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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Nach Freiheit, täglicher Autoerotik und verlorener Liebe: Klonen wird Sexleben und Gesellschaft radikal verändern

London/Frankfurt/Main/Karlsruhe (05.10.2000) - Hatte eine Frau als überzeugter Single einen Kinderwunsch, so war dieser mit ein paar Umständen durchaus erfüllbar. Auch ein lesbisches Paar konnte sich vergleichsweise einfach einen Mann "ausleihen". Für alleinstehende oder gar schwule Männer hingegen war das Ziel, eigene Kinder zu haben, fast unerreichbar. Nun erwarten Wissenschaftler von den Möglichkeiten der Gentechnik einen beispiellosen Umbruch in der menschlichen Sexualität.

Ein Kind mit zwei leiblichen Vätern, aber ohne Mutter - das hält ein britischer Forscher inzwischen für denkbar. Calum MacKellar, Dozent für Bioethik und Biochemie an der Universität Edinburgh, glaubt, dass sich dadurch neue Perspektiven für homosexuelle Paare ergeben. Ob das Verfahren jemals funktioniert ist jedoch äußerst umstritten. Zwar bräuchten die Männer nach Auskunft von MacKellar noch immer eine Leihmutter, aber das Erbgut des Kindes wäre nach dem ihm vorschwebenden Verfahren ausschließlich von ihnen. "Es ist theoretisch möglich", versicherte der Wissenschaftler am 26.09.2000 in der "Daily Mail".

Man müsse dafür eine ähnliche Methode verwenden wie beim Klonen des Schafes Dolly. Die Eizelle einer Frau würde ausgehöhlt und dann mit dem Zellkern einer Spermienzelle von einem der beiden homosexuellen Partner versehen. Diese neue Eizelle mit ausschließlich männlicher DNA würde dann im Reagenzglas mit dem Sperma des anderen Mannes künstlich befruchtet. Anschließend würde der Embryo einer Leihmutter eingepflanzt.

"Die Idee ist jenseits von Gut und Böse, da sie jeglicher sachlichen Basis entbehrt", sagte der Humangenetiker, Prof. Claus Bartram, von der Universität Heidelberg nach Angaben der Zeitung "Die Welt" am selben Tag. Es gebe keine Tierversuche, bei denen dies verwirklicht werden konnte. "Damit sich ein Embryo gesund entwickeln kann, braucht er väterliche wie auch mütterliche Gene." Jack Scarisbrick, Vorsitzender einer Organisation britischer Abtreibungsgegner, sagte dazu: "Das ist eine furchtbare Manipulation menschlichen Lebens." Der Bioethiker Patrick Dixon warnte, die Gefahr von Missbildungen bei der Methode sei sehr groß. Erfreut zeigte sich hingegen ein Sprecher des Schwulenverbandes "Outrage": "Die Gebete schwuler Paare, die Kinder wollen, scheinen erhört worden zu sein."

Nach der großen Freiheit, der täglichen Auto-Erotik und der verlorenen Liebe werde die Menschheit sich bald durch "Klonen" ohne jegliche Geschlechtlichkeit fortpflanzen können, prophezeite auch Prof. Volkmar Sigusch, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS). Das sei, so Sigusch, "ein Einschnitt, der nur zu vergleichen ist mit dem Wissen, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt". Die Fachgesellschaft, der heute 250 Wissenschaftler angehören, ist die älteste und größte Forschungsgemeinschaft auf diesem Gebiet in Deutschland. Bei ihrer Jubiläums-Tagung zum 50-jährigen Bestehen am Wochenende blicken die Wissenschaftler in Frankfurt auf "Vergangenheit und Gegenwart der Sexualforschung" (6. bis 8. Oktober).

"Eigentlich ist Sexualforschung etwas Unmögliches", sagt Sigusch, der als Direktor dem Frankfurter Instituts für Sexualwissenschaft vorsteht: "Man verbindet da rationale Wissenschaft mit etwas Irrationalem." Dennoch sei die "Theorie der Sexualität" ein spannendendes Arbeitsgebiet für Wissenschaftler, findet der 60-jährige, der in Deutschland als einer der Pioniere der Sexualmedizin gilt. In einem groß angelegten Forschungsprojekt will sein Institut als nächstes herausfinden, was Paare verbindet, die über Jahrzehnte hinweg ein erfülltes Sexualleben haben. Seine Theorie: "Sie verbindet eine kleine Perversion."

Die Themenpalette moderner Sexualforschung ist breit: Die Forscher beobachten, wie eine Pubertät verläuft und wie die Geschlechterrollen sich verändern. Sie erforschen, was Männer ins Bordell treibt und wie sexuelle Abhängigkeiten entsteht. Sie forschen, wie "Viagra" wirkt und wie sich ein weiblicher Orgasmus von einem männlichen unterscheidet. Sie beschäftigen sich mit gleichgeschlechtlicher Liebe, Intersexualität ("Zwitter") und Transsexualität. In den letzten Jahren rückten neue Themen in den Mittelpunkt des Interesses wie sexueller Missbrauch oder Sex-Sucht.

Ein Schwerpunkt der Gesellschaft ist die Ausbildung von Ärzten, Psychologen und Therapeuten, die sich mit der Behandlung von sexuellen Störungen beschäftigen. Erfolglos war die Gesellschaft bisher in dem Bemühen, die Zusatzqualifikation als Sexualtherapeut oder Sexualberater von der Bundesärztekammer anerkennen zu lassen und damit abrechnungsfähig zu machen. Ein fürwahr erregender Gedanke: Nach der Potenzpille "Viagra" auf Kassenkosten nun zum sexualtherapeutischen Höhepunkt mit dem Hausbesuch des Sexualberaters auf Chipkarte?

An der sexuellen Befreiung der letzten Jahrzehnte findet Sigusch hauptsächlich positive Seiten. Die heutige "Vielfalt der Beziehungsmöglichkeiten" sei für die meisten Menschen eher befreiend, glaubt er. Man könne als Single oder als Ehepaar, als unverheiratetes oder als gleichgeschlechtliches Paar leben. Bisexuelle und Dreiecksverhältnisse seien gesellschaftlich ebenso toleriert wie sexuelle Enthaltsamkeit. Allerdings sei der dadurch entstehende "Entscheidungsdruck" bisweilen auch belastend.

Der DGfS gehören nicht nur Mediziner an, sondern auch Psychologen, Therapeuten, Soziologen, Historiker, Theologen, Ethnologen und Juristen. Als Sachverständige sind die Sexualforscher auch Ansprechpartner für die Politik. Ihre Gutachten und Stellungnahmen haben immer wieder die Gesetze von Bund und Ländern beeinflusst. So war die DGfS maßgeblich dafür verantwortlich, dass Transsexuelle seit den 80er Jahren ihr Geschlecht wechseln und ihren Namen ändern dürfen.

Vor Inkrafttreten des "Gesetzes zur Bekämpfung von Sexualdelikten" warnte die DGfS zum Beispiel davor, "gesetzliche Regelungen auf seltene Extremfälle hin zu formulieren". Darüber, ob sexuelle Abnormitäten zugenommen hätten, wollen die Sexualforscher keine Aussage machen. "Es ist gut möglich, dass sexueller Missbrauch oder Perversionen heute nur mehr wahrgenommen werden" sagt Sigusch. Die Diskussion über sexuelle Gewalt habe jedenfalls "einen deutlichen Schatten auf das erotische Geschehen" geworfen.

"Erotik verhält sich zur Sexualität wie Gewinn zu Verlust", schrieb der österreichische Publizist Karl Kraus. Ob das Klonen als nackter Sex zweier DNA-Stränge im Reagenzglas je die erotische Faszination einer naturbelassenen Vereinigung erreicht, sei dahingestellt. "Diese Pille ist ein Erotikkiller. Sie verstärkt nicht die Sexualität, sondern verschüttet sie", schimpfte schon die deutsche Publizistin Alice Schwarzer. Dem hält der deutsche Sexualwissenschaftler Norbert Leygraf - auch mit Blick auf den Umgang mit sexueller Gewalt - entgegen: Sogar "Kastration ... bringt nicht viel. Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, daß Sexualität im Kopf stattfindet. Das Gehirn ist das größte Sexualorgan."

Der französische Philosoph Michel Houellebecq, dessen Roman "Elementarteilchen" vor zwei Jahren in Frankreich eine Kontroverse ausgelöst hatte, ist sicher, dass das Klonen kommen wird - schon deshalb, weil der Mensch sich reproduzieren will, um dem Tod zu entgehen. Als beunruhigend empfindet Houellebecq, wie er in einer Diskussion zur "Konstruktion des Humanen" im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) am 03.05.2000 sagte, das Vordringen der genetischen Produktion in die private Sphäre: "Denn die Familie ist so etwas wie die Lehrwerkstatt der Gesellschaft."

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 05. Oktober 2000]

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