|
|
 |
|
|
Individuelles Coaching |
|
|
|
|
|
|
|
|
© PSYCHOTHERAPIE 21.10.2000
Sprechstunde mit Doktor Abaris®
Sexueller Missbrauch in der Psychotherapie (Teil 2)
Orgasmus aus Angst und Leiden
Wie Psychotherapeuten regelhaft ihre Patientinnen sexuell
missbrauchen
Der Dialog mit einer Teilnehmerin des
PSYCHOTHERAPIE-Chats am 20.10.2000, die unter dem Namen Simone
fragte, ob ihre Verliebtheit in ihren Psychoanalytiker nur eine
Illusion ist (siehe
Teil 1), wurde durch einige
Zitate aus der Fachliteratur ergänzt von
| |
| Wichtige rechtliche
Hinweise |
|
|
|
|
|
Dietmar G. Luchmann
Diplom-Psychologe, Psychotherapeut & Leiter
des ABARIS® Institutes für Psychotherapie, Stuttgart:
Liebe Simone, ergänzend zu unserem Dialog
im Chat ein paar Zitate und Anmerkungen. Eine Psychotherapie ist
eine Sondersituation, in der allein durch das gesetzliche Gebot
der Schweigepflicht, das unverzichtbare Vertrauen und die
Bedürftigkeit der Hilfesuchenden eine Offenheit entsteht, die zu
Themen führen kann, die manche Patienten nicht einmal mit ihren
Partnern besprechen. Dieser Kontrast zum Leben außerhalb des
therapeutischen Settings kann Ihre Wahrnehmung und Bewertung des
Psychotherapeuten ebenso wie Ihre Sicht auf die Realität
erheblich verfälschen.
Nimmt man vielen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten den
Nimbus des therapeutischen Settings, so sind sie selbst oft
ängstlich, depressiv, aggressionsgehemmt, hilflos, von
psychosomatischen Erkrankungen geplagt und teilweise unfähig,
ihr eigenes Leben zu bewältigen. Viele Patienten erheben ihre
Psychotherapeuten auf den Sockel eines kundigen und selbstlosen
Heilers. Das ist definitiv ein Irrtum! Ein guter Psychotherapeut
ist ein menschlich gefestigter professioneller Dienstleister für
psychische Gesundheit. Schlechte Psychotherapeuten leben ihre
eigenen Defizite an ihren oft hilflosen Patienten aus - und
begehen, so weist die Statistik für Psychiater aus, schließlich
acht Mal häufiger Selbstmord als Durchschnittsbürger.
In einem soeben erschienenen Lehrbuch zur Psychotherapie wird
auf die ungeschminkte Äußerung eines selbst mit sexuellem
Missbrauch befassten Psychoanalytikers hingewiesen, "dass er eine Reihe von gut ausgebildeten Kollegen
kenne, die ihre Freundinnen regelhaft aus ihrer
Patientenklientel rekrutierten" (Reimer u.a.,
Psychotherapie. Springer-Verlag, 2000, S. 656). Lesen Sie hierzu
auch unseren PSYCHOTHERAPIE Report "Zudringliche
Psychotherapeuten - Sexueller Missbrauch in der Psychotherapie"
vom 14.08.2000.
Insbesondere den Psychoanalytikern wird heute von der
psychotherapeutischen Wirkungsforschung mit Recht vorgehalten,
ihren Patienten mit wirkungslosen Methoden das Geld aus der
Tasche zu ziehen und ihr Leiden unnötig zu verlängern oder zu
vergrößern. Bereits im Jahre 1937 stellte der Vater der
Psychoanalyse, Sigmund Freud, zwei Jahre vor seinem Tod in einem
Beitrag unter dem Titel "Die endliche und die unendliche
Analyse" in der Internationalen Zeitschrift für
Psychoanalyse (1937, Bd. 23, S. 209-240) deprimiert fest:
"Es ist unbestreitbar, daß die Analytiker in
ihrer eigenen Persönlichkeit nicht durchweg das Maß von
psychischer Normalität erreicht haben, zu dem sie ihre Patienten
erziehen wollen. Gegner der Analyse pflegen auf diese Tatsache
höhnend hinzuweisen und sie als Argument für die Nutzlosigkeit
der analytischen Bemühung zu verwerten. Man könnte diese Kritik
als ungerechtfertigte Anforderung zurückweisen. Analytiker sind
Personen, die eine bestimmte Kunst auszuüben gelernt haben und
daneben Menschen sein dürfen wie auch andere. Man behauptet doch
sonst nicht, daß jemand zum Arzt für interne Krankheiten nicht
taugt, wenn seine internen Organe nicht gesund sind; man kan im
Gegenteil gewisse Vorteile dabei finden, wenn ein selbst von
Tuberkulose Bedrohter sich in der Behandlung von Tuberkulösen
spezialisiert. Aber die Fälle liegen doch nicht gleich. Der
lungen- oder herzkranke Arzt wird, insoweit er überhaupt
leistungsfähig geblieben ist, durch sein Kranksein weder in der
Diagnostik noch in der Therapie interner Leiden behindert sein,
während der Analytiker infolge der besonderen Bedingungen der
analytischen Arbeit durch seine eigenen Defekte wirklich darin
gestört wird, die Verhältnisse des Patienten richtig zu erfassen
und in zweckdienlicher Weise auf sie zu reagieren. Es hat also
seinen guten Sinn, wenn man vom Analytiker als Teil seines
Befähigungsnachweises ein höheres Maß von seelischer Normalität
und Korrektheit fordert; dazu kommt noch, daß er auch eine
gewisse Überlegenheit benötigt, um auf den Patienten in gewissen
analytischen Situationen als Vorbild, in anderen als Lehrer zu
wirken. Und endlich ist nicht zu vergessen, daß die analytische
Beziehung auf Wahrheitsliebe, d.h. auf die Anerkennung der
Realität gegründet ist und jeden Schein und Trug ausschließt."
"Es hat doch beinahe den Anschein",
resümiert Sigmund Freud, "als wäre das
Analysieren der dritte jener 'unmöglichen' Berufe, in denen man
des ungenügenden Erfolgs von vornherein sicher sein kann. Die
beiden anderen, weit länger bekannten, sind das Erziehen und das
Regieren. Daß der zukünftige Analytiker ein vollkommener Mensch
sei, ehe er sich mit der Analyse beschäftigt hat, also daß nur
Personen von so hoher und so seltener Vollendung sich diesem
Beruf zuwenden, kann man offenbar nicht verlangen. Wo und wie
soll aber der Ärmste sich jene ideale Eignung erwerben, die er
in seinem Berufe brauchen wird? Die Antwort wird lauten: in der
Eigenanalyse, mit der seine Vorbereitung für seine zukünftige
Tätigkeit beginnt." (Sigmund Freud, Studienausgabe:
Ergänzungsband, 1975, S.387f.)
"Orgasmus aus Angst und Leiden"
Doch wie, liebe Simone, sieht eine solche
"Eigenanalyse" bei einem Lehranalytiker aus? Ein typisches
Beispiel der sexuellen Ausbeutung, die nicht einmal vor
Kolleginnen Halt macht, finden wir bei Reimer u.a. (2000, S.
656f.) aus einer Publikation der Kore Edition, Freiburg
(Anonyma: Verführung auf der Couch - eine Niederschrift,
1988), zitiert:
"Eine junge Psychologin ... möchte, nachdem
sie ihr Diplom gemacht hat, Analytikerin werden. Sie beschreibt
sich vor der Analyse als kontaktfreudig und gesellig, sie geht
viel aus und tanzt gern. Nach der Zulassung zur
psychoanalytischen Ausbildung sucht sie sich einen
Lehranalytiker. Sie genießt die analytischen Flitterwochen, die
Nähe und die Intimität in der Analyse und zum Analytiker. Zu
dieser Zeit schreibt sie: "Er (der Analytiker) wurde für mich
der wichtigste Mann auf der Welt; mir schien als wäre er 'der
Mann meines Lebens' ... Und so war die Analyse zum Mittelpunkt
meines Lebens geworden".
Einen ersten Einbruch erlebt sie, als sie die Ehefrau des
Analytikers sieht. Sie ist verletzt und irritiert, wünscht sich
aber weiterhin Nähe und Liebe, auch Triangulierung, indem sie
merkt, dass sie zu dritt sein möchte: Sie als Kind mit Vater und
Mutter. Der reale Vater hatte die Familie verlassen, als sie ein
Jahr alt war.
Eines Tages erzählt sie ihm einen Traum: Sie sieht seinen Wagen
auf einem Parkplatz stehen, niemand ist drinnen. Durch die
Scheiben sieht sie ein rosa Hemd von ihm, das ihr schon immer
gut gefallen hat. Sie nimmt es an sich, vergräbt ihr Gesicht
darin, atmet seinen Duft, läuft dann schnell fort, um mit ihrer
Beute allein zu sein. Der Analytiker deutet: "Ich weiß, dass Sie
sich schon eine ganze Weile mit meinem Penis beschäftigen." Sie
erschrickt heftig, dreht sich um, sieht ihn an und schreibt: "Es
knistert zwischen uns, eine nur schwer zu ertragende, angenehme
Spannung." Nach jener Stunde verabschieden sie sich beide eher
kühl und distanzierter als sonst.
In der Folgezeit phantasiert sie über eine sexuelle Beziehung
mit dem Analytiker, onaniert mit Phantasien an ihn und berichtet
darüber in der Analyse. Er reagiert nicht. Sie beschäftigt sich
mit seiner Familie, phantasiert, ein kleines Mädchen zu sein und
reist in seinen Heimatort. Gleichzeitig zieht sie sich zunehmend
von ihren Bekannten und Freunden zurück. Im dritten Analysejahr,
dem "Jahr der Leidenschaft", wie sie es nennt, lauert sie auf
Beweise seiner Liebe. Sie entwickelt den Plan, den Raum zwischen
ihnen zu überwinden, kriecht schließlich in einer Analysestunde
am Boden auf ihn zu, redet über das Näherkommen, berührt ihn
kurz und geht wieder auf ihre Couch zurück. Der Analytiker sagt
nichts, sie hat Schuldgefühle, weil sie meint, den analytischen
Pakt gebrochen zu haben.
Die darauf folgende Sitzung beginnt wie gewohnt. Sie legt sich
hin und versucht, sich an die vergangene Stunde zu erinnern,
wird aber durch eine Frage des Analytikers unterbrochen. Er
sagt: "Glauben Sie nicht, dass ich dahinkommen kann, wo Sie
sind?" Sie sagt: "Nein." Er sagt: "Sie glauben das nicht?"
Wieder antwortet sie: "Nein." Seine Antwort: "Aber natürlich!"
Er steht auf, geht zu ihr auf die Couch, nimmt sie in die Arme,
es kommt zum Geschlechtsverkehr, sie ist zunächst erstarrt und
erschreckt. Man trennt sich wie immer nach genau 45 Minuten und
wie gewohnt: "Au revoir Madame, au revoir Monsieur." In der
folgenden Stunde will sie den Analytiker umarmen, er weist sie
aber zurück und schickt sie auf die Couch.
Den Rest dieses Dramas nur in ein paar Sätzen: Die sexuellen
Beziehungen gehen weiter, zuerst auf der Couch, später in einem,
so glaubt sie, speziell für sie eingerichteten Nebenzimmer. Sie
ist zunächst glücklich und phantasiert ein Leben mit ihm. In
langen Pausen zwischen den intimen Kontakten geht die Analyse
weiter, sie ist darüber verunsichert und verwirrt. Die Beziehung
zu ihrem langjährigen Freund außerhalb der Analyse scheitert.
Die Analyse gerät schließlich in eine Sackgasse: Sie erlebt
zunehmend psychosomatische Dekompensationen z.T. mit subjektiv
lebensbedrohlichem Charakter. Sie entwickelt einen
Medikamentenabusus, trinkt auch vermehrt Alkohol, und so geht
die Analyse langsam zu Ende. Sie wartet allerdings immer noch
auf eine reale Beziehung zu ihm. Dementsprechend trifft sie ihn
auch nach der Analyse immer wieder, wobei aber immer er
Zeitpunkt und Ort der Treffen bestimmt. In diesen kurzen
Episoden kommt es zu sexuellen Intimitäten, er bleibt jedoch
unerreichbar für sie.
Aus der ursprünglich lebensfrohen jungen Frau ist eine schwer
ängstliche, von Panikattacken und Isolierung gequälte Frau
geworden, die später in einer zweiten Therapie versucht, ihr
Analyseschicksal aufzuarbeiten. Dabei hatte sie lange Zeit große
Angst vor der Übertragung, und dementsprechend beherrschten
Misstrauen und Ängstlichkeit lange Zeit das Klima in dieser
Zweittherapie."
Ich bin sicher, liebe Simone, dieses Schicksal werden Sie sich
nicht antun wollen. "Im Grunde hatte sich mein
... Psychoanalytiker eine angenehme Rolle ausgesucht",
heißt es in der Niederschrift der "Verführung auf der Couch":
"Von Genuß zu Genuß, von Lust zu Lust lockte
er mich auf den Treibsand, der sein Opfer nicht mehr freigibt,
in den ich tiefer und tiefer versank. Tropfenweise flößte er die
Droge ein und machte mich süchtig. Tropfenweise stieg die Angst
bis zu dem kritischen Punkt, an dem alles explodieren mußte ...
nach diesem Orgasmus aus Angst und Leiden".
Das zitierte Beispiel illustriert die
drastische Verletzung ethischer Prinzipien in der
Psychotherapie: Die Patientin wurde nicht darin gefördert,
Autonomie zu erwerben, sondern sie wurde abhängig gemacht. Ihr
wurde nicht geholfen, sondern sie wurde sexuell ausgebeutet und
missbraucht. Ihr wurde vielfacher Schaden zugefügt und ihre
Beziehungen zu Menschen und der Wirklichkeit außerhalb der
Psychoanalyse wurden schwer beschädigt oder zerstört.
Sofern zu diesem Thema in der wissenschaftlichen Literatur
ernstzunehmende Untersuchungen berichtet werden, wird immer
wieder auf die gravierenden Schäden des therapeutischen
Missbrauchs hingewiesen, der keineswegs immer ein explizit
sexueller zu sein braucht. Über ein Drittel aller betroffenen
Patientinnen und Patienten litt in der Folge an zunehmender
Depressivität und emotionalen Störungen, Verlust von Motivation
und sozialen Beziehungen, suizidalen Gedanken oder suizidalem
Verhalten, Alkohol- und Drogenmissbrauch. Bei allen
Betroffenen finden sich fast ausnahmslos negative Folgen
in irgendeiner Form. Viele Betroffene und Opfer schweigen voller
Scham und falscher Schuldgefühle - zu Unrecht.
Nur die beharrliche Aufklärung vermag dem Treiben
verantwortungsloser Psychotherapeuten (und Psychotherapeutinnen)
Grenzen zu setzen. Schreiben Sie an "PSYCHOTHERAPIE", falls Sie
solche Erfahrungen gemacht haben (siehe Info-Kasten
Leserbriefe).
Lesen Sie im Teil 1 den Dialog mit "Simone" im Chat Room
von PSYCHOTHERAPIE.
|
|
|
|
|
|
|
|
|
"Er sagte: 'Mach Deinen Orgasmus' - und es
hinterließ immer tiefere Ritzen in meiner Seele"
Guten Tag Herr Luchmann: Habe Ihre Antwort zu
Simone gelesen ("Wirklich verliebt in den Psychoanalytiker oder
einer gefährlichen Illusion erlegen?"). Ich bin bis jetzt noch an
niemand herangetreten mit meinem Problem, aus Angst. Ihr Text hat
mich motiviert, Ihnen zu schreiben. (Obwohl ich keine Antwort
erwarte.) Aber man sagt ja, Schreiben ist bereits Therapie genug.
Verzeihen Sie meinen Zynismus, aber anders kann ich mit meiner
Situation nicht umgehen. Ich bin in ärztlicher Behandlung bei einem
Chefarzt eines Krankenhauses. Besser - ich war. Wir haben nach zwei
Jahren Patientenverhältnis "zur Kontrolle" zwei bis dreimal im Jahr
Kontakte. Er hat mit mir sehr tiefe Gespräche geführt, ich hatte ihm
mein Vertrauen geschenkt. Meine Krankheit hat sowohl körperliche als
auch psychische Anteile. Weil ich eine Odyssee hinter mir hatte -
keiner wusste, was es war - entwickelte ich erste Ängste, ich hatte
Angst, sterben zu müssen. Viele Betroffene mit meiner Erkrankung
werden deshalb auch in psychiatrische und psychosomatische Kliniken
gesteckt. Er hat dieses Problem erkannt und war deshalb im
psychotherapeutischen Gebiet für mich da. Das war mir sehr wichtig.
Ich fühlte mich sehr unverstanden von anderen Menschen, die Angst
konnten selbst Freunde nicht verstehen. Er verstand es - sagte er.
Im letzten Jahr nach einem Kontrollbesuch haben wir einen
Emailaustausch begonnen. Ich habe meine Gefühle stets zu verdrängen
versucht, weil ich mich nicht auf eine private Freundschaft
einlassen wollte. Aber es tat auch so unendlich gut, endlich
verstanden zu werden! Die Emails wurden mit der Zeit immer
persönlicher, auch immer klarer. Ab und zu besuchte ich ihn in
seiner Praxis abends und wir hatten sehr schöne Gespräche. Die
Erotik hatte bereits ihren Platz gefunden - in der Luft! Wir
sprachen darüber - aber geschehen ließen wir es nicht. Nach einigen
Wochen lud ich ihn zum Kaffee ein, er nahm an und wir trafen uns in
einem Hotel zum Wein. Von da an war die Krise geplant. Ich habe mich
nicht in ihn verliebt. Es hinterließ immer tiefere Ritzen in meiner
Seele. Wir haben daraufhin nächtliche Telefongespräche geführt, wenn
er auf Kongressen war. Natürlich hat er mir gesagt, dass er das
nicht tun dürfe, weil ich seine Patientin sei und auch weil er
verheiratet sei.
Dann begann es mit Telefonsex. Ich fand es wunderbar, er war der
erste Mensch, der mir die Angst nahm. Ich hatte neue Energien und
fühlte mich sehr glücklich. Ich habe ihn bei sich zu Hause besucht,
wir hatten Kaffee getrunken und dann ist es geschehen. Er wollte es
nicht, er hat mich nicht missbraucht. Ich wollte es. Dann geschah
es. Aber ich muss dazu sagen, dass er mich eingeladen hat, weil er
meinte - "ich würde gerne wissen, wie er zu Hause lebe". Als ich
abends bei ihm wegfuhr, wurde mir klar, dass er meine Lebensliebe
ist. Und ich habe angefangen zu weinen, weil mir klar war, dass ich
in eine Sackgasse laufe. Das Verhältnis ging weiter, wir haben uns
wiedergesehen und auch in seiner Praxis miteinander geschlafen. Auch
im Sprechzimmer. Bei mir zu Hause. Irgendwann sagte er, als er mich
einmal mehr nach dem Sex "billig" behandelt hat ("komm fahr schon,
ich muss zurück in die Praxis, wenn uns da jemand sieht!"), es sei
mir ja wohl schon klar, dass er mein Patientenverhältnis nicht
weiterführen werde. Und ich dürfe von uns keinem Menschen etwas
erzählen.
Eine Woche später trafen wir uns wieder in einem Hotel zum Kaffee.
Er teilte mir mit, dass Schluss sei - aus. Mit dem Grund, er dürfe
mich nie mehr wiedersehen, denn er sei eine multiple Persönlichkeit.
Wenn er mich sehe, würde er in eine andere Welt von mir gezogen
werden, die fatal sei. Wir seien wie zwei Meteoriten, wenn wir
aneinander geraten, explodiere die Welt. Ich solle auf den Mond und
ihn nie mehr wiedersehen. Ich war geschockt, alles zitterte in mir.
Dann ging er, weil er Notfalldienst hatte und ließ mich allein.
Zuhause hatte ich das Gefühl, durchzudrehen. Ich fuhr mit dem Auto
los und schrieb ihm einen Abschiedsbrief. Ich wollte mich umbringen.
Meine Mutter (ich bin 32, aber wir haben ein sehr enges
Familienverhältnis) rief mich an und ich schrie in den Hörer, dass
alles vorbei sei. Dann erzählte ich ihr alles. Sie rief ihn an und
sie sprachen. Nach diesem Gespräch erzählte er seiner Frau von
unserem Verhältnis. Meine Mutter fing mich auf. Von da an ging alles
nur noch sehr schwer. Ich wusste nicht, was eine multiple
Persönlichkeit war. Ich las mich ein, hab mir tagelang darüber
Gedanken gemacht. Und ich suchte ihn wieder auf, weil ich mein Leben
nicht mehr im Griff hatte. Ich hatte Panikattacken, konnte nicht
mehr arbeiten. Wir hatten in der Zeit sehr gute, aber auch sehr
vorwurfsvolle Gespräche. Er sagte, "Du bist schuld, dass ich fast
meine Familie verloren hätte".
An Silvester rief er mich an in der Nacht und wir haben
zurückgefunden zusammen, er meinte, ich müsse Geduld haben, er würde
bald in Pension gehen, dann hätte er mehr Zeit für mich. Ich war
total glücklich. Bei diesem Gespräch erwischte ihn sein Sohn und
alles flog wieder auf. Was folgte waren böse Gespräche zwischen
seiner und meiner Familie. Seine Familie sagt, ich sei krank und
gehöre in eine Klinik. Ihr Mann hätte nur nett sein wollen zu mir
und ich hätte es ausgenützt.
Ich konnte nicht mehr allein aus dem Haus, hatte Heulanfälle,
suizidale Gedanken (für die ich mich so schämte!!) und fühlte doch
immer Sehnsucht nach ihm! Ich dachte immer häufiger darüber nach,
dass er sagte, ich sei ihm ähnlich, er würde sich in meinem
Lebensweg wiederfinden, er hätte früher selbst Ängste gehabt und nur
eine Familie würde einem die Stütze geben. An Silvester habe ich ihm
gesagt, dass er meine Lebensliebe sei. Er war mein Strohhalm, er
sagte wieder zu mir, wir seien beide füreinander bestimmt. Ich
brachte es nie auf eine Reihe, dass er einmal so lieb zu mir und am
andern Tag gnadenlos brutal. Es war mir klar, dass die MPS das
auslöst, aber wie damit umzugehen wusste ich nicht. Und letztlich
nahm ich es ihm auch nicht immer ab, weil er nur gewisse Dinge, die
für ihn belastend in seiner Familie sein könnten, nicht mehr wusste.
Anderes wusste er genau. Er wusste alle Dinge, wenn wir allein
sprachen. Wenn seine Frau mithörte, hatte er keine Ahnung und sagte
z.B., "sie hat mich in den Sex reingezogen und sie hat mich zu
sich nach Hause reingezogen. Ich weiß nicht mehr, wie ich dorthin
kam".
Eine Zeit lang nahm er keine Anrufe von mir entgegen. Wenn ich im
Krankenhaus intern anrief, dann nahm er ab und sprach mit mir.
Einmal hieß es, wir dürfen uns nicht mehr sehen, es muss aus sein.
Das andere mal sagte er, ja, wenn ich ihn fragte, ob er an mich
denke, sagte er, ja das tue ich. Ich fühlte mich so schlecht, so hin
und hergerissen und konnte doch nicht loslassen! Er war mein Halt,
meine Energie.
Nun, letzte Woche war er wieder an einem Kongress und ich rief ihn
an. Wir hatten 4 Stunden miteinander telefoniert, es war viel
Vertrauen im Gespräch (von beiden Seiten). Ich sagte ihm, dass ich
ihn so sehr vermisse, dass ich es nicht mehr schaffe ohne ihn, das
sei alles so schwer für mich zu ertragen. Irgendwann hatten wir
Telefonsex. Es war wie eine Flucht für mich, ihm nah zu sein. Und er
sagte: "Mach Deinen Orgasmus". Er sagte mir immer, dass er mich lieb
habe, er trage mich in meinem Herzen. Er liebe mich aber nicht und
könne seine Familie nicht verlassen, weil er die brauche. Ich habe
ihn gebeten, mich frei zu geben, mir zu sagen, dass ich ihm nicht
wichtig sei. Darauf meinte er, er gebe mich schon lange frei, aber
er sage nicht, dass ich ihm nicht wichtig sei. Solche Worte sage er
nicht. Für mich wären diese Worte entscheidend, mein Leben nicht
mehr von ihm abhängig zu machen. Aber er sagt sie nicht.
Am andern Tag nach diesem schönen Gespräch war er wieder "ein
anderer". Er würde gleich wieder auflegen, er hätte sich von mir
"legen" lassen. Dann warf er mir Dinge an den Kopf wie: "Du bist
schuld an allem, Du konntest nicht diskret genug sein und
Geheimnisse nicht für Dich behalten. Was Du mit mir in der Zeit
angestellt hast, ist furchtbar. Das kann man nie mehr gutmachen".
Dann bringt er mich zum Weinen, ich kann mich nicht wehren gegen
seine Worte, ja, es tut mir leid, dass ich es nicht für mich
behalten konnte. Dann meint er, wenn ich nun wieder "Terror machen"
würde, würde er die "Totalblockade" anwenden. Wenn ich dann weine,
sagt er, er müsse jetzt schlafen, ich solle mich jetzt beruhigen.
Dann frage ich ihn, ob ich ihm nichts bedeute, und er antwortet:
"Ich sage solche Worte nicht. Diese Worte sind nichts". Dann bitte
ich ihn, es mir zu sagen, er wird dann wütend. Dann bin ich so am
Ende, dass ich sage, dass es ihm egal sei, wenn ich nicht mehr leben
würde (er hat damals sehr gelassen reagiert: Cry for help?). Er
meinte, das sei eine blöde Drohung. Ja, das ist mir auch klar. Ich
möchte dann nicht provozieren, aber es sind dann meine Gedanken,
weil ich so leer bin. Dann hängt er auf.
Jetzt nimmt er wieder keine Anrufe von mir entgegen. (Er nimmt gar
keine im Krankenhaus entgegen, die extern sind abends.) Ich möchte
aber so gerne mit ihm reden, weil ich es so nicht schaffe! Diese
verwirrten Situationen. Ich kann nie allein aus dem Haus. Ich habe
fast permanent Angst. Und muss immer nur an ihn denken. Wie soll ich
mich verhalten? Ich möchte Selbstvertrauen haben - ja! Das hatte ich
immer, beruflich wie privat mehr als genug! Ich war sehr stark.
Jetzt bin ich nur noch schwach und ich weiß, dass Schwäche
unattraktiv ist! Aber es zieht mich immer in die Schwäche und ich
habe das Gefühl, ein Wettlauf gegen die Zeit zu laufen!
Ich wollte wegen meiner Angst eine Therapie machen, hatte einen
Termin, aber er meinte, die würden mir doch nur Medikamente geben,
und davon hält er gar nichts. Ich war auch immer gegen Medikamente,
so kam seine Meinung mir natürlich sehr gelegen. Aber die Tage und
das Leben vergehen ohne mich. Das Einzige, was mich hält, ist der
Gedanken an ihn. Weil ich nie so tiefe Gefühle für einen Menschen
entwickelt habe. Ein paar Mal hatte ich Rachegefühle, aber dann
kommt die Enttäuschung, die sie zunichte macht. Ich habe ihn abends
angerufen zu Hause auf seinem Handy, aber seine Frau nahm ab. Dann
schrieb ich ihm, er solle aufhören, zu sagen, dass ich nun diskret
sein solle, er solle aufhören mit der Drohung.
Diese Sätze mögen verwirrend klingen - sie sind einfach in der
Schnelle geschrieben, aus dem Bauch heraus. Ja, ich habe alles
niedergeschrieben, was zwischen uns war, es in einem Buch verpackt.
Er sagte mir, seine Frau hätte es gelesen - er würde es niemals
lesen. Ich bin verzweifelt. Ich kenne den Weg, den ich gehen müsste.
Ihn vergessen und langsam wieder anfangen, Ängste abzubauen. Ich
weiß das. Ich kann es aber nicht. Weil sie in der Luft hängt, seine
Aura, weil sie mich wie eine psychische Folter verfolgt! Ich bin ihm
nicht hörig, sonst hätte ich wohl jetzt nicht geschrieben. Aber ich
will auch auf keinen Fall hier in der Umgebung, in der ihn alle
kennen, mit einem Therapeuten darüber reden. Zudem weiß ich, dass er
sich dadurch hintergangen fühlen würde. Es ist ein Chaos im Kopf. Ob
ich Ihnen diese Zeilen wirklich zukommen lassen soll? Irgendwann
stehen sie im Netz - und dann noch so unschöne Sätze, die im
Schnelltempo in die Tastatur gehackt wurden...
Marlene Deutsch*
06.04.2001
Vom Psychotherapeuten sexuell missbraucht, von
Kollegen abgelehnt
Danke, dass Sie vor Missbrauch durch
Therapeuten so klar und offen warnen. Ich denke oft an den
Analytiker, der - schwanzgesteuert - meine Karriere, meine
Gesundheit, mein Leben zerstörte und noch immer fröhlich
weiterpraktiziert, in Ihren Kreisen so sehr anerkannt, dass
KollegInnen es ablehnten, mein Trauma mit mir zu bearbeiten.
Traurig...
Isolde Bitter*
16.12.2000
| |
|
|
Klaus Grawe, Ruth Donati & Friederike
Bernauer: Psychotherapie im Wandel. Von der Konfession zur
Profession. Göttingen: Hogrefe-Verlag, 1994. XIV + 886 S.
Hier bestellen
Eine aufwändige wissenschaftliche Analyse, welche Form der
Psychotherapie zum Erfolg führt, und eine erschütternde
Dokumentation der absurden Situation Deutschlands, in dem die
untauglichsten Psychotherapie-Methoden dominieren.
Rezension lesen
|
|
|
|
Antwort des Herausgebers:
Sie sind, auch wenn es für Sie wenig tröstlich ist, mit dieser
Erfahrung nicht allein. Gewiss hätten Sie Ihre Lebenszeit nicht dem
Psychoanalytiker geopfert, wenn Sie die Studien des
Psychotherapieforschers Prof. Klaus Grawe von der Universität Bern
gekannt hätten: "Jeder Lehrstuhl für Psychosomatik/ Psychotherapie
ist in der BRD mit einem Psychoanalytiker besetzt. ... Für die
Patienten, die innerhalb dieser Universitätsabteilungen behandelt
werden, hat dieser Zustand handfeste negative Folgen. Sie rechnen
aus gutem Grund damit, dort eine besonders qualifizierte Therapie zu
erhalten, werden aber tatsächlich geradezu regelhaft schlechter
behandelt, als es mit gleichem oder geringerem Aufwand möglich
wäre." Diese Feststellung von Grawe u.a. auf Seite 692f. stammt aus
dem Jahre 1994. Bis heute hat sich daran nichts geändert.
Wir empfehlen den Betroffenen ggf. Psychotherapeutinnen und
Psychotherapeuten, Gutachter und Rechtsanwälte, die in diesen Fällen
behutsam und kundig zu helfen bereit sind.
*Name aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Orgasmus aus
Angst und Leiden: Wie Psychotherapeuten regelhaft ihre Klientinnen sexuell
missbrauchen.
Dietmar G. Luchmann, Psychotherapeut, Stuttgart
Sexueller Missbrauch in der Psychotherapie: Verliebt in den
Psychoanalytiker oder gefährlicher Illusion erlegen?
Dietmar G. Luchmann, Psychotherapeut, Stuttgart
Flugangst-Seminare als "Placebo des Jahrhunderts": Wie man die Flugangst
wirklich loswerden kann
Dietmar G. Luchmann, Psychotherapeut, Stuttgart
Statt
Psychotherapie seit fast zwei Jahren nur Tabletten: Das kann nicht alles sein!
Carmen Heerdegen, Fachärztin und Psychotherapeutin,
Stuttgart
Deutsche Universitätskliniken: Psychotherapeutisch wird an ihnen "regelhaft
schlechter behandelt"
Carmen Heerdegen, Fachärztin und Psychotherapeutin,
Stuttgart
Profi oder Scharlatan? Wie man die besten
Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten findet
Carmen Heerdegen, Fachärztin und Psychotherapeutin,
Stuttgart
Fragen Sie Doktor
Abaris®: Die Psychotherapie-Sprechstunde im Internet
Lesen Sie diese Einleitung und beachten Sie die
Nutzungshinweise
|
|
|
|
|