© PSYCHOTHERAPIE 18.09.2000
Sprechstunde mit Doktor Abaris®
Psychotherapie bei Flugängsten und Flugphobien (Teil 1)
Geschäft mit der Flugangst
Flugangstseminare als "das größte Placebo des Jahrhunderts"
Frage: "Als Manager gehört zu meinem
Verantwortungsbereich auch die Betreuung der amerikanischen
Niederlassung unseres Unternehmens. Seitdem mir auf einem Flug
nach New York nach einem stressigen Tag schlecht geworden ist,
versuche ich Flüge zu vermeiden. Muss ich dennoch fliegen, so
versuchte ich mich bislang, mit Alkohol 'ruhig zu stellen'. Das
gelingt inzwischen nicht mehr. Mein Hausarzt verschrieb mir
deshalb Beruhigungsmittel. Trotzdem frisst die Angst mich schon
Wochen vor dem nächsten Flug auf und beeinträchtigt meine
Arbeit. Ich habe einen Kurs über Autogenes Training besucht, der
hat mir jedoch nichts gebracht. Mittlerweile kann ich im
Unternehmen meine Probleme nicht mehr verbergen. Mein
Geschäftsführer legte mir jetzt ultimativ nahe, etwas gegen
meine Probleme zu unternehmen, z.B. ein Seminar gegen Flugangst
zu besuchen. Nun lese ich im 'Spiegel' vom 4. September 2000 auf
Seite 129, 'Verhaltenstherapie gegen Flugangst' sei das 'größte
Placebo des Jahrhunderts'. Was soll ich davon halten? Und vor
allem: Wie kann ich meine Flugangst loswerden, bevor ich meinen
Job verliere? Sigmund."
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| Wichtige rechtliche
Hinweise |
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Antwort von
Dietmar G. Luchmann
Diplom-Psychologe, Psychotherapeut & Leiter
des ABARIS® Institutes für Psychotherapie, Stuttgart:
Lieber Sigmund: Es ist verständlich, dass
"DER SPIEGEL" Sie mit seiner Pauschalierung, "Verhaltenstherapie
gegen Flugangst: Größtes Placebo des Jahrhunderts" verunsichert
hat. Journalisten haben das Problem, nicht alle Dinge, über die
sie schreiben, aus eigener Erfahrung zu kennen, weswegen ihnen
die Komplexität und Vielschichtigkeit der Sachverhalte mitunter
entgeht. Zudem kommt ein Beitrag in einem Nachrichtenmagazin -
anders als in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift - selten
ohne gewisse Verkürzungen aus. Betrachte ich den Kontext dieser
"SPIEGEL"-Aussage, so stelle ich fest, dass es den Autoren in
Ihrem Falle offenbar nicht vollständig gelungen ist, die
durchaus zutreffende Botschaft richtig zu vermitteln.
Die von Ihnen zitierte Zuschreibung, "größtes
Placebo des Jahrhunderts", findet sich unter einem Foto,
das Teilnehmer eines Flugangstseminars zeigt, die vor den
Turbinen eines Flugzeuges den Ausführungen eines Piloten folgen.
Fluggesellschaften empfehlen solche Seminare, weil sie ein
natürliches Interesse daran haben, die rund 30 Prozent der
Flugphobiker in der Bevölkerung ihrer Umsatzentwicklung
zugänglich zu machen. Als ein- oder zweitägige
Veranstaltungen werden Flugangst-Seminare für einen
vierstelligen Preis angeboten und beinhalten in der Regel die
Erläuterung der Flugzeugtechnik (wie im "SPIEGEL"-Foto), die
Vermittlung von Entspannungstechniken sowie einen innerdeutschen
Kurzflug, der gewissermaßen als - freilich kaum taugliches -
"Erfolgskriterium" gilt. Tatsächlich können solche
Flugangstseminare aus psychotherapeutischer Sicht als
grandioses Placebo bezeichnet werden.
In unserer Angstambulanz führen wir selbst erfolgreich
Psychotherapien bei Flugangst und anderen Angst- und
Panikstörungen durch. Die Therapieaufwendungen beliefen sich im
statistischen Durchschnitt der Jahre 1993 bis 1995 auf 14,5
Stunden und sind heute noch kürzer. Sofern erforderlich,
trainieren wir mit unseren Klienten auch die ausgefallensten
Situationen, sei es das Fliegen mit dem Hubschrauber oder das
Fahren mit einem U-Boot. Unsere Vorgehensweise unterscheidet
sich allerdings erheblich von derjenigen in solchen
Flugangst-Seminaren. Ich will darum versuchen, die Unterschiede
zu verdeutlichen, um die harte Bewertung des "SPIEGEL"
verständlich zu machen und mich nicht dem Vorwurf auszusetzen,
mit zweierlei Maß zu messen.
Zunächst ist wesentlich zu verstehen, was genau Flugangst ist.
Psychologisch verstehen wir unter Flugangst eine phobische
(ängstliche) Reaktion auf die spezifische Situation in einem
Flugzeug. Durch die Besonderheiten in einem Flugzeug ist den in
ihm befindlichen Menschen weitgehend oder vollständig die
Kontrolle entzogen, weshalb sich ein Teil - und das ist
wesentlich - Gedanken zu machen beginnt, die Angst erzeugen. Der
Inhalt dieser Gedanken kann sehr verschieden sein: Ein Teil der
Flugphobiker fürchtet sich vor dem Absturz ("Hoffentlich stürzen
wir nicht ab"), ein anderer Teil macht sich zwar keine Sorgen um
das Abstürzen, dafür aber umso mehr wegen der Besonderheit, das
Flugzeug während der Flugzeit von mehreren Stunden nicht
verlassen zu können ("Hoffentlich komme ich bald wieder raus").
Wieder andere fürchten sich vor der Enge und machen sich
sorgenvolle Gedanken, sie könnten ihre Selbstkontrolle
verlieren und vor den anderen Passagieren eine lächerliche Figur
machen ("Hoffentlich merken die nichts"). Es gibt also nicht den
Flugphobiker an sich, sondern eine Vielzahl unterschiedlichster
Persönlichkeiten mit ganz verschiedenen phobischen Denkmustern,
die den Nährboden für die Flugangst liefern.
Flugangst ist deshalb kein isoliertes Problem, sondern sie ist
eingebettet in eine individuelle Lerngeschichte: wie Betroffene
umzugehen gelernt haben mit Lebensrisiken (Gefahr, Verlust,
Tod), mit Stress und belastenden Bedingungen, mit unbekannten
oder überraschenden Situationen, mit den Reaktionen ihres
vegetativen Nervensystems, mit der Bewertung durch andere
Menschen usw. Viele Menschen können ihre Schwierigkeiten im
"normalen" Alltag meist gut kaschieren. Diese Kompensation
gelingt beim Fliegen nicht mehr in gewohnter Weise, weil die
maßgeblichen Merkmale der Situation (Enge, Zeitdauer,
Kontrollverlust) sehr viel extremer sind und deutlich weniger
Möglichkeiten bestehen, die Schwierigkeiten zu kaschieren. Es
kommt zur Dekompensation, zum Beispiel zu einen
Panikanfall.
Auch Sie, lieber Sigmund, lassen erkennen, dass Ihre Flugangst
nicht vom Himmel fiel, sondern "nach einem
stressigen Tag" aufgetreten ist. Ihnen ist "schlecht geworden", schreiben Sie. Sie haben
das Fliegen in der Folge als eine sehr unangenehme Erfahrung zu
vermeiden begonnen.
Stellen Sie sich vor, Ihnen wäre nicht im Flugzeug "schlecht geworden", sondern in einer
Vorstandssitzung, im Auto beim Überholen mit 180 auf der
Autobahn, bei einem Vortrag oder auch einfach nur in der
Firmenkantine - der Belustigung oder dem Befremden Ihrer
Kollegen preisgegeben. Hätten Sie dann möglicherweise nicht
ebenso reagiert, wäre Ihnen dann nicht ebenso der Gedanke
gekommen, "Hoffentlich passiert das nicht wieder"? Sie bemerken,
wohin ich Ihre Aufmerksamkeit führen möchte: Ist der Ausbruch
Ihrer Angst als Flugangst nicht eher zufällig? Ist die Flugangst
nicht vielmehr austauschbar, weil Ihre phobische Reaktion
weniger mit dem Fliegen an sich zu tun hat als beispielsweise
mit Ihrer Angst vor Versagen, Blamage oder auch schlicht das
Ergebnis Ihres Erschreckens über die körperliche Reaktion auf
eine langdauernde Überforderung (Stress, Burnout) ist?
Lesen Sie
weiter im Teil 2, wie Flugangst am besten behandelt
werden kann.
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