PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753)
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PSYCHOTHERAPIE
© PSYCHOTHERAPIE 18.09.2000

Sprechstunde mit Doktor Abaris®
Psychotherapie bei Flugängsten und Flugphobien (Teil 1)

Geschäft mit der Flugangst
Flugangstseminare als "das größte Placebo des Jahrhunderts"

Frage: "Als Manager gehört zu meinem Verantwortungsbereich auch die Betreuung der amerikanischen Niederlassung unseres Unternehmens. Seitdem mir auf einem Flug nach New York nach einem stressigen Tag schlecht geworden ist, versuche ich Flüge zu vermeiden. Muss ich dennoch fliegen, so versuchte ich mich bislang, mit Alkohol 'ruhig zu stellen'. Das gelingt inzwischen nicht mehr. Mein Hausarzt verschrieb mir deshalb Beruhigungsmittel. Trotzdem frisst die Angst mich schon Wochen vor dem nächsten Flug auf und beeinträchtigt meine Arbeit. Ich habe einen Kurs über Autogenes Training besucht, der hat mir jedoch nichts gebracht. Mittlerweile kann ich im Unternehmen meine Probleme nicht mehr verbergen. Mein Geschäftsführer legte mir jetzt ultimativ nahe, etwas gegen meine Probleme zu unternehmen, z.B. ein Seminar gegen Flugangst zu besuchen. Nun lese ich im 'Spiegel' vom 4. September 2000 auf Seite 129, 'Verhaltenstherapie gegen Flugangst' sei das 'größte Placebo des Jahrhunderts'. Was soll ich davon halten? Und vor allem: Wie kann ich meine Flugangst loswerden, bevor ich meinen Job verliere? Sigmund."

   
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Antwort von
Dietmar G. Luchmann
Diplom-Psychologe, Psychotherapeut & Leiter des ABARIS® Institutes für Psychotherapie, Stuttgart
:

Lieber Sigmund: Es ist verständlich, dass "DER SPIEGEL" Sie mit seiner Pauschalierung, "Verhaltenstherapie gegen Flugangst: Größtes Placebo des Jahrhunderts" verunsichert hat. Journalisten haben das Problem, nicht alle Dinge, über die sie schreiben, aus eigener Erfahrung zu kennen, weswegen ihnen die Komplexität und Vielschichtigkeit der Sachverhalte mitunter entgeht. Zudem kommt ein Beitrag in einem Nachrichtenmagazin - anders als in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift - selten ohne gewisse Verkürzungen aus. Betrachte ich den Kontext dieser "SPIEGEL"-Aussage, so stelle ich fest, dass es den Autoren in Ihrem Falle offenbar nicht vollständig gelungen ist, die durchaus zutreffende Botschaft richtig zu vermitteln.

Die von Ihnen zitierte Zuschreibung, "größtes Placebo des Jahrhunderts", findet sich unter einem Foto, das Teilnehmer eines Flugangstseminars zeigt, die vor den Turbinen eines Flugzeuges den Ausführungen eines Piloten folgen. Fluggesellschaften empfehlen solche Seminare, weil sie ein natürliches Interesse daran haben, die rund 30 Prozent der Flugphobiker in der Bevölkerung ihrer Umsatzentwicklung zugänglich zu machen. Als ein- oder zweitägige Veranstaltungen werden Flugangst-Seminare für einen vierstelligen Preis angeboten und beinhalten in der Regel die Erläuterung der Flugzeugtechnik (wie im "SPIEGEL"-Foto), die Vermittlung von Entspannungstechniken sowie einen innerdeutschen Kurzflug, der gewissermaßen als - freilich kaum taugliches - "Erfolgskriterium" gilt. Tatsächlich können solche Flugangstseminare aus psychotherapeutischer Sicht als grandioses Placebo bezeichnet werden.

In unserer Angstambulanz führen wir selbst erfolgreich Psychotherapien bei Flugangst und anderen Angst- und Panikstörungen durch. Die Therapieaufwendungen beliefen sich im statistischen Durchschnitt der Jahre 1993 bis 1995 auf 14,5 Stunden und sind heute noch kürzer. Sofern erforderlich, trainieren wir mit unseren Klienten auch die ausgefallensten Situationen, sei es das Fliegen mit dem Hubschrauber oder das Fahren mit einem U-Boot. Unsere Vorgehensweise unterscheidet sich allerdings erheblich von derjenigen in solchen Flugangst-Seminaren. Ich will darum versuchen, die Unterschiede zu verdeutlichen, um die harte Bewertung des "SPIEGEL" verständlich zu machen und mich nicht dem Vorwurf auszusetzen, mit zweierlei Maß zu messen.

Zunächst ist wesentlich zu verstehen, was genau Flugangst ist. Psychologisch verstehen wir unter Flugangst eine phobische (ängstliche) Reaktion auf die spezifische Situation in einem Flugzeug. Durch die Besonderheiten in einem Flugzeug ist den in ihm befindlichen Menschen weitgehend oder vollständig die Kontrolle entzogen, weshalb sich ein Teil - und das ist wesentlich - Gedanken zu machen beginnt, die Angst erzeugen. Der Inhalt dieser Gedanken kann sehr verschieden sein: Ein Teil der Flugphobiker fürchtet sich vor dem Absturz ("Hoffentlich stürzen wir nicht ab"), ein anderer Teil macht sich zwar keine Sorgen um das Abstürzen, dafür aber umso mehr wegen der Besonderheit, das Flugzeug während der Flugzeit von mehreren Stunden nicht verlassen zu können ("Hoffentlich komme ich bald wieder raus"). Wieder andere fürchten sich vor der Enge und machen sich sorgenvolle Gedanken, sie könnten ihre Selbstkontrolle verlieren und vor den anderen Passagieren eine lächerliche Figur machen ("Hoffentlich merken die nichts"). Es gibt also nicht den Flugphobiker an sich, sondern eine Vielzahl unterschiedlichster Persönlichkeiten mit ganz verschiedenen phobischen Denkmustern, die den Nährboden für die Flugangst liefern.

Flugangst ist deshalb kein isoliertes Problem, sondern sie ist eingebettet in eine individuelle Lerngeschichte: wie Betroffene umzugehen gelernt haben mit Lebensrisiken (Gefahr, Verlust, Tod), mit Stress und belastenden Bedingungen, mit unbekannten oder überraschenden Situationen, mit den Reaktionen ihres vegetativen Nervensystems, mit der Bewertung durch andere Menschen usw. Viele Menschen können ihre Schwierigkeiten im "normalen" Alltag meist gut kaschieren. Diese Kompensation gelingt beim Fliegen nicht mehr in gewohnter Weise, weil die maßgeblichen Merkmale der Situation (Enge, Zeitdauer, Kontrollverlust) sehr viel extremer sind und deutlich weniger Möglichkeiten bestehen, die Schwierigkeiten zu kaschieren. Es kommt zur Dekompensation, zum Beispiel zu einen Panikanfall.

Auch Sie, lieber Sigmund, lassen erkennen, dass Ihre Flugangst nicht vom Himmel fiel, sondern "nach einem stressigen Tag" aufgetreten ist. Ihnen ist "schlecht geworden", schreiben Sie. Sie haben das Fliegen in der Folge als eine sehr unangenehme Erfahrung zu vermeiden begonnen.

Stellen Sie sich vor, Ihnen wäre nicht im Flugzeug "schlecht geworden", sondern in einer Vorstandssitzung, im Auto beim Überholen mit 180 auf der Autobahn, bei einem Vortrag oder auch einfach nur in der Firmenkantine - der Belustigung oder dem Befremden Ihrer Kollegen preisgegeben. Hätten Sie dann möglicherweise nicht ebenso reagiert, wäre Ihnen dann nicht ebenso der Gedanke gekommen, "Hoffentlich passiert das nicht wieder"? Sie bemerken, wohin ich Ihre Aufmerksamkeit führen möchte: Ist der Ausbruch Ihrer Angst als Flugangst nicht eher zufällig? Ist die Flugangst nicht vielmehr austauschbar, weil Ihre phobische Reaktion weniger mit dem Fliegen an sich zu tun hat als beispielsweise mit Ihrer Angst vor Versagen, Blamage oder auch schlicht das Ergebnis Ihres Erschreckens über die körperliche Reaktion auf eine langdauernde Überforderung (Stress, Burnout) ist?

Lesen Sie weiter im Teil 2, wie Flugangst am besten behandelt werden kann.

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