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Jede
fünfte Frau Opfer sexueller Gewalt - Weltgrößte Studien ergeben
"deprimierendes, überraschendes Ergebnis"
München
(15.06.2000) - Jede fünfte Frau ist neuen Studien zufolge im
Laufe ihres Lebens Opfer sexueller Gewalt geworden, meist im
Kinder- oder Jugendalter. "Das ist ein deprimierendes,
überraschendes Ergebnis", sagte der Münchner Präsident der
Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG),
Prof. Günther Kindermann, am Donnerstag in München. Der
Gynäkologe stellte beim 53. DGGG-Kongress zwei neue Studien vor,
die mit mehr als 4.300 Fällen die weltweit bislang
umfangreichsten Untersuchungen zu dem Thema "Sexuelle Gewalt
an Frauen" seien. An der viertägigen Tagung nehmen rund
3.000 Frauenärzte und Wissenschaftler teil.
Das Bundesfamilienministerium war bislang von Schätzungen
ausgegangen, nach denen jede siebte Frau - also rund 14 Prozent -
Opfer von Vergewaltigung oder sexueller Nötigung geworden war.
Bei einer von Kindermann präsentierten Studie der
Ludwig-Maximilians-Universität München mit mehr als 1.000
Befragten antworteten gut 19 Prozent der Frauen mit "ja"
auf die Frage, ob sie jemals zu sexuellen Aktivitäten gezwungen
wurden, die sie nicht durchführen wollten. Der DGGG-Präsident
stellte zusätzlich eine Berliner Untersuchung vor, für die
Forscher der Universitäts-Frauenklinik Charlottenburg über Jahre
hinweg Daten von rund 3.300 Opfern von Sexualdelikten ausgewertet
hatten.
Beiden Studien zufolge waren die Geschädigten in den allermeisten
Fällen minderjährig und kannten ihre Peiniger aus der Familie
oder dem näheren sozialen Umkreis. Nach der Berliner Untersuchung
waren mehr als die Hälfte der Betroffenen jünger als 16 Jahre.
Die größte Gruppe der Missbrauchten war die der elf- bis
15-jährigen, das jüngste Opfer war erst sechs Monate alt. Nach
der Münchner Befragung wurden ein Fünftel der Geschädigten im
Alter bis zwölf Jahre missbraucht.
"Mehrheitlich erleben die Opfer den Missbrauch als Kinder
oder junge Mädchen in der Familie oder durch nähere
Bekannte", bilanzierte Kindermann die Studienergebnisse. Er
kritisierte Frauenärzte und die Öffentlichkeit heftig.
Gynäkologen thematisierten das Problem der sexuellen Gewalt viel
zu wenig, die Gesellschaft verschweige es beinahe völlig.
"Wenn man sexuelle Gewalt gegen Frauen aber immer weiter als
ein Jahrhunderte altes Privileg der Männer toleriert, wird sich
nie etwas ändern", sagte Kindermann. "Ich richte einen
flammenden Appell an mein Fach, das Thema sexuelle Gewalt offensiv
aufzugreifen".
Rund zwei von drei Betroffenen kannten den Täter, hieß es in
beiden Studien übereinstimmend. Die Mehrheit der Mädchen und
Frauen wurde in der eigenen oder in der Wohnung des Peinigers
missbraucht und hatte zuvor noch nie Geschlechtsverkehr gehabt,
weit mehr als ein Drittel wurde mehrfach Opfer von sexueller
Gewalt. Das Fehlen von körperlichen Verletzungen lasse nicht
darauf schließen, dass Mädchen oder Frauen nicht missbraucht
wurden. Nur etwa zehn Prozent trugen laut der Berliner
Untersuchung körperliche Verletzungen davon.
Frauenärzte sollten sich als Anlaufstellen für die Opfer
verstehen und das Gespräch suchen. Kindermann forderte auch eine
Koordination der Hilfsangebote zwischen Polizei, Gerichtsmedizin
und Gynäkologen. Die Opfer blieben sich nach der Tat häufig
selber überlassen. Die angezeigten Verbrechen machten nur
"die Spitze des Eisbergs" aus, sagte Kindermann. Die
überwältigende Mehrheit der Opfer vertraue sich nicht der
Polizei an. Grund sei etwa, beschämende Aussagen vor Gericht
vermeiden zu wollen. Bei einer Bestrafung des häufig aus dem
näheren Umkreis stammenden Täter hätten die Geschädigten zudem
Angst, die eigenen Sozialstrukturen zu zerstören.
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