|
|||||||||||||||||||
|
|
|
||||||||||||||||||
|
Psychotherapie
exklusiv |
|||||||||||||||||||
|
Beziehungen auf Distanz - Trotz räumlicher Trennung lässt sich große emotionale Nähe lebenLeipzig/Stuttgart/Berlin (30.08.2000) - Liebe ist nicht planbar. Das sagt schon ein altes Sprichwort - wo die Liebe hinfällt. "Eigentlich habe ich nur jemanden zum Tanzen gesucht", erinnert sich Karin Sommerer an die erste Begegnung mit ihrem Freund Johan vor zwei Jahren. "Da habe ich den gefragt, der gerade neben mir stand", so die Leipzigerin. Und mit diesem Herrn ist sie heute noch zusammen. So wie Karin Sommerer und Johan van Beek lernen sich viele Paare kennen. Dennoch läuft bei den beiden alles etwas anders: Sie wohnen mehrere hundert Kilometer voneinander entfernt.Der 38-jährige Johan van Beek ist Journalist und lebt in der niederländischen Stadt Soest. Die 24-jährige Karin studiert an der Universität Leipzig. Unter der Woche trennen das Paar sechseinhalb Stunden Zugfahrt. An jedem zweiten Wochenende sehen sich die beiden. Die Mobilität hat Spuren in Karins Leben hinterlassen. Für Freunde und Familie hat sie kaum noch Zeit. "Es würde mich ja auch wundern, wenn du ausnahmsweise in Leipzig wärst", bekommt Karin oft zu hören, wenn sie wieder einmal eine Einladung ausschlagen muss. Aber die meisten Freunde können verstehen, dass ihr die Treffen mit Johan wichtiger sind. "Man braucht großes Organisationstalent", sagt Dirk Overbeck. Eine Distanzbeziehung zu führen, sei wie an zwei Orten gleichzeitig zu leben. Der 28-jährige ist Referendar an einer Berufsschule in Bochum. Seine 23 Jahre alte Freundin Julia macht eine Ausbildung zur Hebamme an der Universitätsklinik Göttingen. "Wenn freitags um 13 Uhr die Schule aus ist, mache ich mich direkt zum Bahnhof auf", sagt Dirk. Um keine Zeit zu verlieren, nimmt er seine Reisetasche schon morgens mit zur Arbeit. "Ich muss das Wochenende schon am Donnerstag planen. Auch die Unterrichtsvorbereitung für Montag erledige ich vor der Abreise." Diese Probleme kennt auch Karin gut: "Das Studentenleben ist vorbei, seitdem ich mit Johan zusammen bin." Die Arbeit für das Studium erledigt sie in der Woche, um von Freitag Nachmittag bis Sonntag ganz für ihren Liebsten da zu sein. In Distanzbeziehungen ist vor allem Zeit ein wertvolles Gut. Deshalb hat sie schon so manche Nacht vor dem Computer verbracht. "Wenn sich zwei Menschen binden, die nicht in der selben Stadt wohnen, wissen sie, dass die Beziehung sehr anstrengend wird", erklärt der Berliner Diplom-Psychologe Caspar Mülhens. "Das klappt nur, wenn die Tauschgeschäfte in der Partnerschaft funktionieren." Denn eine Beziehung könne nur erfolgreich sein, wenn beide Partner gleich viel geben und nehmen. Die getauschten Waren seien dabei Liebe, Aufmerksamkeit und Sex. "Liebe ist der Wunsch, etwas zu geben, nicht zu erhalten", schrieb Bertolt Brecht (1898-1956). Doch braucht dauerhafte Liebe stets "ausgeglichene Konten". In einer Partnerschaft werden immer wieder Soll und Haben verrechnet. Nicht immer müsse dies den Partnern tatsächlich bewusst sein, aber gefühlsmäßig spürten sie sehr wohl, ob die Bilanz stimme. "In einer Distanzbeziehung ist das Bewusstsein für den Ausgleich der emotionalen und sexuellen Konten eher ausgeprägter", beobachtet Dietmar G. Luchmann, Diplom-Psychologe und Psychotherapeut in Stuttgart. Denn wer dauernd zu wenig bekomme, suche sich irgendwann einen großzügigeren Partner. Die Formel für das persönliche Glück laute daher: Jeder gibt dem anderen etwas mehr zurück, als er selbst bekommt. Das kurbele den Austausch von Liebesbeweisen an. Als wichtigste Säule in jeder Beziehung betrachtet Paartherapeut Luchmann den Sex. Auch hier zähle die Dynamik von Geben und Nehmen, denn wo die Erotik keine Rolle mehr spiele, verkümmere die Liebe. Für Beziehungen über große Distanzen könne das ein Problem werden, zumal die moderne Gesellschaft in besonderem Maße Mobilität fordere. "Große räumliche Distanzen brauchen heute kein Hindernis für große emotionale und sexuelle Nähe zu sein. Mit Kreativität lassen sich für viele Bedürfnisse Lösungen finden", meint Luchmann. Er habe Paare, bei denen berufsbedingt ein Partner in Deutschland und der andere auf einem anderen Kontinent lebe. "Als ein Paar uns fragte, ob sie ihrer Distanzbeziehung einen möglichen Seitensprung vor Ort zumuten könnten, haben wir sie ermuntert", sagt Luchmann, "zunächst die Möglichkeiten auszuschöpfen, ihr Bedürfnis nach sexueller Befriedigung miteinander auszuleben." Die modernen Kommunikationsmittel ermöglichten auch beim Sex eine Intimität und Nähe zu erreichen, die über das hinaus gehe, was in vielen Schlafzimmern praktiziert werde. "Nachdem das Paar seine Hemmungen vor dem gemeinsamen 'Telefonsex' überwunden hatte, war es überrascht, wie intensiv ein solcher Akt sein kann", berichtet der Stuttgarter Psychotherapeut: "Das Erfordernis, die eigenen Gefühle, Wahrnehmungen und Wünsche ebenso wie das eigene Tun bei der wechselseitigen Selbstbefriedigung präzis zu beschreiben, verlieh dem Geschehen eine ganz neue Qualität. Viele Paare, die sich täglich miteinander ins Bett legen können, haben nicht gelernt, so offen miteinander zu sprechen." Karin und Johan versuchen alles, um wenigstens einen Teil ihres Lebens gemeinsam zu führen. "Wenn die Verpflichtungen in Leipzig wegfallen, bin ich sofort weg", sagt die Studentin, die ihre Semesterferien bei Johan in Soest verbringt. Wenn das Wintersemester beginnt, nimmt ihr Freund vier Monate unbezahlten Urlaub, um in der sächsischen Stadt zu leben. Das ist dann seine Gegenleistung zum Auslandssemester, das Karin vor einem Jahr in Holland verbracht hat. "Wenn beide Partner sich auf einen solchen Tauschhandel einstellen, ist die Beziehung im Gleichgewicht", sagt Mülhens. Um diese Balance zu finden, rät der Psychologe, klare Verabredungen zu treffen: "Man muss Verträge schließen. Das ist schwer, weil es bedeutet, die romantische Beziehung in rationale Bahnen zu lenken." Aber je besser das gelinge, desto ausgeglichener sei die Partnerschaft. "Eine Verabredung absagen zu müssen, übt auf eine Distanzbeziehung den größten Druck aus", sagt Dirk. "Julia und ich müssen unsere gemeinsame Zeit immer langfristig planen. Wenn ich ein Treffen am Wochenende nicht einhalten kann, bedeutet das ja gleich, dass wir uns zwei oder drei Wochen nicht sehen." Er könne gut verstehen, warum seine Freundin dann enttäuscht sei. Wie man mit solchen unerfüllten Erwartungen umgeht, müssen Partner in einer Distanzbeziehung lernen. Nach Ansicht der Psychologen stellen sich auf Dauer nur selbstbewusste Menschen einer solchen Aufgabe. Sie können ihre Vorstellungen von Partnerschaft besser kommunizieren und Probleme gemeinsam mit dem Partner bewältigen. Trotz aller Schwierigkeiten hat Dirk seine Beziehung noch nie in Frage gestellt. "Die gemeinsame Zeit mit Julia macht alle Anstrengungen wett", sagt er. Schließlich müsse man in jeder Beziehung Kompromisse eingehen. "Und wenn ich eine Freundin hätte, mit der ich keine Kompromisse schließen müsste, wäre ich wohl nicht sehr lange mit ihr zusammen." Auch Karin hat noch nie an ihrer Fernbeziehung gezweifelt. "Mein Leben hat durch Johan eine völlig neue Wendung bekommen. Mein Gefühl sagt mir, dass die Beziehung mit ihm etwas ganz Besonderes ist. Darauf vertraue ich." Nach dem Studium will sie zu ihrem Freund nach Holland ziehen. Die zwei Jahre, die sie bis dahin noch vor sich hat, betrachtet sie optimistisch: Nur wenn in einer Distanzbeziehung kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen sei, gehe einem irgendwann die Puste aus. [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 30. August 2000] Zum Thema
Monats-Übersicht
Psychotherapie Reports |
||||||||||||||||||
|
Impressum |
|||||||||||||||||||
|
© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
|||||||||||||||||||