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Psychotherapie
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"Singles leiden an fehlender Selbstliebe" - Neue Erkenntnisse aus der psychotherapeutischen SeelendeuterwerkstattKöln/Stuttgart/London (03.10.2000) - Und wieder hat psychotherapeutischer Tiefsinn eine hochbedeutsame Ursache für das Unglück vieler einsamer Herzen ausgegraben - eine neue Quelle massenhafter depressiver Verstimmungen, bodenloser Sinnleere und unerschöpflicher psychosomatischer Beschwerden: Die Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie (GwG) ließ in einer von den Medien gern aufgesogenen Pressemitteilung verlauten, Singles litten nach einer bundesweiten Studie oft an "fehlender Selbstliebe".Anlass zu der Untersuchung habe die zunehmende Anzahl von Singles gegeben, die ihre Lebenssituation mit Hilfe von Psychotherapie und Beratung verändern wollten. In den psychotherapeutischen Praxen zeige das Bild der fröhlichen Single-Gesellschaft seine nüchterne Kehrseite, erklärten die Gesprächspsychotherapeuten, denen offenbar entgangen ist, dass die Single-Gesellschaft sich auch außerhalb der psychotherapeutischen Praxen schon lange nicht mehr als "fröhlich" darstellt. Die fehlende Selbstliebe, so heißt es in der Erklärung weiter, behindere stets auch die Liebe zu anderen Menschen und führe zu Krankheiten. Nach der Studie leide ein Großteil der untersuchten Singles im Alter zwischen 25 und 45 Jahren an mangelndem Selbstwertgefühl und oft damit einhergehenden depressiven Verstimmungen und psychosomatischen Erkrankungen. Eine Beschreibung, die so gewiss auch für einen großen Teil der Psychotherapeuten landauf und landab gilt. Sie arbeiten bei Kassenversicherten für grotesk niedrige Stundenhonorare, produzieren deshalb lächerliche Petitionen voller Selbstmitleid und sind oft selbst die Karikatur eines aggressionsgehemmten und ängstlich-depressiven Menschentyps voller psychosomatischer und familiärer Probleme. So "ist es in der Psychoszene ein offenes Geheimnis, dass die hilflosen Helfer tatsächlich in einem hohen Maß an vielen der 'Verrücktheiten' leiden, die sie bei ihren Patienten kurieren wollen", hält der Wissenschaftsjournalist Rolf Degen ("Lexikon der Psycho-Irrtümer", Seite 56) den Psychotherapeuten vor. Vor allem fehlende Zukunftsvisionen und sexuelle Probleme machten Singles zunehmend zu schaffen, erklärte die Gesprächspsychotherapie-Gesellschaft. Dabei fehlt den Psychotherapeuten eine Zukunftsvision zumeist noch augenfälliger als ihren Single-Klienten und "das sexuelle Verhalten einer Gesellschaft ist das Ergebnis politischer Entscheidungen, nicht umgekehrt", wie bereits der amerikanische Schriftsteller Gore Vidal feststellte ("Das ist nicht Amerika", Knaus-Verlag München). Trotz der Bezeichnung "wissenschaftlich" im GwG-Gesellschaftsnamen ist die Gesprächspsychotherapie als psychotherapeutisches Verfahren (bzw. psychotherapeutische "Schule") nicht einmal bei den Krankenkassen anerkannt. - Logischerweise, denn eine "klientenzentrierte" positive Zuwendung ("Ja, ja", "ja, natürlich", "ja, wie schön"), kann sich jeder billiger und ehrlicher bei einer Freundin oder einem Freund "abholen". Ganz folgerichtig moniert Degen im "Lexikon der Psychoirrtümer": "Psychotherapeuten sind nach dem überwältigenden Tenor der Forschungsliteratur nichts anderes als 'gekaufte Freunde'. Das ist", bemerkt Degen, "natürlich eine Bankrotterklärung für die Psychotherapie: Wenn man seinen Chirurgen oder den Elektriker durch einen guten Freund ersetzen würde, müsste man mit einem furchtbaren Ergebnis rechnen. Wenn man den Psychotherapeuten durch einen guten Freund ersetzt, hat man am Ende noch Geld und Leid gespart" (ebd., Seite 46f.). Obwohl es tatsächlich auch - wenige - wirksame Psychotherapien und effektive Psychotherapeuten gibt, ist es nur zu verständlich, wenn das Mäntelchen der psychotherapeutischen Gleichmacherei eine solche vernichtende Kritik provoziert. Die kanadische Psychologin Tana Dineen verweist auf das Interesse vieler Psychotherapeuten, den grundlegenden Irrtum vom Allheilmittel Psychotherapie als "Schlangenöl der 90-er Jahre" profitabel zu vermarkten: "Hinter der menschenfreundlichen Fassade verbirgt sich eine unersättliche und selbstsüchtige Industrie, die mit 'Tatsachen' hausieren geht, die meist unbegründet sind, die eine 'Therapie' verabreicht, die viel Schaden anrichtet, und die zerstörerische Wirkungen auf den sozialen Zusammenhalt hat. Das Fundament der modernen Psychologie, das kritische Denken, wurde längst aufgegeben und weitgehend durch die Gier nach Profit und Macht ersetzt" ("Manufacturing Victims". London: Constable Press, 1999). "Wenn Singles in einem oft komplizierten Prozess erfahren, wie sie liebenswert sind und sich selbst akzeptieren können", sagen die GwG-Psychotherapeuten, "ist das oft der Anfang eines selbsterfüllten Lebens." Sind es nicht vielmehr die Rahmenbedingungen einer kälter und härter werdenden Gesellschaft, die das uralte und bewährte Naturalien-Tauschgeschäft wechselseitiger Freundlichkeit, menschlicher Wärme und emotionaler Geborgenheit demontieren? Und profitieren Psychotherapeuten nicht bloß vom Bedürfnis nach Gesprächsersatz, ohne den Hilfesuchenden zumeist wirklich zu helfen, krankmachende Bedingungen zu erkennen oder gar zu verändern? Wenn Psychotherapie darin besteht, einem Klienten für ein anständiges Honorar lediglich zu bestätigen, er sei ein liebenswerter Mensch, dann sollte die moderne Gesellschaft Psychotherapie ehrlicherweise als eine Art mentaler Prostitution akzeptieren, derer ihre vereinsamten Mitglieder offenbar bedürfen. Ein verhaltenstherapeutischer Ausbilder schilderte einmal vor lachendem Auditorium, er habe nach seiner anfänglichen Ausbildung in Gesprächspsychotherapie "Jahre gebraucht, um das positiv verstärkende Brummen wieder abzulegen", mit dem er alle Ausführungen der Klienten zu quittieren gelernt hatte. Die Frage stellt sich, ob Singles ihre Lebenssituation annehmen und möglicherweise besser genießen und befriedigende Beziehungen aufbauen können, wenn ihnen in derlei psychotherapeutischen Settings nicht suggeriert würde, dass dies nur "in einem oft komplizierten Prozess" ginge. "Das Warten auf ein Wunder reicht nicht", bemerkte GwG-Bundesgeschäftsführer Hentze immerhin zutreffend. Das Single-Dasein ist aber längst nicht immer Ausdruck persönlicher Probleme, sondern – auch das zeige die Untersuchung – in Einzelfällen eine befriedigende Lebensform, zu der sich Menschen ganz bewusst entschieden haben. Dazu passt, dass in psychotherapeutische Praxen auch Singles kommen, die ihre Freiheit ganz besonders schätzen. Diese Singles genießen es, sich nicht festlegen und in Alltagsfragen abstimmen zu müssen. Viele empfinden auch die materielle Unabhängigkeit als angenehm. Sie bräuchten häufig Bestätigung dafür, dass ihre Lebensform nicht weniger akzeptabel sei als andere. Die Psychotherapeuten unterstützen bei diesen Klienten daher auch die Einstellung: "Ich kann mir selbst genügen, und bei Bedarf suche ich mir jemanden", heißt es bei der GwG weiter. Was freilich schon der österreichische Publizist Karl Kraus (1874-1936) schrieb: "Eine Frau ist hin und wieder ein ganz praktischer Ersatz fürs Masturbieren". Diese Feststellung gilt umgekehrt natürlich auch für die zunehmende Zahl emanzipierter Frauen, die sich je nach Bedarf und Appetit einen Beischläfer suchen. Bei den Singles, die ihre Lebenssituation unbefriedigend finden, werde die "fehlende Selbstliebe" laut GwG von den statistischen Daten der Untersuchung folgendermaßen untermauert: "Ein Großteil der untersuchten Singles im Alter von 25 bis 45 leidet an mangelndem Selbstwertgefühl und oft damit einhergehenden depressiven Verstimmungen und psychosomatischen Erkrankungen." Deutlich überwiege die Anzahl der Singles, die ihre Lebenssituation lediglich als Übergangsform in eine neue Partnerschaft sehen. Nur wenige hätten die Lebensform tatsächlich "selbst gewählt". Beim unfreiwilligen Single-Dasein spiele die "Bindungsunfähigkeit" eine große Rolle. Mit dieser Aussage korrespondieren nach GwG-Ansicht auch zwei andere Ergebnisse der Untersuchung: Oft hätten Singles Schwierigkeiten mit Freunden und unerfüllbar hohe Ansprüche an mögliche Partner. Verhaltensweisen wie "mangelnde Einfühlsamkeit und Kompromissbereitschaft und Ich-Bezogenheit gehören in diesen Zusammenhang", heißt es bei der GwG. Singles hätten oft Schwierigkeiten, sich mitzuteilen, zuzuhören, Andersartigkeit zu tolerieren und Verantwortung zu übernehmen. Oft würden diese Eigenschaften nicht erkannt, sondern mit Sucht oder übermäßigem Konsum kompensiert. Die Freizeitgestaltung sei ein besonders heikles Thema. Singles fühlten sich oft einsam, insbesondere an Wochenenden, Feiertagen, nach der Arbeit und auf Partys. Ganz besonders fürchteten Singles die bevorstehende Weihnachtszeit. Die Sehnsucht nach einer festen Beziehung stehe bei den Wünschen an oberster Stelle, gefolgt von "sicheren sozialen Beziehungen". Selten benannt werde der ausdrückliche Wunsch nach Ehe und Kindern. Singles, die ihre Situation verändern wollten, sollten eigene Ziele definieren und in Vereinen oder Bildungseinrichtungen bewusst soziale Kontakte suchen. Weiter heißt es bei der GwG: "Und was unternehmen Singles, wenn sie ihre Situation verändern wollen? Hier stehen Kontaktanzeigen und Partnersuche im Internet vornan, gefolgt von Disco- und Kneipenbesuchen. Viele Singles bleiben aber ganz einfach passiv und warten auf das Wunder." Die GwG zitiert hierzu Aussagen von Betroffenen: "Ich breite meterweise rote Teppiche aus, aber niemand kommt auf mich zu" (Single, 50). Andere Aussagen bringen die Situation unfreiwilliger Singles auf den Punkt: "Das beste am Single-Dasein ist, wenn es wieder vorüber ist" (ohne Angabe). "Die, die ich will, die wollen mich nicht; die, die mich wollen, die will ich nicht ." (Mann, 44). "Ein Partner nervt mich nach kurzer Zeit." (Frau, 35). "Aus der Untersuchung lassen sich - vereinfacht zusammengefasst - folgende Tipps für Singles zusammenstellen", heißt es in der GwG-Pressemitteilung: "Singles, die ihre Situation verändern wollen, sollten selbst oder mit professioneller Hilfe lernen", empfiehlt die GwG: "1. Die Situation und sich selbst akzeptieren. 2. Eigene Ziele definieren. 3. Sich nicht selbst zur Einsamkeit verurteilen. 4 Bewusst soziale Kontakte suchen (Vereine, Bildungseinrichtungen, Selbsthilfegruppen....). 5. Freizeit, insbesondere die Feiertage, gut organisieren. 6. Themen wie Selbstwertgefühl und Selbstliebe aktiv bearbeiten." Alles erschöpfend klar? Leser, die von diesen platten Ergebnissen "einer bundesweiten Untersuchung in psychotherapeutischen Praxen, die die Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie (GwG) zum Thema Single durchgeführt hat", noch nicht erdrückt worden sind, stolpern spätestens über die Logik-Bruchstelle, "ihre Situation verändern [zu] wollen" und "die Situation ... akzeptieren" zu sollen. Solchermaßen in höchste Verwirrung gestürzt, ratlos an sich selbst zweifelnd und verunsichert durch allerlei Psycho-Vokabular von "Bindungsunfähigkeit" bis "Ich-Bezogenheit" leuchtet den Liebe-Suchenden wie Morgenröte klar die eine Botschaft nur: Sofort zum Psychotherapeuten. Wenn die Selbstliebe freilich auch nach vielen Besuchen bei "bezahlten Freunden" nicht so recht aufkommen will, soll nun ein Griff in die psychobiologische Trickkiste mit einem etwas anderen "Blind Date" den Verzweifelten einen Weg aus der Einsamkeit weisen: Eine englische Partnervermittlung geht neue Wege und offeriert einsamen Singles für das erste Tete-a-Tete eine gemeinsame Achterbahnfahrt. Liebe geht hier etwas anders durch den Magen, erklärt Kate Corbett vom Club Sirius: "Je öfter Sie mit der Achterbahn fahren, desto mehr Adrenalin produzieren Sie, und das macht Sie sexy." Der Psychiater Glenn Wilson bestätigt das Konzept: Wenn man fürchterlich erschreckt wird, und sich dann in den Armen eines attraktiven Menschen wiederfindet, interpretiert man die eigene Erregung als romantische Leidenschaft. Für peinliche Anstandsfragen ("Kommen Sie öfters her?" oder "Was machen Sie beruflich?") bleibt dabei keine Zeit. Denn dann übernehmen die Hormone die Herrschaft und der Verstand setzt aus - wenn er nicht bereits vorher ausgeschalten war. [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 03. Oktober 2000] Buchtipp - und hier können Sie bestellen... Buchtipp - und hier können Sie bestellen... Zum Thema
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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