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Erotik, Sex und Ehe in der Freiheit - Wie die politische Vereinigung bei jungen Ostdeutschen die sexuelle Vereinigung veränderteBerlin/Leipzig (03.10.2000) - Vor zehn Jahren, so empfanden es damals viele, ging in Ostdeutschland die Sonne auf. Auch mit Dildo, Sex und Video. Inzwischen lassen sich die ostdeutschen Jugendlichen nach Untersuchungen des Leipziger Sexualforschers Kurt Starke länger Zeit bis zum ersten Geschlechtsverkehr. Vor allem die jungen Männer hätten im Vergleich zur Vor-Wendezeit mit durchschnittlich 17 Jahren rund ein halbes Jahr später ihren ersten Sex, teilte Spiegel Online am Montag mit. Als Grund gab Starke an, dass für die Jugendlichen Sex an eine feste Beziehung geknüpft sei. Dies sei zu DDR-Zeiten zwar nicht anders gewesen, aber inzwischen würden sich die jungen Leute nicht mehr so schnell binden.Denn die Einheit hat die große Freiheit des Westens auch beim Sex gebracht: Jasmin, so berichtet die Berliner "BZ" hat einen Freund: "Er heißt 'Honey Pet', ist himmelblau, 18 Zentimeter lang, misst im Durchmesser 3,5 cm." Ihr heimlicher Freund "Honey Pet", so weiß das Blatt weiter, "ist ihr Vibrator. ... Ihr erstes Rendezvous mit dem Plastik-Liebhaber fand an einem heißen Samstag Nachmittag statt. Obwohl Jasmin ganz allein war in ihrer Dachgeschosswohnung, schloss sie sich in ihrem Schlafzimmer ein. Noch ein Schluck Wein für den Mut, dann nahm sie das Gerät in die Hand", fährt die "BZ" in ihrer Schilderung fort. "'Vorsichtig drückte ich ihn an mich und fühlte ein angenehmes Prickeln, so, als wenn eine Hand mich zärtlich streichelt.' Lange kostete sie das erregende Spiel aus, so lange, bis das Verlangen nach dem erlösenden Höhepunkt übermächtig wurde. 'Heiße Fantasien überfluteten mich. Ich sah den Mann meiner Träume vor mir, fühlte seinen Körper an meinem, spürte seine Kraft in mir. Den leise summenden Vibrator hatte ich völlig vergessen.' Als sie mit einem leisen Schrei auftauchte aus ihren Fantasien, ließ sie sich wohlig und zufrieden zurückfallen." Hätten 1989 rund 65 Prozent der Mädchen und Jungen mit 16 Jahren eine feste Beziehung gehabt, sei dies inzwischen nur noch bei 45 Prozent der Mädchen und bei 25 Prozent der Jungen der Fall, sagt Sexualforscher Starke. Die Jugendlichen wollten sich nicht mehr so früh festlegen, weil sie den Druck des Arbeitsmarktes mit seinen Anforderungen an Mobilität im Einzelnen spürten. "Entscheidend ist die Arbeitssituation, die oft Unsicherheit für den eigenen Lebensentwurf und damit auch für eine Partnerschaft bedeutet", sagt er. Wenn die sexuelle Vereinigung dann jedoch startet, gehen durchaus orgiastische Wellen durch den deutschen Osten. Im Prenzlauer Berg, einem der abwechslungsreichsten Ost-Berliner Bezirke, wo die Vergangenheit die Gegenwart trifft und die politische Vereinigung von der intellektuellen Hefe in der DDR vorangetrieben worden ist, finden sich laut Auskunft der "BZ" die meisten sexuellen Höhepunkte: "95 Prozent aller Bewohner bekannten sich zum Spontansex, immerhin 85 Prozent sagten, dass Sex ihnen ein wichtiger Bestandteil des Lebens ist. Wenn man dann noch erfährt, dass nirgendwo sonst so viele Menschen zwei- bis dreimal pro Woche miteinander schlafen - genau gesagt 52 Prozent - und jeder Zehnte 'es' mindestens täglich braucht, wird eines klar: Warum in Prenzlauer Berg die Mieten steigen und Neuberliner am liebsten rund um den Kollwitzplatz wohnen." Auch in Sachen Ehe gibt es Veränderungen. Vorbei sind die Zeiten als in der DDR noch wegen eines zinslosen Ehekredits oder der Zuteilung einer Wohnung geheiratet wurde. Vor allem Frauen heirateten wesentlich später als vor 1990, so der Sexualforscher. Vor der deutschen Einheit habe ihr durchschnittliches Heiratsalter noch bei 27 Jahren gelegen, im vergangenen Jahr aber bereits bei 31 Jahren. Mit der Wende kamen nach Starkes Worten zudem im Osten neue Partnerschaftsformen wie Wochenendbeziehungen oder so genannte Patchworkfamilien mit Kindern aus früheren Ehen hinzu. Eine Beziehung bedeutet den Angaben zufolge jedoch nicht mehr unbedingt auch Nachwuchs. Hätten sich 1989 nur ein Prozent der Jugendlichen in Ostdeutschland kein Kind gewünscht, seien dies inzwischen 14 Prozent. Zwar gebe es nach wie vor die Sehnsucht nach einem Kind, aber die werde nicht mehr als verwirklichbar angesehen, resümiert Starke. Die große Freiheit und der gnadenlose Druck des Arbeitsmarktes gehen Hand in Hand - kinderlos in die Abendsonne. [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 03. Oktober 2000] Zum Thema
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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