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Psychotherapie
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Explosion jahreszeitlicher Gefühle: Der sommerliche Seitensprung im italienischen StrandlebenVenedig (24.08.2000) - "Das einzige Erotische am Liebesakt ist sein Schauplatz - das Schlafzimmer", schrieb einst der Cartoonist Saul Steinberg (1914-1999). Im August allerdings wird der Schauplatz erotischer Höhenflüge an die warmen Strände Italiens verlegt. Doch ohne wirkliche Gefahr für die öffentliche Tugend, denn "das schönste am Seitensprung ist der Anlauf", beschrieb der Kabarettist Karl Farkas (1893-1971) die Psychologie des Geschehens.Am vornehmsten ist das italienische Strandleben in Venedig. Wer sich vor dem "Hotel des Bains", wo Thomas Manns "Tod in Venedig" verfilmt wurde, zu Wasser lassen will, muss dafür bis zu 360 Mark am Tag hinblättern. Dafür gibt es ein cremefarbenes Zelt, geräumig genug für die Siesta, Kellner servieren ein standesgemäßes Mittagsmahl - am Lido de Venezia herrscht noch der geruhsame Luxus längst versunkener Tage. Drangvolle Enge dagegen ein paar Kilometer weiter südlich. In Cattolica in der Nähe von Rimini, errechnete die Umweltschutzgruppe Legambiente jüngst, hat der minder betuchte Sonnenanbeter gerade mal 15 Zentimeter "Sandbreite" zu verteidigen. "Schlank sein ist zur unbedingten Voraussetzung geworden", kommentiert ein Journalist bissig. Strandleben in Italien ist anders, nicht nur wegen der höheren Temperaturen als an der Nord- und Ostsee. Während Deutsche sich am Meer nach Ruhe und Abgeschiedenheit sehnen, Sandburgen zum Schutz vor dem Nachbarn auftürmen, wird es Italienern erst beim Kontakt mit ihren Mitmenschen richtig warm ums Herz. Ob Venedig oder Rimini, Costa Smeralda oder Taormina - eine "giornata al mare", ein Tag am Meer, das heißt neben Sonne und Wasser vor allem Gesellschaft: Sehen und Gesehen werden, ewiges Plaudern mit dem Nachbarn. "Ein einsamer Strand macht nur traurig", sagt eine Römerin. Niemand aus Rom, Neapel oder Mailand käme auf die Idee, allein ans Meer zu fahren. Oft ist die Großfamilie dabei - samt Großeltern, Säuglingen und Picknickkorb. Tisch und Stühle werden aufgestellt, deftige Mahlzeiten serviert. "Am Meer wird ein Leben wie zu Hause geführt", meint eine Deutsche. August am Meer, das ist ein Herzstück italienischer Lebenskultur. Den Liegestuhl ins seichte Wasser gestellt, die sanfte Flut umspült die Beine - doch das alles wäre nichts ohne "compagnia", Gesellschaft. Und dazu zählt der Blick auf braun gebrannte Bikini-Schönheiten und durchrainierte Papagalli ebenso wie der Dauerplausch mit seinesgleichen. "Eine Woche Strand an der Adria ist wie eine Woche auf dem Präsentierteller", klagt eine Deutsche am Strand von Fregene vor den Toren Roms. Nichts ist wichtiger, als "bella figura" zu machen. Wer auf sich hält, bereitet sich schon im Winter im Fitnesscenter und Solarium auf die sommerliche Körperschau vor. Denn Sommerzeit ist auch die Zeit des großen Flirtens. "La scappatella estiva", der sommerliche Seitensprung, ist italienisches Dauerthema im August. "Ob es gefällt oder nicht, erleben wir eine Art kollektiven Biorhythmus, eine Explosion jahreszeitlicher Gefühle, eine soziale Neigung zur Untreue", meinte eine römische Zeitung. Die Hitze, die leichte Kleidung, und dann noch die Freiheit vom Alltag: "Das erotische Verlangen steigt im Sommer", erklärt eine Psychologin. Es versteht sich von selbst, dass wir "den Weg der Schönheit nicht gehen können, ohne dass Eros sich zugesellt und sich zum Führer aufwirft" - so Thomas Mann (1875-1955) im "Tod in Venedig". Strandleben in Italien, das ist nicht Ruhe und Entspannung - das ist "pralles Leben": Chinesische Einwanderer bieten Massage an, afrikanische Händler gefälschte Rolexuhren. Roberto Avogadro, Bürgermeister von Alassio, hat errechnet, dass seine Strandgäste über 100 Mal täglich von Händlern angegangen werden. Als letzter Schrei werden Tätowierungen in die Haut gebrannt - natürlich schaut der Nachbar zu. Alles vollzieht sich vor den Augen des Anderen. Akribisch genau etwa halten italienische Zeitungen im August fest, welche Vips wo Urlaub machen. Ob Giorgio Armani in Sperlonga südlich von Rom ein Wochenende verbringt oder Fußballstar Francesco Totti samt Freundin baden geht, die Paparazzi sind immer dabei. "Und Du, an welchen Strand gehst Du?" hieß eine August-Titelstory des Politmagazins "Panaroma". Die Grundregel heißt: Junge Leute, die Remmidemmi wollen, gehen an die Adria, die Älteren an die Toskana, die Schönen und Reichen an die Costa Smeralda - doch allein sein will niemand. [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 24. August 2000] Zum Thema
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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