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Sexualmorde sind häufig Medium für Aggressionen und Wut - Jeder fünfte Sexualstraftäter rückfälligRom/Stuttgart/Duisburg (23.08.2000) - Italien steht derzeit unter Schock. Zwei bestialische Sexualmorde an kleinen Mädchen erschüttern das Land. Ähnlich wie in Großbritannien wird nun auch in Italien laut über die Veröffentlichung von Pädophilen-Listen und über Kastration von Kinderschändern nachgedacht. "Todesstrafe, Todesstrafe", skandiert die Menge. In Anzio südlich von Rom fielen aufgebrachte Menschen über einen mutmaßlichen Pädophilen her und wollten ihn lynchen. "Italien ist voller Wut und Empörung", brachte es ein Fernsehkommentator am gestrigen Dienstag auf den Punkt.Grauenhafter hätten die Verbrechen nicht sein können. Die vierjährige Hagere, Tochter tunesischer Einwanderer, wird bei dem Sexualmord so schrecklich zugerichtet, dass den Sicherheitskräften die Tränen in die Augen schießen. Tatort: Imperia an der italienischen Riviera. In Andria nahe Bari wird die achtjährige Graziella nach sexuellen Handlungen von ihrem Peiniger bei lebendigem Leibe verbrannt. Alles innerhalb von 48 Stunden. In beiden Fällen sollen Nachbarn die Täter gewesen sein; einer flüchtig, der andere geständig. "Sie hat mich angelächelt", sagt der geständige 18-jährige Mörder Graziellas. "Ich habe mich Dutzenden Mädchen genähert, keine hat mich angelächelt." Mit dem Versprechen, ihr kleine Hunde zu zeigen, habe er sie in den Wald gelockt. "Ich habe ihre Hände gefesselt und sie auf einen Haufen dürrer Äste gelegt. Dann habe ich das Feuerzeug genommen." Die Eltern brechen weinend über dem Sarg zusammen, die Menge schreit nach Vergeltung. Die Bitte des Bischofs um Vergebung geht unter. Imperia weint um Hagere. Die Mutter klagt die Polizei an. Sie habe ihr Kind in der Nachbarschaft schreien hören. Doch niemand habe ihr geholfen. Ein islamischer Gelehrter liest Verse aus dem Koran, Tunesier und Italiener versammeln sich zur Gebetswache. "Hagere, Du bleibst in unserem Herzen", steht auf einem Spruchband. Kinder, gerade so alt wie das ermordete Mädchen, legen Blumen nieder. Der mutmaßliche Täter, ein illegal eingereister Rumäne, ist möglicherweise schon im Großraum Nizza untergetaucht. Sondereinheiten der italienischen Polizei folgen seiner Fährte. "Wir haben es diesmal nicht mit alten Sittenstrolchen zu tun, sondern mit jungen Menschen, die skrupelloser und gefährlicher sind", sagt ein Staatsanwalt. Sprecher des rechten politischen Lagers, allen voran Duce-Enkelin Alessandra Mussolini, fordern die "chemische Kastration" und die Veröffentlichung von Pädophilen-Listen. "Das sind keine Verbrecher, sondern Kranke mit einer unheilbaren sexuellen Perversion." Justizminister Piero Fassino fordert "Bürgeranwälte für Kinder" und mehr spezialisierte Staatsanwälte und Polizisten. Die Veröffentlichung der Listen lehnt er ab: "Wir beantworten Gewalt nicht mit Gewalt." Nach offiziellen Angaben gibt es in Italien etwa 21.000 Pädophile, täglich würden zwei Kinder Opfer von sexuellem Missbrauch. Im Internet seien 50.000 einschlägige Web-Seiten entdeckt worden. Hotline-Betreiber für betroffene Jugendliche berichten von einem riesigen Zulauf. "Eine Mutter allein kann unmöglich rund um die Uhr eine Fünfjährige im Auge haben", sagte ein Psychologe im Fernsehen. "Wir alle sind gefordert, wir alle müssen die Kinder besser schützen." Sexualdelikte oft Medium für aufgestaute Aggressionen und Wut Wenige Sextäter sind Serientäter, aber jeder fünfte Sexualstraftäter wird rückfällig. Zu diesem Ergebnis kam eine 1998 erhobene repräsentative Studie der Kriminologischen Zentralstelle (KrimZ) in Wiesbaden. Dabei wurde die kriminelle Entwicklung von 750 Männern untersucht, die 1987 wegen Sexualdelikten wie Missbrauch von Kindern, Vergewaltigung, sexueller Nötigung oder Exhibitionismus verurteilt worden waren. Die Mehrzahl von ihnen war Ersttäter bei Sexualdelikten. Nach Ansicht des Zentralstellenleiters Professor Rudolf Egg belege dies, dass die Täter nicht in erster Linie sexuelle Probleme haben, sondern vielmehr Störungen im sozialen Verhalten. Rückfallgefährdet sind der Studie zufolge insbesondere jüngere Straftäter und Exhibitionisten, die sich öffentlich entblößen. Für psychisch kranke Straftäter sind Sexualdelikte oft ein Ventil für aufgestaute Aggressionen und Wut. Diese Ansicht vertritt Christine Pozsar, die leitende Oberärztin des Fachkrankenhauses für Psychiatrie in Göttingen. Das wichtigste Ziel sei, dass der Täter sein Problem erkennt und dann lerne, es sozialverträglich zu lösen, also ohne eine Gefährdung für andere, erläuterte die Psychiaterin. Den meisten Tätern gemein sei, dass sie in ungünstigen Familienverhältnissen aufgewachsen seien, ohne festen Bedingungen, aus der unteren sozialen Schicht stammten und häufig eine geringe Schulbildung und kaum eine Berufsausbildung hätten. Jemand, der nach außen hin ein intaktes Familienleben führt, sei extrem selten, konstatierte die Oberärztin. Bottroper Sexualverbrecher gesteht grausige Morde Derweil hat im Prozess um drei bestialische Frauenmorde ein 31-jähriger Dachdecker aus Bottrop zum Prozessauftakt am 17.08.2000 ein Geständnis abgelegt. Während der Schilderung seines Lebenslaufes räumte der Mann mehrfach die Taten ein. Die Anklage wirft dem Handwerker dreifachen Mord und den Totschlag an seiner eigenen Tante vor. "Ich sitze hier als mehrfacher Mörder", sagte der zweifache Familienvater zum Verhandlungsauftakt vor dem Duisburger Schwurgericht. Laut Staatsanwalt soll der Bottroper zwischen 1994 und 1998 drei 26, 28 und 30 Jahre alte Frauen mit einem selbst gebauten Schussapparat umgebracht haben. Anschließend soll er die Opfer missbraucht und die Leichen bestialisch zerstückelt haben. "Der Angeklagte ist für die Allgemeinheit gefährlich", erklärte Staatsanwalt Martin Hein und forderte die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus. Die Anklage geht allerdings in allen Fällen von verminderter Schuldfähigkeit aus. Im September 1994 soll der Dachdecker im niederländischen Leiden eine 28-jährige Anhalterin aus Südafrika erschossen und sich danach an der Toten sexuell vergangen haben. Anschließend wurde die Leiche aufgeschlitzt, Kopf, Hände und Brüste wurden abgeschnitten. In den Jahren 1996 und 1998 sollen dem heute 31-jährigen zwei Prostituierte vom Essener Straßenstrich zum Opfer gefallen sein. Auch die Leichen dieser beiden Frauen wurden nach der Erschießung zerstückelt. "Mir ist erst bei den Vernehmungen durch die Kripo bewusst geworden, was ich gemacht habe", erklärte der Familienvater im Prozess. "Kein Gericht kann dafür ein gerechtes und angemessenes Urteil finden." Zu einem möglichen Auslöser für die erste brutale Tat erklärte er den Richtern, er sei am Vorabend von seiner damaligen Freundin dreist am Telefon abserviert worden. "Da hatte ich so einen Hass in mir, das kann ich nicht in Worte fassen", sagte der Angeklagte. Schon in seiner Jugend hatte der heute 31-jährige Kaninchen getötet und ausgeweidet. Später kamen Pferde, Rinder und Tote in Leichenhallen hinzu. Dabei habe er sich Frauen vorgestellt, auf die er besonders wütend war. "Ich hatte immer den Wunsch, mit den Händen in den ganzen Körper einzutauchen", erklärte er den Richtern. Am 8. September 1994 sei schließlich die letzte Hemmschwelle gefallen. Nach einem genauen Tatplan, den er zuvor an seinem Computer erstellt hatte, erschoss und zerstückelte er die südafrikanische Anhalterin. "Damals wusste ich, das ich es wieder tun würde", sagte er. [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 23. August 2000] Zum Thema
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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