PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753)
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Denken lernen statt denken lassen - Kognitive Verhaltenstherapie hilft am besten Denken lernen statt denken lassen - Kognitive Verhaltenstherapie hilft am besten
Denken lernen statt denken lassen - Kognitive Verhaltenstherapie hilft am besten
PSYCHOTHERAPIE
© PSYCHOTHERAPIE 01.09.2000

Sprechstunde mit Doktor Abaris®
Psychotherapeutische Wirklichkeit jenseits von Qualität

Medikamentös angefüttert und abhängig
Statt Psychotherapie seit fast zwei Jahren nur Tabletten: Das kann nicht alles sein!

Frage: "Ich bin seit fast zwei Jahren bei einer Psychotherapeutin wegen meiner Eheprobleme. Sie hat mir Tabletten verschrieben (Imipramin neuraxpharm®) und siehe da, mir geht es viel besser, ich kann mit meinen Problemen viel besser und lockerer umgehen. Es gibt aber dann auch wieder Zeiten, da geht es nicht so gut, und dann erhöht sie meine Dosis wieder. Aber ich weiß nicht, ob das richtig ist, denn ich möchte durch Gespräche endlich lernen, mit meinen Problemen fertig zu werden, ohne dass ich Tabletten einnehmen muss. Außerdem weiß ich ganz bestimmt, dass diese Tabletten meine Gedanken beeinflussen, denn würde ich sie nicht nehmen, dann würde ich bestimmt wieder in meine andere Gefühlswelt zurückfallen. In meiner Therapie wird mir zwar zugehört und mitgeschrieben (das alles dauert ca.15 min.), aber ich weiß nicht, ob das überall so abläuft? Außerdem muss ich noch dazu schreiben, dass ich, wenn ich mal die Tablette vergessen sollte einzunehmen (was selten vorkommt), dann sofort krank werde. Das wirkt sich bei mir aus als ob ich eine schwere Grippe bekommen würde. Sobald ich dann eine Tablette einnehme, wird es wieder besser. Mein Hausarzt hat mir schon früher immer gesagt, dass das bei mir die Nerven sind und es dann bei mir auf mein Immunsystem schlägt. Also: Wer kann mir mitteilen, ob meine Therapeutin die richtige ist?? Nicole."

   
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Antwort von
Carmen Heerdegen
Fachärztin für Neurologie
Psychotherapie
Naturheilverfahren, Stuttgart:


Liebe Nicole: Sie schildern eine Situation, die in dieser Form bedauerlicherweise häufig auftritt und für die berechtigte Kritik an der psychotherapeutischen Versorgung in Deutschland mit verantwortlich ist. Ihre präzise Darstellung erleichtert die Beurteilung der typischen Probleme, die Ihnen widerfahren sind.

"Eheprobleme" haben Sie zu einer Psychotherapeutin geführt (da sie Ihnen Tabletten verschreibt, nehme ich an, es handelt sich um eine ärztliche Psychotherapeutin). Sie sind bei Ihrer Entscheidung, zu einer Psychotherapeutin zu gehen, von der richtigen Zielstellung ausgegangen, "durch Gespräche endlich lernen" zu können, mit Ihren "Problemen fertig zu werden". Leider hat sich Ihre Erwartung insoweit als Irrtum herausgestellt, weil die ärztliche Psychotherapeutin, die Sie gewählt haben, Sie nur mit Tabletten "füttert".

Aus dem Medikament, bei dem es sich um ein Antidepressivum handelt, folgere ich, dass zu Ihren Problemen nach Einschätzung Ihrer Psychotherapeutin auch depressive Anteile gehören. In diesem Falle ist zwar ein geeignetes Antidepressivum durchaus hilfreich, besser und wirksamer jedoch wäre eine Kombination von Psychotherapie (kognitiver Verhaltenstherapie) und einem Antidepressivum. In vielen Untersuchungen zur Depressionsbehandlung ist immer wieder bestätigt worden: Die Kombination von kognitiver Psychotherapie mit einem Antidepressivum ist wirksamer als die alleinige medikamentöse Behandlung. Bei dem Ziel einer dauerhaften Veränderung depressiver Denk- und Verhaltensmuster ist die kognitive Psychotherapie sogar der medikamentösen Behandlung klar überlegen.

Genau dieses Erkenntnis bestätigen Sie mit Ihrer Schilderung, beim Weglassen des Antidepressivums auch Ihre Beschwerden wieder zu verspüren. Das ist nicht verwunderlich, denn die Tabletten heben nur in sehr allgemeiner Weise Ihre Stimmung. Sie schildern dies in Ihrer Empfindung, mit Tabletten, "lockerer" sein zu können. Aber da Sie bei Ihrer Psychotherapeutin nicht lernen, wie Sie Ihr Denken und Handeln verändern können, vermögen Sie nicht, Ihre Probleme auf eine bessere Weise anzupacken. Sie bleiben also möglicherweise mit den Tabletten in Ihren Problemen gefangen, verschleppen die grundlegende Beseitigung Ihrer Schwierigkeiten und werden in gewisser Weise von dem stimmungsaufhellenden Antidepressivum sogar psychisch abhängig, indem Sie inzwischen glauben, ohne Tabletten "sofort krank" zu werden.

Allerdings haben Sie hier möglicherweise selbst einen Anteil an der Situation. Denn um sich in dieser Weise von der Einnahme eines Medikaments abhängig zu machen, bedarf es neben eines Arztes, der es verschreibt, immer auch eines Patienten, der bereit ist, sich von Psychopharmaka abhängig machen zu lassen. Haben Sie Ihre Psychotherapeutin in den "fast zwei Jahren" nicht nachhaltig mit der Forderung konfrontiert, "durch Gespräche endlich lernen" zu können, Ihre Probleme zu lösen? Warum haben Sie sich so unverhältnismäßig lange damit zufrieden gegeben, dass Sie "zwar zugehört und mitgeschrieben" hat, Ihnen aber keine konkrete Hilfestellung zur Selbsthilfe in die Hand gab?

Wenn Sie sich diese Frage ehrlich beantworten, sind Sie vielleicht schon bei einem wichtigen Punkt Ihrer Probleme. Viele Ehe- und Familienprobleme entspringen aus der Abhängigkeit, in die sich einer der Ehepartner begibt oder befindet. Und nicht selten wird diese Abhängigkeit in anderer Form auch in die psychotherapeutische Beziehung hineingetragen und mitunter sogar instrumentalisiert, wenn die Psychotherapeutin oder der Psychotherapeut dies nicht erkennen können oder wollen.

Zudem sind in Zeiten sinkender Praxisumsätze abhängige Patienten durchaus sehr gern gesehene "Stabilisatoren" für die Praxiseinkünfte. Es ist ein schwerer Denkfehler anzunehmen, Psychotherapeuten träfen bei der Wahl zwischen der Förderung der Autonomie ihrer Patienten und der Förderung ihres eigenen Geldbeutels stets die gesellschaftlich wünschenswerte Entscheidung.

Ihre Bemerkung, Sie führten stets nur Gespräche von 15 Minuten, wirft im übrigen die Frage auf, ob es sich in Ihrem Fall wirklich um eine Psychotherapie handelt. Eine psychotherapeutische Sitzung dauert bei Kassen- und Privatpatienten in der Regel 50 Minuten. In einigen Fällen kann eine psychotherapeutische Sitzung auch in zwei Kontakte von 25 Minuten Dauer aufgeteilt werden. Ihre Schilderung spricht jedoch eher für einen psychiatrischen Arztkontakt, für den laut Gebührenordnung 15 Minuten vorgeschrieben sind. Dies mag für die Psychotherapeutin profitabel sein, entsprach - so entnehme ich Ihrer Schilderung - jedoch nicht Ihrem Behandlungsauftrag.

Da Sie jedoch von Psychotherapie sprechen, wäre zu prüfen, ob die Psychotherapeutin für die 15 Minuten-Konsultation unter Umständen Leistungen abrechnet, für die eine längere Behandlungsdauer (z.B. 50 Minuten bei Psychotherapie) vorgeschrieben ist. Es gibt, wie aus den Medien vielleicht auch Ihnen bekannt ist, immer wieder Ärztinnen und Ärzte, die durch Leistungsabrechnungen auffallen, denen zufolge sie täglich über 24 Stunden tätig gewesen sein müssten.

Die Frage, ob Ihre Psychotherapeutin "die richtige ist", können Sie sicher selbst beantworten, wenn Sie beurteilen, ob sie Ihnen geholfen hat, Ihre Ziele zu erreichen. Spätestens nach zehn Sitzungen sollte deutlich geworden sein, ob eine Behandlung hilft oder nicht. Nach "fast zwei" Jahren verfügen Sie über eine ausreichende Erfahrungsgrundlage für die Antwort.

Ihre Erfahrungen sind wichtig. Schreiben Sie einen Leserbrief. Hier.

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