletten verschrieben (Imipramin neuraxpharm®) und siehe da,
mir geht es viel besser, ich kann mit meinen Problemen viel
besser und lockerer umgehen. Es gibt aber dann auch wieder
Zeiten, da geht es nicht so gut, und dann erhöht sie meine Dosis
wieder. Aber ich weiß nicht, ob das richtig ist, denn ich möchte
durch Gespräche endlich lernen, mit meinen Problemen fertig zu
werden, ohne dass ich Tabletten einnehmen muss. Außerdem weiß
ich ganz bestimmt, dass diese Tabletten meine Gedanken
beeinflussen, denn würde ich sie nicht nehmen, dann würde ich
bestimmt wieder in meine andere Gefühlswelt zurückfallen. In
meiner Therapie wird mir zwar zugehört und mitgeschrieben (das
alles dauert ca.15 min.), aber ich weiß nicht, ob das überall so
abläuft? Außerdem muss ich noch dazu schreiben, dass ich, wenn
ich mal die Tablette vergessen sollte einzunehmen (was selten
vorkommt), dann sofort krank werde. Das wirkt sich bei mir aus
als ob ich eine schwere Grippe bekommen würde. Sobald ich dann
eine Tablette einnehme, wird es wieder besser. Mein Hausarzt hat
mir schon früher immer gesagt, dass das bei mir die Nerven sind
und es dann bei mir auf mein Immunsystem schlägt. Also: Wer kann
mir mitteilen, ob meine Therapeutin die richtige ist?? Nicole."
| |
| Wichtige rechtliche
Hinweise |
|
|
|
|
|
Antwort von
Carmen Heerdegen
Fachärztin für Neurologie
Psychotherapie
Naturheilverfahren, Stuttgart:
Liebe Nicole: Sie schildern eine Situation, die in dieser Form
bedauerlicherweise häufig auftritt und für die berechtigte
Kritik an der psychotherapeutischen Versorgung in Deutschland
mit verantwortlich ist. Ihre präzise Darstellung erleichtert die
Beurteilung der typischen Probleme, die Ihnen widerfahren sind.
"Eheprobleme" haben Sie zu einer
Psychotherapeutin geführt (da sie Ihnen Tabletten verschreibt,
nehme ich an, es handelt sich um eine ärztliche
Psychotherapeutin). Sie sind bei Ihrer Entscheidung, zu einer
Psychotherapeutin zu gehen, von der richtigen Zielstellung
ausgegangen, "durch Gespräche endlich lernen"
zu können, mit Ihren "Problemen fertig zu
werden". Leider hat sich Ihre Erwartung insoweit als
Irrtum herausgestellt, weil die ärztliche Psychotherapeutin, die
Sie gewählt haben, Sie nur mit Tabletten "füttert".
Aus dem Medikament, bei dem es sich um ein Antidepressivum
handelt, folgere ich, dass zu Ihren Problemen nach Einschätzung
Ihrer Psychotherapeutin auch depressive Anteile gehören. In
diesem Falle ist zwar ein geeignetes Antidepressivum durchaus
hilfreich, besser und wirksamer jedoch wäre eine Kombination von
Psychotherapie (kognitiver Verhaltenstherapie) und einem
Antidepressivum. In vielen Untersuchungen zur
Depressionsbehandlung ist immer wieder bestätigt worden: Die
Kombination von kognitiver Psychotherapie mit einem
Antidepressivum ist wirksamer als die alleinige medikamentöse
Behandlung. Bei dem Ziel einer dauerhaften Veränderung
depressiver Denk- und Verhaltensmuster ist die kognitive
Psychotherapie sogar der medikamentösen Behandlung klar
überlegen.
Genau dieses Erkenntnis bestätigen Sie mit Ihrer Schilderung,
beim Weglassen des Antidepressivums auch Ihre Beschwerden wieder
zu verspüren. Das ist nicht verwunderlich, denn die Tabletten
heben nur in sehr allgemeiner Weise Ihre Stimmung. Sie schildern
dies in Ihrer Empfindung, mit Tabletten, "lockerer"
sein zu können. Aber da Sie bei Ihrer Psychotherapeutin nicht
lernen, wie Sie Ihr Denken und Handeln verändern können,
vermögen Sie nicht, Ihre Probleme auf eine bessere Weise
anzupacken. Sie bleiben also möglicherweise mit den Tabletten in
Ihren Problemen gefangen, verschleppen die grundlegende
Beseitigung Ihrer Schwierigkeiten und werden in gewisser Weise
von dem stimmungsaufhellenden Antidepressivum sogar psychisch
abhängig, indem Sie inzwischen glauben, ohne Tabletten "sofort krank" zu werden.
Allerdings haben Sie hier möglicherweise selbst einen Anteil an
der Situation. Denn um sich in dieser Weise von der Einnahme
eines Medikaments abhängig zu machen, bedarf es neben eines
Arztes, der es verschreibt, immer auch eines Patienten, der
bereit ist, sich von Psychopharmaka abhängig machen zu lassen.
Haben Sie Ihre Psychotherapeutin in den "fast
zwei Jahren" nicht nachhaltig mit der Forderung
konfrontiert, "durch Gespräche endlich lernen"
zu können, Ihre Probleme zu lösen? Warum haben Sie sich so
unverhältnismäßig lange damit zufrieden gegeben, dass Sie "zwar zugehört und mitgeschrieben" hat, Ihnen
aber keine konkrete Hilfestellung zur Selbsthilfe in die Hand
gab?
Wenn Sie sich diese Frage ehrlich beantworten, sind Sie
vielleicht schon bei einem wichtigen Punkt Ihrer Probleme. Viele
Ehe- und Familienprobleme entspringen aus der Abhängigkeit,
in die sich einer der Ehepartner begibt oder befindet. Und nicht
selten wird diese Abhängigkeit in anderer Form auch in die
psychotherapeutische Beziehung hineingetragen und mitunter sogar
instrumentalisiert, wenn die Psychotherapeutin oder der
Psychotherapeut dies nicht erkennen können oder wollen.
Zudem sind in Zeiten sinkender Praxisumsätze abhängige Patienten
durchaus sehr gern gesehene "Stabilisatoren" für die
Praxiseinkünfte. Es ist ein schwerer Denkfehler anzunehmen,
Psychotherapeuten träfen bei der Wahl zwischen der Förderung der
Autonomie ihrer Patienten und der Förderung ihres eigenen
Geldbeutels stets die gesellschaftlich wünschenswerte
Entscheidung.
Ihre Bemerkung, Sie führten stets nur Gespräche von 15 Minuten,
wirft im übrigen die Frage auf, ob es sich in Ihrem Fall
wirklich um eine Psychotherapie handelt. Eine
psychotherapeutische Sitzung dauert bei Kassen- und
Privatpatienten in der Regel 50 Minuten. In einigen Fällen kann
eine psychotherapeutische Sitzung auch in zwei Kontakte von 25
Minuten Dauer aufgeteilt werden. Ihre Schilderung spricht jedoch
eher für einen psychiatrischen Arztkontakt, für den laut
Gebührenordnung 15 Minuten vorgeschrieben sind. Dies mag für die
Psychotherapeutin profitabel sein, entsprach - so entnehme ich
Ihrer Schilderung - jedoch nicht Ihrem Behandlungsauftrag.
Da Sie jedoch von Psychotherapie sprechen, wäre zu prüfen, ob
die Psychotherapeutin für die 15 Minuten-Konsultation unter
Umständen Leistungen abrechnet, für die eine längere
Behandlungsdauer (z.B. 50 Minuten bei Psychotherapie)
vorgeschrieben ist. Es gibt, wie aus den Medien vielleicht auch
Ihnen bekannt ist, immer wieder Ärztinnen und Ärzte, die durch
Leistungsabrechnungen auffallen, denen zufolge sie täglich über
24 Stunden tätig gewesen sein müssten.
Die Frage, ob Ihre Psychotherapeutin "die
richtige ist", können Sie sicher selbst beantworten, wenn
Sie beurteilen, ob sie Ihnen geholfen hat, Ihre Ziele zu
erreichen. Spätestens nach zehn Sitzungen sollte deutlich
geworden sein, ob eine Behandlung hilft oder nicht. Nach "fast zwei" Jahren verfügen Sie über eine
ausreichende Erfahrungsgrundlage für die Antwort.
|